Mister Mürrisch sucht seine Rolle

Großbritannien. Ein Jahrzehnt musste er warten. Jetzt hat Gordon Brown endlich den Job seines Ex-Kumpels und Langzeit-Rivalen Tony Blair. Die Chancen, dass er den Posten länger behält, stehen gar nicht so schlecht. Zehn Gebote, die er dafür beachten muss.  profil, 2. 7. 07

 

 

 

Einfach weitermachen!

 

Eigentlich muss Brown gar nicht viel ändern. Schließlich war die Blair-Regierung eine der erfolgreichsten in der britischen Geschichte – und ein Großteil der Erfolge ging ohnehin auf das Konto von Gordon Brown. Denn vor allem in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik hatte der „mächtigste Finanzminister der britischen Geschichte“ (The Observer) die Fäden immer fest in der Hand gehalten. Die britische Wirtschaft ist seit seinem Antritt 1997 stetig gewachsen – im Jahresdurchschnitt um 2,8 Prozent. Die Arbeitslosigkeit sank von sieben auf gut fünf Prozent, Millionen neue Jobs wurden geschaffen. Brown, der bei aller New-Labour-Rhetorik im Unterschied zu seinem früheren Kumpel und späteren Rivalen Blair im Herzen immer ein Sozialdemokrat blieb, war darauf bedacht, die Chancen der Unteren zu steigern. Kaum eine Regierung im Europa der Jahrtausendwende betrieb so viel Umverteilung wie das Blair-Brown-Kabinett. Sie war nur darauf bedacht, dass das nicht zu sehr auffällt – aus Angst, die Konservativen und die Boulevard-Medien könnten das als „Wirtschaftsfeindlichkeit“ geißeln. Zuletzt ließ das Wachstum etwas nach und die Inflation zog an. Schon zum Amtsantritt am Mittwoch der Vorwoche formulierte Brown als Ziel seiner Regierung: „Eine echte Chance für jeden.“

 

Einen guten Nachfolger finden

 

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Mutiger werden

 

Brown, der belesenste britische Regierungschef seit Winston Churchill, gilt als Intellektueller, mit der Gabe, strategisch zu denken. Schon als 16jähriger durfte der frühreife presbyterianische Pastorensohn sein Geschichtsstudium beginnen. Aber sein Bewusstsein, der Beste zu sein, kontrastierte oft mit einem Mangel an Entschlusskraft. Brown-Kenner meinen, die aufregenden Tage des Jahres 1994 seien typisch für den neuen Premier gewesen. Nach dem plötzlichen Tod des damaligen Labour-Chefs John Smith stand die Nachfolgefrage an und Blair überrumpelte damals den älteren Brown. Brown fehlte die Entschlusskraft, den überraschenden Angriff seines Mitstreiters abzuwehren. Auch die zehnjährige Arbeitsteilung während der Blair-Regentschaft lässt sich in diesem Sinn interpretieren. Brown war für die großen Linien zuständig. Er zieht es vor, sich für Lösungen Zeit zu nehmen. Das kann aber als Premier nicht mehr gut funktionieren, so einer seiner Vertrauten, „wenn Herausforderungen in einem schnellen Stakkato durch das offene Fenster herein fliegen“.

 

 

Lächeln!

 

Browns größte Chance liegt dennoch darin, dass er ganz anders ist als Blair. Er gilt als Mann mit Sachverstand, ist aber mürrisch, mit einem geradezu ostentativen Mangel an Charme. Er ist also geradezu das Gegenteil von Blair, der als brillanter Rhetoriker die Briten bezauberte. Doch weil Blair so viel Beacht auf sein Image legte, den Public-Relations-Aspekt der Politik übertrieb, hatten die Briten das zuletzt satt. Ein nüchterner Zahlenhengst wie Brown ist da womöglich der richtige Mann zur richtigen Zeit – einer, dem man abnimmt, dass er die Dinge ernst nimmt. Die Gefahr: Brown könnte leicht als unsympathischer Typ gelten. Er hat in den vergangenen Wochen bereits darauf reagiert. Er hat begonnen, in Vorträgen und Interviews regelmäßig Witze zu erzählen. Ein wenig unbeholfen ist er dabei noch: Manche Witze erzählt er jetzt so oft, dass sich die Kommentatoren bereits darüber lustig machen. Browns Mitarbeiter malen ihm in seine Redemanuskripte neuerdings bunte Smileys hinein – als Hinweis, dass es auch nicht schaden könnte, gelegentlich zu lächeln.

