Ich weiß, was ich gerne lese. Der Roboter von Amazon weiß es auch.

Eine Kolumne für die Ausgabe "Überwachung" der Zeitschrift "liga" – Organ der Liga für Menschenrechte. September 2007

 

 

 

Vor gefühlten hundert Jahren war ich ganz ergriffen von der Anti-Volkszählungs-Kampagne. Wir Achtzigerjahrelinken waren damals überzeugt, dass man dem Staat nicht allzu viele Daten zur Verfügung stellen dürfte – er würde sie als Rohmaterial für den Repressions- und Überwachungsstaat benützen. Dabei ging es seinerzeit um ein paar grundlegende statistische Basisinformationen wie Alter oder Haushaltsgröße, die im Lochkartenzeitalter wohl noch nicht einmal verknüpft werden hätten können.

 

Nicht, dass ich extrem besorgt gewesen wäre. Orwellphantasien raubten mir keineswegs den Schlaf. Und auch heute bin ich eher von amüsierter Gelassenheit, wenn ich mir überlege, wie viel an Spuren unsereins so hinterlässt. Aber Fakt ist: Einmal „googeln“, und jeder Hobbyrechercheur weiß mehr über mich als jeder Staatsschnüffler vor zwanzig Jahren zusammentragen hätte können. 66.100 Einträge spuckt „Google“ aus, darin findet sich vieles, was ich in meinem Leben geschrieben habe, manchmal Dinge, die ich nicht geschrieben habe, manches, was ich gesagt habe, manches, was ich so nie sagen würde.

 

Dabei bin ich gar nicht unvorsichtig. Meine Sozialversicherungsnummer findet sich im Netz nicht, und ich besitze auch keine dieser Vorteils- und Stammkundenkarten, mit Hilfe derer die großen Konzerne ein Profil meines Konsum-Ich erheben. Wobei meine Präferenzen natürlich nicht unbekannt sind: Amazon weiß, was ich lese, und der Amazonroboter weiß auch überraschend genau, was ich lesen wollen könnte – er sendet mir nämlich immer wieder Kaufempfehlungen zu, die er auf Basis der bisher von mir getätigten Bestellungen erstellte. Da ist oft etwas Interessantes dabei.

 

Aber auch intime Details finden ihren Weg ins Netz. Irgendwann erstellte jemand einen Wikipedia-Eintrag über mich. In dem steht nichts, was falsch wäre, aber vieles, was auch richtig wäre, fehlt, so dass die Sache als solche auch nicht ganz korrekt wäre. Der Eintrag über mich ist in etwa so treffsicher, als würde jemand über Joschka Fischer schreiben: „Joschka Fischer war früher ein steinewerfender Linksradikaler und ist heute pensionierter Politiker.“ Ist zwar faktisch richtig, freilich, es fehlt doch etwas viel dazwischen. Aber egal. Das lustige an den Wikipedia-Einträgen ist ja nicht das, was den Weg auf die Site findet, sondern das, was Beitragschreiber so reinklopfen, vom Moderator aber rückgängig gemacht wird, noch bevor es online geht.

 

Denn das Netz ist ein Tummelplatz obsessiver Narren. Einer meiner Lieblingsclowns hackt, wann immer er etwas von mir liest, was ihm nicht passt, und das kommt oft vor, in meiner Wikipedia-Seite herum. Bei der Gelegenheit zieht er dann gerne auch über meine Frau her, obwohl die gar nichts dafür kann. Mal sehen, wann er meine Kinder reinzieht. Bei Wikipedia wird das aber ohnehin nicht aufgenommen. Das lustige ist, dass er, beim Versuch, negative Spuren über mich im Netz zu platzieren, selbst Spuren hinterlässt. Seine IP-Adresse lautet 62.178.221.34, und die findet sich bisweilen auch bei bösen Postings auf meinem Blog und ich weiß auch, wem sie gehört. Das zählt nur zu jener Art von sinnlosem Wissen, wie man es heutzutage massenhaft anhäuft.

 

Also, mit einem Wort, es ist schon schlimm, was sich so alles über einen im Netz finden lässt. Schlimmer ist heutzutage nur eines: Wenn man im Netz überhaupt nicht vorkommt. Dann ist man nämlich sozial inexistent, ja, eigentlich gibt es einen dann gar nicht.

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