Kämpfende Kirche

Angestachelt von der „Rückkehr der Religionen“ mischt sich die katholische Kirche wieder ungenierter in die Politik ein. In Spanien ruft sie auf, die Sozialisten „abzuwählen“, beim Sturz von Italiens Premier Romano Prodi hatte das Episkopat die Finger im Spiel. Kehrt der Politkatholizismus zurück? profil, 18. Februar 2008


Kämpfende Kirche
 
Vatikan. Angestachelt von der „Rückkehr der Religionen“ mischt sich die katholische Kirche wieder ungenierter in die Politik ein. In Spanien ruft sie auf, die Sozialisten „abzuwählen“, beim Sturz von Italiens Premier Romano Prodi hatte das Episkopat die Finger im Spiel. Kehrt der Politkatholizismus zurück?
 
Zweideutig war der Aufruf des Papstes keineswegs: „Geht aus der Sakristei unters Volk!“ befahl der Pontifex dem Klerus. Der mischte sich in der Folge auch entschieden ein in die Politik, gründete Parteien, Gewerkschaften, Sozialorganisationen. Wurden die zu eigenständig, wurde sie an ihre Pflicht zur „Unterwerfung und Gehorsam gegenüber den Bischöfen“ erinnert. Etwas mehr als hundert Jahre ist das jetzt her, seit der „politische“ Papst Leo XIII. jene Kirchenlinie skizzierte. Es wurde ein schöner Erfolg.
 
Bischöfe erließen von den Kanzeln Wahlaufrufe, verdammten ihre politischen Gegner, ließen sich mit sinistren Militärs ein und in politische Ämter wählen – wie der ebenso legendäre wie berüchtigte österreichische Bundeskanzler Ignaz Seipel, der „Prälat ohne Milde“. Aber das ist lange vorbei. Zumindest in Westeuropa hat sich die katholische Kirche in den vergangenen fünfzig Jahren weitgehend aus den tagespolitischen Grabenkämpfen herauszuhalten versucht.
 
Wird diese bewährte Linie nun abermals aufgegeben? Der Eindruck drängt sich auf, wenn man dieser Tage nach Südeuropa blickt. In Spanien und Italien versucht der Klerus wieder verstärkt, bei Wahlen und Regierungsbildungen mitzumischen. Und: In beiden Fällen laufen die Fäden bei Papst Benedikt XVI. zusammen.
 
In Spanien liegt die Regierung unter dem sozialistischen Premier Jose Luis Rodriguez Zapatero vor den Parlamentswahlen vom 9. März in einem Clinch mit den Bischöfen, wie man ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Erzbischof von Madrid, Antonio María Rouco Varela, hat offen dazu aufgerufen, die Sozialisten „abzuwählen“. Bemerkenswert ist, dass der ultrakonservative Kardinal auch die gesamte Bischofskonferenz auf seine Linie brachte. Die gab zwar in ihrem „Wahl-Hirtenbrief“ keine explizite Wahlempfehlung ab, erklärte aber mit Hinweis auf die Einführung der „Homo-Ehe“, wer derartige Initiativen ergreife, sei für einen gläubigen Katholiken „nicht wählbar“.
 
Dem vorausgegangen war ein bemerkenswerter Schritt aus der Sakristei unters Volk. Rund 200.000 Menschen strömten in Madrid auf die Straße, nachdem die Bischöfe aufgerufen hatten, „für die traditionelle Familie“ zu demonstrieren. Viel Purpur war da auf der Tribüne, Kardinäle wetterten unter dem Jubel kreuzkonservativer Demonstranten gegen den „Radikal-Laizismus“. Per Videowall war Papst Benedikt XVI. aus Rom zugeschaltet. Allein der Umstand, dass der Pontifex Maximus als Video-Redner mit Sendungsbewusstsein bei einer Demonstration gegen die sozialistische Regierung auftrat, gab der Sache höheren Segen. Hinzu kommt die Person des ultrafundamentalistischen Madrider Kardinals selbst: Varela war Ende der sechziger Jahre Theologiedozent an der Universität München und ist seither ein enger Vertrauter des Bayern und vormaligen Kardinals Josef Ratzinger.
 
