Welt ohne Westen

In zwanzig Jahren wird es eine Weltordnung geben, die erstmals in der modernen Geschichte keine strukturierte Ordnung mehr ist, prophezeit die jüngste Zukunftsprognose des „National Intelligence Council“ der USA. Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, März 2009

 

 

 

Prognosen, sagte einmal ein kluger Kopf, sind immer riskant, besonders dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Dies betrifft die nüchternen Realisten nicht viel weniger als die Utopisten. Malt sich der Utopist die Welt so aus, wie er sie gerne hätte – mag er dabei auch reale, gegenwärtige Tendenzen berücksichtigen -, so schreibt der Realist einfach gegenwärtige Tendenzen fort. Für den Realisten ist die Zukunft eine leicht veränderte Gegenwart. Was diese Art von Prognose natürlich nie zu erfassen vermag, sind die historischen „Überraschungen“. Stellen wir uns kurz einmal vor, wie jemand vor zwanzig Jahren die „Zukunft“ vorausgesagt hätte: Hätte er den Kollaps des Ostblocks prognostiziert? Den spektakulären Aufstieg Chinas? Die Revolutionen der Kommunikationstechnologie? Die Expansion der Finanzmärkte – und deren Kollaps? Sind also mittelfristige Prognosen immer schon eine heikle Angelegenheit, weil sie „Überraschungen“ nicht in ihr Modell einbauen können, so sind sie noch einmal komplizierter, wenn man gerade in der jüngsten „Überraschung“ drinnen steckt, aber deren Implikationen noch nicht vollends abschätzen kann. Schließlich deutet vieles darauf hin, dass die Notprogramme zur Rettung der Finanzmärkte, die im Herbst aufgelegt wurden, nicht ausreichen; dass ein Großteil der systemrelevanten Banken praktisch pleite sind und dass sie faule Kredite in ihren Büchern haben, die selbst die Rettungskapazitäten wohlhabender Staaten übersteigen können. Wenn man annimmt, dass deutsche Banken in Wirklichkeit auf Risiken von 2000 Milliarden US-Dollar sitzen, dann würde ein Kollaps auch das reiche Deutschland überfordern – die Summe beläuft sich auf zwei Drittel des deutschen BIPs. Österreichs Finanzhäuser haben alleine in Mittel- und Osteuropa Kredite im Ausmaß von mehr als 60 Prozent des BIPs ausständig. Amerikas Banken stehen nicht gerade besser da, die britischen eher noch schlechter. Man kann sich die Zukunft vorstellen – aber kann man sich einen Kapitalismus ohne Finanzsystem vorstellen? Natürlich nicht.

 

Überlegungen wie diese stellen sich schnell ein, wenn man „Mapping the Global Future“, die Vorausschau des US-amerikanischen „National Intelligence Council“ (NIC) zur Hand nimmt. Unser Wissen über die Zukunft ist beschränkt. Aber dass es nur beschränkt ist, bedeutet andererseits, dass wir einiges über die Zukunft wissen können. Denn erstens ist es durchaus fruchtbar, ein Bild zu entwerfen, wie unsere Welt aussehen würde, wenn sich gegenwärtige Trends ohne allzu große dramatische Abweichungen weiter entwickeln würden. Und zweitens ist es natürlich so, dass bestimmte säkulare Langfristbewegungen auch durch systemische Schocks nicht vollends umgekehrt werden.

 

Dazu gehören: Bevölkerungsentwicklung, globale Machtverschiebungen, Ressourcenknappheiten. Der NIC ist ein Think Tank innerhalb des amerikanischen nachrichtendienstlichen Komplexes und das heißt, er hat eine bestimmte Aufgabe: Risikobewirtschaftungen. Möglichst früh auf neue Sicherheitsrisiken hinweisen. Wie wird die Welt also nach Einschätzung des NIC im Jahr 2025 aussehen? Der Westen und die USA werden ihre führende Rolle behalten, aber ihre dominante verlieren. Ein „multipolares System“ wird sich entwickeln. Besonderes Gewicht legen die Studienautoren auf den Aufstieg Chinas und Indiens. Die Weltbevölkerung wird noch einmal um zusätzlich 1,2 Milliarden Menschen wachsen, 57 Prozent der Weltbevölkerung werden in Städten leben (gegenwärtig 50 Prozent). Dies führt zu weiterer Ressourcenknappheit. Schon heute leiden 21 Staaten mit einer Bevölkerungszahl von 600 Millionen an einen Mangel an Frischwasser und bebaubaren Land, diese Zahl wird sich auf 36 Länder mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden erhöhen. Der Einstieg ins „Post-Erdöl-Zeitalter“ wird gelungen sein, die technologischen Voraussetzungen sind geschaffen, aber die allgemeine technologische Umrüstung hat gerade erst begonnen. Einerseits wird das den Ländern, die jetzt schon ihre Potenz auf Erdölreichtum begründen, angesichts schwindender Förderungen und wachsendem Energieverbrauch noch mehr an Macht geben, doch wird diese Macht bereits zu schwinden beginnen. Vor allem Länder wie Saudi-Arabien, deren Einkommen wesentlich vom Erdölgeschäft abhängen, werden schwierigen Zeiten entgegengehen.