 

Thatcher als Vorbild nehmen

 

Kommentatoren raten Brown, er möge sich nicht Blair als Role-Model nehmen, sondern die legendäre konservative Premierministerin Margaret Thatcher. Die mochte auch fast niemand, aber sie war respektiert, weil sie ihren inneren Überzeugungen folgte. Dafür wurde sie auch von Leuten geschätzt, die ihre Auffassungen nicht teilten. Eine solche Rolle würde gut zur Persönlichkeit Browns passen.

 

Raus aus dem Irak – aber langsam

 

Die britische Präsenz im Irak ist das schwerste Erbe, das Brown von seinem Vorgänger hinterlassen wurde. Blair hatte mit geradezu messianischer Gewissheit den Irakkrieg als richtig verteidigt, gegen eine Mehrheit der Briten, gegen die Mehrheit seiner Partei, sogar gegen die Mehrheit in seinem Kabinett. Brown muss hier eine – zumindest emotionale – Entspannungspolitik betreiben. Wahrscheinlich wird Brown einen mittelfristigen Abzug versprechen – und dann unindeologisch an die Sache herangehen. Ein deutliches Signal ist die Bestellung des schlauen Modernisierungs-Strategen David Miliband zum Außenminister. Der war seit jeher gegen die Intervention im Irak.

 

Sich zwischen USA und Europa entscheiden

 

Eine der vertracktesten Herausforderungen für Brown ist die Neujustierung des Verhältnisses Großbritanniens zu den USA auf der einen Seite, zur Europäischen Union auf der anderen Seite. Brown hat heftige Vorbehalte gegen die US-Regierung, ist aber auch ein Euroskeptiker. Bei seinem ersten Besuch bei US-Präsident George Bush wand er sich hinterher sichtlich, beschrieb das Gespräch in einer minutenlangen Wortgirlande, aber die Botschaft war eindeutig und lautete in etwa: „Ich kann den Typen nicht ausstehen.“ Der überzeugte Sozialdemokrat Brown hat wohl auch mehr innere Reserven gegen die politische Kultur der USA als sein Vorgänger. Doch der Europäischen Union steht er ebenso skeptisch gegenüber. Verglichen mit Brown war Blair ein glühender Pro-Europäer. Während Blair lange als Ziel verfolgte, den Euro auch in Großbritannien einzuführen, verteidigte Brown das britische Pfund. Für seine Kollegen in den europäischen Staatskanzleien wird der neue Premier kein leichter Partner.

 

Gesundheitsreform

 

Das „National Health Service“ steht schon seit Jahren ganz oben auf der Problemliste: Zu bürokratisch, zu veraltet. Lange Wartezeiten für Operationen sorgen für stetigen Zorn unter den Briten. Zwar gab es während der zehn Blair-Jahre einige Verbesserungen, doch bleibt das Gesundheitssystem Hauptquelle des Ärgers der Briten über ihre Regierung. Alarmzeichen für Brown: Die Wähler trauen der konservativen Torys eher zu als Labour, für eine Modernisierung zu sorgen.

 

Die Tories bremsen

 

Brown muss, wenn er gewinnen will, den Höhenflug der konservativen Tories bremsen. Die haben Labour bei den jüngsten Regionalwahlen abgehängt. Tory-Chef David Cameron hat sich auch geschickt als moderner Konservativer präsentiert – eigentlich hat er Blair kopiert, um ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Jetzt, wo Blair weg ist, könnte Cameron damit ein Problem bekommen.

 

Legitimation gewinnen

 

Brown ist ein Pechvogel. Sein privates Leben ist mit Tragödien gepflastert: Als 16jähriger verlor er beim Sport ein Auge, lange war unklar, ob nicht auch das zweite Auge blind würde. Vor wenigen Jahren wurde er von einer noch größeren Tragödie heimgesucht: Seine Tochter starb zehn Tage nach ihrer Geburt. Doch auch das politische Leben Gordon Browns verlief ganz anders als das von Blair, der immer den Anschein des Glückskindes erweckte, dem die Erfolge nur so zufliegen. Blair gewann den Machtkampf in der Labour-Party und triumphierte bei drei Parlamentswahlen, Brown hat noch nie eine große Auseinandersetzung gewonnen. Auch die Blair-Nachfolge regelte sich praktisch automatisch – Brown hatte keinen ernst zu nehmenden Gegenkandidaten. Damit mangelt es dem neuen Premier aber auch an politischer Legitimation: Ihm fehlt, anders als Blair, ein starkes Mandat der Wähler. In Streitfragen kann das ein Problem werden.

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