Wenn jemand fragt, wofür Du stehst

Das Lokale und das Globale – meine taz-Kolumne „der Rote Faden“ über Frank Castorf, Wanda, Nino & Co.

Die Aufregung darüber, dass Chris Dercron die Nachfolge von Frank Castorf an der „Volksbühne“ übernehmen wird, mag leicht übertrieben sein. Das Geschehen wird auch mit verschiedenen Narrativen belegt, etwa, dass das nun das endgültige Ende der Wende ist, weil mit Carstorf und der mit ihm verbundenen Theaterarbeit der letzte Rest widerborstiger DDR-Kunst verrentet wird. Eine andere Storyline, mit der das Geschehen beschrieben wird, könnte man so zusammen fassen: Das Globale radiert das Lokale aus. Nun ist das in der Kunst ein heikles Argument, denn die meisten Künstler von Format würden sich selbst ja nicht als „Lokalkünstler“ sehen. Aber dennoch ist natürlich etwas dran: Kunst braucht Zeit, Strömungen brauchen Orte, um ihren Stil zu entwickeln. Eine besondere Eigenart bilden sie dann aus, wenn sie ein wenig Kind ihrer Zeit und Resultat der Umbrüche sind, die um sie stattfinden und vielleicht auch ein wenig Produkt der Geschichte. Demgegenüber gibt es das globale Kunst-Jet-Set, das Formate produziert, die durchaus auch toll sein können, aber an jedem Ort der Welt gleich aussehen. Das ist es, was gerade etwas abschätzig als „Kuratoren-Kunst“ oder „Event-Kunst“ abgetan wird.

blogwertGewiss spricht das Theater Frank Castorfs von einem Ort aus – buchstäblich, es insistierte ja sogar regelrecht auf seiner Örtlichkeit, wie ein Kanonenboot thront es über dem Rosa-Luxemburg-Platz. Gleichzeitig wird das Lokale auch sofort wieder global, und ist dann spätestens in der nächsten Saison auch in Wien, Zürich, Paris und anderswo zu sehen. Aber auch die scheinbar ortlose globale Kultur ist womöglich in Wirklichkeit eine lokale Kultur, aber eben bloß die, die dominant geworden ist, oder, um das böse zu sagen: die, die gewonnen hat. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum man sie so gerne mit dem Neoliberalismus assoziativ zusammen bringt.

Wir Ösis kennen uns mit diesen Fragen ganz gut aus, weil man uns, im Unterschied zu, sagen wir: den Hannoveranern, das Lokale üblicherweise anhört, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß. Gerade gibt’s ja einen Hype um den österreichischen Pop. Wanda, Bilderbuch, Nino, Ja Panik!, Kreisky, wir können, auch wenn sie nicht ganz genau in diese Reihe passen, auch Soap&Skin oder Gustav noch dazu denken. Schon wird eine neue Austropop-Sensation ausgerufen. Eine eigentümliche Sache, da ja erst das gehäufte Auftreten dazu führt, dass jetzt plötzlich eine Band wie Ja, Panik! unter diesem Branding subsumiert. Mit Wanda und Bilderbuch wird, was bisher peripherer Diskurs-Pop war, plötzlich Mainstream und zieht die anderen in der Beachtung mit hoch, wobei aber durchaus gemutmaßt werden darf, dass die anderen den Boden erst bereitet haben für den Triumphzug von Wanda und Bilderbuch.

Stilistisch ist das natürlich nicht über einen Kamm zu scheren. Ja, Panik! hat mit dem Hamburger Post-Punk mehr gemein als mit Wolfgang Ambros, während sich Wanda und der Nino aus Wien auf viel stärkere Weise aus dem Fundus der österreichischen Poptradition bedienen, von André Heller bis Sigi Maron, von Hansi Lang bis Falco. Sie sind insofern nicht nur Acts aus Österreich, sondern in einem eminenteren Sinne österreichische Acts. Die Rampensau-Typen von Wanda wiederum, die ganze Hallen voller tausender Twentysomethings zum Kochen bringen mit ihren krachenden Zeilen, die jeder mitsingen kann, ja, die schon so etwas wie geflügelte Worte geworden sind („wenn jemand fragt, wofür du stehst…“), funktionieren natürlich auf gänzlich andere Weise als der spröde Nino mit seinem eigentümlichen, verhuschten Charisma und seinem poetischen Sog. Aber jeder diese Acts ist auf seine Art ein reines Wunder. Auf gewisse Weise sind alle, und zum Ausgangspunkt zurück zu kommen, lokal, aber ohne jeden Regionalmief. Lokale Moderne, sozusagen.

Soweit ich das überschauen kann, ist jede dieser Bands zwischen „irgendwie“ und explizit links, wenngleich die meisten nicht Politpop machen. In der Sprache der Kunst nennt man das, glaube ich, „Relevanz“, wenn man irgendwie mehr als Entertainment machen will, ohne den Parolenholzhammer auszupacken. Das Schöne am Begriff „Relevanz“ ist seine Unbestimmtheit, es ist mehr eine Ahnung von einer Bedeutung, die zwischen den Zeilen des Poetischen herumwabert. Botschaften werden nicht vermittelt, sondern vom Publikum selbst verfertigt, und sie verdichten sich in Stimmungen.

Mein Freund, der Musiker und Essayist Robert Rotifer sieht in all dem schon die Gefahr eines neuen Austro-Miefs und patriotischen Wir-Gefühls und gibt zu bedenken, „dass der Pop seine Vielfalt stets gerade im magischen Überwinden lokaler Identitäten gefunden hat“. Ich verstehe, wie er das meint, finde Wanda, Nino & Co. aber trotzdem super. Aber er ja eh auch.

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