Wer sind hier die Geisterfahrer?

Die deutsche Medienfront im antigriechischen Abwehrkampf. Der Freitag, 5. Februar 2015

Von dieser Woche wird sich die deutsche Medienlandschaft so schnell nicht mehr erholen – mit welcher Verve und untergriffiger Verbissenheit hier die neue griechische Regierung als Ansammlung irrlichternde Hallodris beschrieben, wie hier mit Un- und Halbwahrheiten hantiert wurde, das war schon ziemlich jenseits des Üblichen. Man will sich gar nicht vorstellen, welch nationalbesoffene Geschlossenheit herrscht, wenn es einmal wirklich ernst wird. FAZ, Süddeutsche, Welt & Bild, ein einziges Getrommle, bloß die Zeit (und natürlich die taz) waren von den überregionalen meinungsbildenden Blättern letzte Ausnahmen – hier gibt es noch so etwas wie inneren Pluralismus. Von dem unsäglichen „Spiegel“-Titel „Der Geisterfahrer – Europas Albtraum Alexis Tsipras“ ganz zu schweigen. Der „Spiegel“ ist ja offenbar deshalb auf den Samstag-Erscheinungstermin ausgewichen, um den Nickname „Bild am Montag“ wieder los zu werden. In den – wohlgemerkt: öffentlich-rechtlichen – Tagesthemen fragt die Moderatorin den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz, ob er Alexis Tsipras wohl hoffentlich doch gesagt habe, dass es „jetzt reicht“. Geile Frage, freu mich schon darauf, wenn sie Schulz einmal fragt, ob er Merkel gesagt habe, dass es reicht; ob er jetzt einmal endlich mit Merkel „Tacheles“ geredet habe. Aber wahrscheinlich würden der mutigen Dame schon beim Gedanken an eine solche Frage die Knie schlottern.

Nein, im Ernst: Eine solche Woche haben wir in einer Zeit der Legitimationskrise großer Medien und der „Lügenpresse“-Vorwürfe gerade noch gebraucht. Wer solche Journalistenkollegen hat, braucht keine Pegidas mehr und auch keine Internet-Trolls.

Wirft man einen Blick in die internationale Presse, dann zeigt sich erst, wie sehr Deutschland mittlerweile aus dem Takt ist. Von Guardian, New York Times, Le Monde über Wall Street Journal oder Forbes bis zur Financial Times – überall durchaus sachliche, wenngleich natürlich nicht unkritische Berichterstattung. Das betrifft die Beurteilung der griechischen Regierung als solche, aber natürlich noch viel grundsätzlicher den Blick auf die Eurokrise und die Austeritätspolitik. Praktisch überall herrscht mittlerweile Konsens, dass die Anti-Krisenstrategie mit ihrem Mantra aus Sparen, sogenannten „Strukturreformen“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ nicht funktioniert. Erstens, weil man Strukturreformen genau dann am wenigsten hinbekommt, wenn man gleichzeitig die Konjunktur abwürgt; und zweitens weil man das Verhältnis Schuldenstand zu Wirtschaftsleistung nicht verbessern kann, wenn man die Wirtschaftsleistung erdrosselt. Austerity doesn’t work, das weiß die ganze Welt. Nur Deutschland nicht.

Man ist hier schon so weit jenseits des globalen wirtschaftswissenschaftlichen und -publizistischen Mainstreams, dass Deutschland wie von einem anderen Stern wirkt. Out of touch mit der Welt und mit der Realität.

Der halb reale, halb anscheinende Erfolg der Agenda-2010-Reformen haben in Deutschland ein echtes Einheitsdenken befördert – dass man alle wirtschaftlichen Probleme lösen könnte, wenn nur alle so „solide“ wirtschaften würden wie die Deutschen. Der Sog der Hegemonie dieses Denkens ist so stark, dass sich heute auch Sozialdemokraten und Grüne nur mehr wenige Zentimeter von diesem Mantra wegzuentfernen wagen, ein Umstand, der das Einheitsdenken wiederum bestärkt. Die gleiche Dynamik hat man in der Medienwelt, und beide Felder sind mit Rückkopplungsschleifen miteinander verbunden.

Das Resultat: Deutschland, ein Tal der Ahnungslosen, das zunehmend in einer Wahnwelt lebt. Da ist es fast schon lustig, wenn der „Spiegel“ Tsipras einen Geisterfahrer nennt. Das erinnert an den Witz von dem Geisterfahrer, der im Radio hört, es gäbe auf der Autobahn einen Geisterfahrer, und angesichts des dichten Gegenverkehrs ausruft: „Einen? Unzählige!“

blogwert

2 Gedanken zu „Wer sind hier die Geisterfahrer?“

  1. Insbesondere kaum nachvollziehbar erscheint für den nichtdeutschen Leser ja, aus welcher Motivation sich diese konzertierte Diffamierung der aktuellen griechischen Regierung im speziellen sowie der Griechen insgesamt in den deutschen Mainstream-Medien speist. Worauf begründet sich diese pauschale Animosität überhaupt? Ist mir unerklärlich.
    (Ein herausragendes Exempel journalistischer Niedertracht legt in dieser Causa überdies der stern vor, indem er seinem Publikum die Schlagzeilen vorkräht:
    »Griechenland prasst mit vollen Händen
    So verpulvert Alexis Tsipras künftig Milliarden« *)

  2. Es muss mit der Sprache zusammenhängen,
    die Schulden und SCHULD zusammenbringt.
    Vielleicht haucht auch noch eine unterbewusste Erinnerung mit.
    Kaum dass „die Griechen ihre Unabhängigkeit“ vom Osmanischen Reich erkämpft hatten schickten die europäischen Mächte einen
    Bayern nach Griechenland. Aber auch mit König Otto erlitt Griechenland bald einen Staatsbankrott und wurde in den
    1880ern unter die Aufsicht der europäischen Gläubiger gestellt.
    Diese ganze unerträgliche Geschichte hat sich schon einmal
    abgespielt, wir haben sie nur vergessen.

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