 

In Summe wird sich das internationale „System“ soweit verändern, dass der Begriff „System“ selbst schon eine fragwürdige Hilfsvokabel ist. Früher, als Europa noch dominant war, gab es zwar auch das „europäische Konzert“ mit mehreren Mächten, die waren aber immer in Allianzen organisiert. Später gab es führende Weltmächte, zeitweilig zwei strukturierende Blöcke. Die Welt des Jahres 2025 könnte aber, so die Befürchtung der Autoren, eine Welt ohne eine solche strukturierende Ordnung sein. Zusätzlich zur Heterogenität der Staatenwelt kommen weitere Diskontinuitäten: transnationale Organisationen und global agierende NGOs werden ihren Einfluss ebenso geltend machen wie das internationale organisierte Verbrechen. Manche Staaten werden zu unregierbaren Failed States, andere werden von der Mafia praktisch übernommen werden. Die Risikokandidaten sind nicht nur Staaten wie Afghanistan und Somalia, sie sind „uns“, also dem stabilitätsgewohnten Westen, nahe: die Ukraine, Mexiko können leicht zu Herden der Instabilität werden. Regieren ist in diesem sowohl horizontal wie vertikal zerfaserten Mehrebenensystem schwierig und wird wohl eher subtile Formen globaler „Governance“ verlangen. Diese Transformationen des globalen Systems führen die Autoren dazu, die kommenden 15 bis 20 Jahren als einen „der großen historischen Wendemomente“ zu charakterisieren.

 

Schließlich ist die Verschiebung des relativen Wohlstandes – grob gesprochen von West nach Ost – „ohne Beispiel in der modernen Geschichte“. Grundsätzlich ist das eine globale Success-Story. 135 Millionen Menschen sind allein zwischen 1999 und 2004 drückender Armut entkommen, die „globale Mittelklasse“ wird in den nächsten zwanzig Jahren auf 1,2 Milliarden Menschen anwachsen – und damit auch in relativen Zahlen an Bedeutung gewinnen. Werden ihr heute 7,6 Prozent der Weltbevölkerung zugerechnet, dürfte sie demnächst bald 16 Prozent stellen. Auch manche Länder – vornehmlich in Asien, Nahost und Afrika -, die heute noch dem „Bogen der Instabilität“ zugerechnet werden, könnten in ruhigeres Fahrwasser kommen. Heute sorgen hier Millionen zukunftsloser Jugendliche für Revolten und gewalttätige Eruptionen. Aber die jungen Angehörigen der Unterschicht werden einerseits selbst älter – und ruhiger -, andererseits ist eine überdurchschnittlich junge Bevölkerung, die im Phasen ökonomischer Stagnation eine Gefahr darstellt, in Phasen des Aufschwungs ein Plus: dann gibt es junge Arbeitskräfte und relativ wenige Alte, die zu versorgen sind. Das Bild ist hier durchaus nicht eindeutig und die Autoren prophezeien zumindest in einigen Ländern eine Entspannung der Lage.

 

Das Signum der kommenden Ära wird aber durch den Aufstieg Chinas und Indiens geprägt. China wird, wenn die gegenwärtigen Trends nur annähernd beibehalten werden, 2025 die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sein und eine führende militärische Macht. Chinas Führung wird den „historischen Kompromiss“ aufrecht zu halten versuchen: beschränkte Freiheit und Machtmonopol der Kommunistischen Partei im Austausch gegen stetige Wohlstandszuwächse. Dieser Kompromiss ist aber stets gefährdet. Wenn das Wachstum einbricht, wird die Führung auf die stille Zustimmung der Bevölkerung nicht mehr ohne weiteres bauen können, was durch folgenden Sachverhalt noch verschärft werden kann: „In der Geschichte haben die Menschen, wenn sie einmal wachsenden Wohlstand gewohnt waren, zornig reagiert, wenn ihre Erwartungen nicht mehr länger erfüllt wurden und sehr wenige Menschen hatten mehr Grund für hohe Erwartungen als die heutigen Chinesen.“ Sowohl China wie auch Indien werden weiter wachsen, werden aber zunehmend Schwierigkeiten haben, das bisherige Wachstum fortzuschreiben. Als eines der größten globalen Risiken schätzen die Autoren der Studie darum die Möglichkeit ein, dass sich China und Indien zunehmend in die Quere kommen können – insbesondere in ihrer Jagd nach Ressourcen. Von harter Konkurrenz bis bewaffneten Auseinandersetzungen ist hier alles möglich.

 

Die Denker des NIC analysieren nüchtern und ohne Alarmismus, und doch schleicht sich ein dunkelgrauer Ton in ihre Prognose. Als Szenario erscheint eine chaotische „Welt ohne Westen“ – also ohne strukturierende hegemoniale Weltmacht – am Wahrscheinlichsten, mit mehreren aufstrebenden neuen „Welt“-Mächten, die im Extremfall auch noch miteinander in Konflikt geraten können. Europa wird weiter in sich verstrickt sein und zudem einen wachsenden Anteil seines Reichtums für die alternde Bevölkerung aufbringen müssen, mit allen Wohlstandsverlusten, die das impliziert. Japan sitzt am absteigenden Ast. Russland hat in der Vergangenheit zu wenig in „Human Ressources“ investiert, was sich in zunehmenden Maße rächt und wird mehr und mehr von ethnischen Konflikten geprägt sein – da die slawische Bevölkerung schrumpft und die nichtrussischen Ethnien nicht länger die zweite oder dritte Geige spielen wollen.

 

All das ist möglich. Freilich, wir wissen schon aufgrund vergangener Prognosen: Es kommt nie, wie man glaubt. Dennoch ist das Dokument des NIC eine inspirierende Lektüre. Mag es uns auch nicht mit Sicherheit zu sagen, wie die Welt wird, informiert es in jedem Fall über die gegenwärtigen Tendenzen der Welt, wie sie ist.

 

Mit denen ist es wie mit dem Waldsterben, vor dem mit Recht gewarnt wurde, und das gerade deshalb nicht eintrat: Man muss sie kennen, wenn man dafür sorgen will, dass Negativszenarios nicht Wirklichkeit werden.

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