Überrascht und verstört – so waren die Reaktionen in Spanien. Zwar war das Verhältnis zwischen der sozialistischen Regierung und dem Klerus schon seit längerer Zeit gespannt gewesen, doch hatte Premier Zapatero einen Konfrontationskurs mit der Kirche vermieden. „Diese Kirche trauert dem Gestern nach“, sagt Juan José Tamayo, Theologe an der Universität Madrid, der selbst immer wieder mit den katholischen Autoritäten manchen Strauß auszufechten hat. „Nur wenige nicht-konfessionelle Staaten zeigen der Kirche gegenüber so viel Respekt wie Spanien“, kommentierte das „Periódico de Catalunya“ und fügte überrascht hinzu: „Umso schlimmer und schockierender ist die Kampfeslust der Kirche“.
 
Dass die sozialistische Regierung nicht nur die Ehe für Homosexuelle eingeführt hat, sondern gleichgeschlechtlichen Paaren auch noch das Adoptionsrecht einräumte, hat den spanischen Klerus ins Mark getroffen. Der zählt seit jeher zu den konservativsten Europas. Praktisch ein halbes Jahrhundert war die Kirche mit dem rechten Diktator Franco verbündet und sie hat diese Geschichte nie aufgearbeitet. Erst im vergangenen Herbst wurden 489 spanische Nonnen und Geistliche in Rom selig gesprochen, allesamt als „Märtyrer“, die im Bürgerkrieg von linken Republikanern getötet worden waren. Es war die größte Massenseligsprechung der Kirchengeschichte.
 
Schon ist von der „Wiederkunft der Pfaffenpolitik“ (Der Standard) die Rede – vor allem, weil sich auch in Italien hartnäckig das Gerücht hält, der Vatikan und die italienischen Bischöfe hätten beim Sturz von Premier Romano Prodi im Jänner die Fäden gezogen. Eines ist jedenfalls klar: Auch in Italien mengen sich die Kirchenfürsten wieder ohne jede Scham in die Politik ein. Der Christdemokrat Clemente Mastella, bis dahin Justizminister in Prodis Regierung, hatte dem Premier just an dem Tag die Gefolgschaft verweigert – und zu Fall gebracht -, als die italienische Bischofskonferenz sich mit ungewohnt schroffen Worten hervorwagte. „Wir brauchen endlich wieder eine christlich orientierte Regierung, die unsere Werte vertritt und durchsetzt“, sagte Kardinal Angelo Bagnasco, der Präsident der Bischofskonferenz. Vor allem Kardinalvikar Camillo Ruini, direkter Vertreter des Papstes in dessen Funktion als Bischof von Rom, sorgt mit seinen Moralkampagnen immer wieder für Aufregung. Zentrale Themen: das Abtreibungsgesetz aus den achtziger Jahren, das immer heftiger in Frage gestellt wird, und die Homo-Ehe.
 
Römische Insider verweisen jetzt auch darauf, dass Prodi schon einmal seine Mehrheit verloren hatte und beinahe gestürzt wäre: an dem Tag im vergangenen Sommer, als die Regierung das Gesetz über die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften einbringen wollte. Beim zweiten Mal ließ die „provozierte kirchliche Hierarchie“ Prodi nun endgültig über die Klinge springen, formulierte die Tageszeitung „La Stampa“: „Die Bischofskonferenz attackiert Prodi, Mastella schießt ihn ab“.
 
Handeln Theo-Cons wie die Kardinäle Ruini in Rom und Varela in Madrid auf einen Wink des Papstes? Oder sind das nur isolierte Einzelaktionen ultrareaktionärer Bischöfe? Schließlich kritisieren nicht nur liberalere Bischöfe, wie Alessandro Plotti, der Erzbischof von Pisa, die offene Einmischung könne „zu einem antiklerikalen Bumerang“ werden, auch das Vatikan-Zentralorgan „Osservatore Romano“ verwies vergangene Woche luzide darauf, „der Vatikan ist ein unabhängiger Staat, der sich in die inneren Angelegenheiten eines Nachbarlandes nicht einmischt“.
 
Die Kirche fällt wohl nicht zurück in den politischen Katholizismus der dreißiger Jahre – aber sie wird wieder politischer. „Wenn ethische Fragen auf dem Spiel stehen“, verteidigt sich Kardinal Ruini, dann könne die Kirche „gar nicht anders, als zu intervenieren“. Zurückhaltung ist jedenfalls nicht mehr erste Kardinalstugend, das sehen auch weniger hartgesottene Konservative so. Wiens Kardinal Christoph Schönborn beispielsweise freut sich in seinem jüngsten Buch ehrlich darüber, „dass überall die Religionen massiv wieder zu einem politischen Faktor werden“. Dem Argument, dass „religiöse Motivationen nicht in die Politik einfließen dürfen“, kann er jedenfalls nichts abgewinnen: „Natürlich dürfen sie das. Das sind ja die Überzeugungen der Bürger.“
 
Kardinäle sind ja schließlich auch nur Bürger.
 
