Der Nette, der es krachen lässt

Alexis Tsipras wird von Weggefährten als ruhig, ja gar als scheu beschrieben. Wie es kam, dass der griechische Premier mit dem Referendum auch sein politisches Schicksal aufs Spiel setzte. Ein Porträt für „Zeit.de“

alexis frühstückDie Sonne brennt über den Stadtteil Ampelokipoi von Athen, da, wo die Außenbezirke langsam in Richtung Innenstadt übergehen. Touristen zwängen sich in den engen Bus, weil hier die U-Bahn Richtung Flughafen abfährt. Aber kaum einer derer, die ihre Trolleys durch die Hitze zerren, weiß, dass hier um die Ecke eine politische Karriere begann, wie sie selten ist im heutigen Europa: Hier an der Oberschule machte in den neunziger Jahren erstmals ein junger Mann von sich reden, als er die Schüler- und Studentenbewegung gegen die Schulreformen der damaligen Regierung anführte.

Zwanzig Jahre später. Vor der Villa Maximos gleich hinter dem zentralen Syntagma-Platz versuchen zwei Polizisten unter dem Dach einer kleinen Wachhütte ein wenig Schatten zu bekommen. Im Obergeschoss amtiert der einstige Studentenführer jetzt als Premierminister. Eine große Aula, marmorgekachelter Boden im Schwarz-Weiß-Muster, griechische Säulen, große Flügeltüren, die auf den Balkon hinaus führen. Man muss nur einmal um die Ecke gehen, und schon ist man in einem Büro mit zwei Schreibtischen, das gar nichts Prunkvolles mehr hat. An einem der Tische lümmelt der Premier in einem Stuhl und blättert sich durch Papiere. Beige Jeans, kariertes Hemd – heute ist Samstag und alles noch ein wenig mehr Casual. Alexis Tspiras Stimme ist tief und rau. Erst in der Nacht ist er von einem der der vielen Notfall-Treffen mit Jean-Claude Juncker aus Brüssel zurück gekommen, von denen es so viele gegeben hat in den vergangenen Monaten. Man sieht Tsipras an: Er ist müde, richtig fertig. Der Mann steht unter einem immensen Druck. Noch hofft er auf Unterstützung im Rat der Regierungschefs. Oder besser: durch die entscheidenden Leute. „Im Rat wird ja nichts diskutiert. Da gibt es doch keine Demokratie“, sagt er mit einer Handbewegung und einem Lächeln, die soviel sagen sollen wie: Wer glaubt, im Kreis der EU-Regierungschefs werde ernsthaftes politisches Zeug beredet, der muss schon ziemlich naiv sein. Aber die Geste hat nichts Herablassendes. „Alles ist ruhig hier“, sagt er dann irgendeinmal unvermittelt. Soll heißen: Keine Panik, keine hysterischen Massendemonstrationen. Tsipras sagt das so überstürzt, dass man den Eindruck hat, dass er sich darüber am meisten wundert.

Die Verhandler berichteten, dass das griechische Kompromissangebot vom Montag zunächst positiv aufgenommen wurde, aber seither von Schäuble, Dijesselbloem und den IMF-Vertretern Stück für Stück wieder untergraben werde. „Das führt zu nichts mehr“, sagte Tsipras irgendwann, und: „Je mehr wir uns auf sie zubewegen, umso mehr bewegen sie sich von uns weg.“

Das ist er also, der „Irre von Athen“, wie ihn beinahe die gesamte deutsche Medienlandschaft porträtiert. Der Gambler, der „gefährlichste Mann Europas“. Aber wie tickt dieser Alexis Tsipras tatsächlich?

blogwertEr ist so ein Politiker, der ein anderer wird, wenn das Scheinwerferlicht angeht. Ist es aus, sitzt man mit ihm in seinem Büro oder beim Heurigen in Wien Döbling, dann ist Tsipras nicht so ein lauter Polterer, der wie selbstverständlich das Zentrum des Geschehens ist. „Im Kern ist er ein scheuer Mensch“, sagt eine griechische Politikwissenschaftlerin, „fast zu scheu für einen Premier.“ Er ist dann einfach normal, lächelt normal, ein Lachen, das man schon als echt empfindet, nicht wie dieses maskenhafte Freundlichsein, mit dem einem so mancher Politiker gewogen stimmen will.

