Ein Wirtschaftskollaps macht noch keinen linken Frühling

Nützt die Krise „den Linken“? fragte mich der WDR. Folgendes bekam er zu Antwort. Hören kann man es hier.

 

Die Linken triumphieren. Seit mindestens zwei Jahrzehnten hatten sie die neoliberale Ideologie angeprangert, den Irrglauben, dass eine radikal deregulierte Marktwirtschaft, in der jeder seinem Eigennutz folgt, Prosperität für alle bedeute. Und sie hatten vor den systemischen Instabilitäten und Ungerechtigkeiten des digitalisierten Finanzmarktkapitalismus gewarnt, in dem Milliarden Dollar an Anlegerkapital mit einem Mausklick von einem Ende ans andere Ende der Welt verschoben werden. Jetzt hat diese linke Kritik auf spektakuläre Weise recht bekommen. Eine neue linke Ära kann beginnen.

Aber halt! Stopp! Der Kapitalismus schrammt hart am Kollaps vorbei, aber die Linken scheinen davon nicht zu profitieren. Attac? Nicht gerade im Aufschwung. Die Parlamentspartei „Die Linke“? Steht eher schlechter da als vor einem Jahr. Die Sozialdemokraten? Die hängen ihrem Finanzminister Peer Steinbrück an den Lippen, der gegen einen „krassen Keynesianismus“ stichelt, wie sich das kein Wall-Street-Broker heute mehr trauen würde. Irgend etwas ist hier erklärungsbedürftig.

 

Gut, das ist nicht das ganze Bild. Barack Obama gewann die Wahl zum US-Präsidenten. In Island darf nun eine rot-grüne Regierung die Trümmer wegräumen. Praktisch überall haben die Regierungen, auch die, die noch vor fünf Monaten „weniger Staat, mehr privat“ propagierten, die Schalter über Nacht umgelegt: Bankenrettungs- und öffentliche Konjunkturprogramme werden in einem Ausmaß aufgelegt, wie es sie praktisch noch nie gegeben hat. Kollabierende Banken werden verstaatlicht. Es ist die größte Nationalisierungswelle seit Wladimir Iljitsch Lenin.

 

„Die Linke“ in einem sehr weiten Sinn ist gewiss in der Offensive. Linke Überzeugungen – etwa, dass radikal freie Märkte nicht automatisch zu einem Gleichgewicht führen und allgemeinen Wohlstand schaffen, sondern dass Politik die selbstzerstörerischen Tendenzen des Kapitalismus zähmen muss -, die sind wieder Allgemeingut. Aber „die Linke“ in einem konkreteren Sinn ist es nicht. Das hat wohl auch mit der Marginalisierung und intellektuellen Ausdünnung der Linken in den vergangenen Jahrzehnten zu tun. Als politsch-kulturelles Milieu ist die Linke zerfasert. Das linke Grüppchenwesen hat sich oft darauf beschränkt, ressentimentgeladen zu opponieren. In den großen Parteien links der Mitte, bei Sozialdemokraten und Grünen, haben seit Jahren pragmatische Realpolitiker den Ton angegeben, Linke haben kaum mehr einen Fuss in der Tür. Und die, die hier – und in den Gewerkschaften – als „Linke“ gelten, die muffeln etwas streng nach siebziger Jahren. Das hatte nicht nur Auswirkungen auf diese Parteien – sondern auch auf die Linken. Wer nichts zu reden hat, der beschränkt sich auf Gekäppel. Der intellektuellen Überzeugungskraft ist das nicht gerade förderlich. Für viele Linke galt vor dem Ausbruch der Finanzkrise: Man war gegen den „Heuschreckenkapitalismus“. Wie das aber exakt funktioniert auf den internationalen Kapitalmärkten – dafür interessierte man sich nicht so genau. Mehr noch: Man kritisierte dies, man kritisierte das. Aber ein kongruentes linkes Weltbild, eine in sich stimmige Erzählung, die bekam man eher selten zu hören. Die wahrnehmbaren Linken, das waren Leute wie Gysi oder Lafontaine, denen es zuvorderst darum geht, in Talk-Shows ein paar schnelle, billige Punkte zu erzielen. Wer aber die Diskurshegemonie gewinnen will, muss schon mehr leisten: Er muss ein Bild einer besseren Gesellschaft und eines besseren Lebens im Kopf haben und fähig sein, andere davon zu überzeugen. Und auf der Höhe der Zeit sein.

 

Ein Kapitalismus am Rande des Kollaps bedeutet deshalb eben noch lange keinen neuen Frühling für die Linken.

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