Wer sich umsieht in den einschlägigen kirchennahen Publikationen, der stellt schnell fest: Es gibt auch im scheinbar liberal ausgedünnten westeuropäischen Christentum Anzeichen neuer politischer Verhärtungen. Ja, gerade dieses liberal ausgedünnte „Allerweltschristentum“ wird als Problem gesehen und mit Neid blickt man auf die einflussreichen Polit-Evangelikalen in den USA, aber auch auf frömmelnde Muslime. Selbst ein so aufrechter katholischer Aufklärer wie der Tübinger Religionswissenschaftler Hans Küng spricht nicht ganz unbeeindruckt, wenn er sagt, „das Erwachen des Islam, das hat auch viele Christen geweckt“. Küng: „Dieser Mut zum Bekennen, das imponiert ihnen.“
 
Aber noch in einer anderen Hinsicht „inspiriert“ die islamische Herausforderung ein neues Politchristentum: als Feindbild. Angesichts „der Moslems“ wird die zivilisatorische Überlegenheit des Christentums herausgestellt, es zieht damit aber selbst in die christlichen Diskurse ein fundamentalistischer Sound ein. In den Internetforen vom frömmelnden Rand liest man das dann so: „So wie es nur einen Gott gibt, den christlichen, so gibt es auch nur eine Wahrheit, die christliche.“ Subtext: Alle anderen sind Ungläubige.
 
Nicht zuletzt treibt die grassierende Aversion gegen den Islam den Kirchenführern neue Bündnispartner zu. So will der französische Präsident Nicolas Sarkozy den strengen Laizismus seines Landes aufweichen: „Die Wurzeln Frankreichs sind in wesentlichen christlich.“ Regelrecht hofiert wurde Sarkozy wegen dieses „positiven Laizismus“ vergangenes Monat vom Papst – obwohl der virile Franzose da gerade erst geschieden war und mit Neo-Frau Carla Bruni noch sündig in wilder Ehe lebte.
 
Die Religiösen fühlen sich im Aufschwung, seit auch in aufgeklärten Kreisen vom „postsäkularen Zeitalter“ die Rede ist und Philosophen wie Rüdiger Safranksi markig verkünden: „Gott ist doch nicht tot.“ Politisch sind Bischöfe, aber auch Imams und Rabbis, ohnehin längst wieder gut im Geschäft: Kaum ein Runder Tisch in Parlamenten und Ministerien zu Ethik- oder Integrationsfragen, bei denen die Geistlichkeit nicht ihre fix reservierten Plätze hat.
 
Wenn der Papst als Ziel die „Re-Evangelisierung Europas“ formuliert, dann ist damit natürlich nicht das alte mächtige Politchristentum gemeint, aber doch schon eine Kirche, die „politischer und kämpferischer“ wird, wie das Papst-Biograph Peter Seewald nennt. „Missionierung nach Innen“ und „Entscheiderkirche“ (Kardinal Schönborn) sind die Catchphrasen – man wünscht sich eine Kirche der Überzeugten, mit der man den Kampf gegen die „Diktatur des Relativismus“ führen kann, wie das Kardinal Joseph Ratzinger in der Eucharistiefeier zum Auftakt des Konklaves formulierte, das er als Papst verlassen hat. Das Lebensziel des Papstes ist „die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Relativismus“, betonte jüngst wieder sein Alter Ego, Privatsekretär Georg „der schöne Giorgio“ Gänswein.
 
„Werteverfall, moralischen und politischen Niedergang, Fatalismus“, verteufelte auch Italiens Chefbischof Bagnasco in seiner jüngsten Moralpredigt, auf die der Sturz von Premier Romano Prodi folgte. Ein Schritt Richtung „Kernkirche“ war es zweifellos: Meinten vorher noch 56 Prozent der Italiener, sie hätten Vertrauen zum katholischen Klerus, so sagen das heute nur mehr 49 Prozent.

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