Ist Ihnen dieser Beitrag etwas wert? IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Wer sich Tspiras und seinen engsten Kreis als weltfremde Ideologen vorstellt, der könnte kaum falscher liegen. In der Schaltzentrale der Regierung hat Tspiras seine engsten Mitarbeiter um sich geschart, allesamt junge Männer zwischen dreißig und vierzig. Da ist Staatsminister Nikos Pappas. Da ist sein Generalsekretär – also so eine Art wichtigerer Kabinettschef – Dimitris Tzanakopoulos. Da ist Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis. Man könnte die drei auch Tsipras Bubenpartie nennen. Alle drei gut ausgebildete junge Männer, die fließend englisch und teilweise auch fließend deutsch sprechen. Es sind junge Männer, die auch zuhören und Gegenargumente gelten lassen können, schon alleine, weil diese ohnehin selbst in ihrem Kopf herumspuken. Wenn sie ihre Pläne ausbreiten, wie man eine Schuldenrestrukturierung organisieren könnte, bringen sie auch gleich selbst vor, dass man hier natürlich Mechanismen einbauen müsste, die künftigen „Moral Hazard“ ausschließen. Auch sie sind im Zeitalter der Ambivalenz angekommen. Die Uhren gehen in Griechenland da nicht so viel anders. „Wir wollen doch nicht zurück zur alten Zeit, in die Zeit der Budgetdefizite“, sagt Tzanakopoulos. Und: „Wir stehen vor Dilemmata, von denen wir nie dachten, dass wir ihnen je begegnen könnten.“ Das ist durchaus doppelsinnig gemeint: Nicht nur diese großen, unmöglichen „Alternativen“, vor die die Regierung in den vergangenen Wochen gestellt wurde – kurz gesagt: in die Knie gehen oder den Totalzusammenbruch riskieren -, sondern auch die kleinen Dilemmata, etwa, wie schafft man die Reform des alten Klientelsystems, wenn man gleichzeitig, um sich Mehrheiten abzusichern, auch mit den alten Klientelparteien einen Ausgleich braucht? Was muss man opfern vom eigenen Programm, um wenigstens den Kern des eigenen Programms durchzubringen?

„Zauderer ist er keiner“, so sagt es ein Syriza-Funktionär aus dem engsten Umfeld des Premiers. Aber er ist auch keiner, der wie eine Dampframme voran geht und einsame Entscheidungen fällt. „Das könnte er auch gar nicht in dieser Partei.“ In seiner Partei hatte er schon den Respekt des Integrators, bevor sich der Erfolg einstellte.

Wird es heikel, hat man gelegentlich den Eindruck, dass Tsipras die Dinge mit Charme zu regeln versucht. Dass sich doch Merkel und Tsipras bestens verstehen, hört man beinahe stündlich, wenn man sich in den Couloirs der Athener Macht (oder müsste man sagen: der Ohnmacht?) umhört. Da kann sich schon der Eindruck aufdrängen, dass verbindliche Freundlichkeit mit Unterstützung verwechselt wird, etwa, wenn die Frage nach dem Scheitern von Syriza, in Europa Allianzen zu bilden, mit dem Hinweis gekontert wird, es gäbe doch in Wirklichkeit eine subtile Allianz mit Merkel gegen Schäuble. Da fragt man sich dann schon unwillkürlich: Haben sie ein richtiges Foto von den Haarrissen in Europa?

Dass Tsipras einer Regierungspartei vorsteht, deren direkte Partnerparteien innerhalb der Europäischen Union meist oppositionelle linke Randparteien sind, verkompliziert die Sache wohl noch einmal. Einen Gutteil der Informationen über die politische Spielanordnung anderswo hat Syriza aus diesen Quellen, und akkurates Wissen darüber, welche Player aus dem Establishment möglicherweise als Verbündete zu gewinnen sind, wird man aus diesen Quellen schwer bekommen – für die gilt ja schon alles was knapp rechts von Sahra Wagenknecht ist als politischer Gegner der Linken.

Aber diese Missverständnisse sind womöglich wechselseitiger Natur, dachten doch viele in Europa, Tsipras sei der versöhnliche Good Cop, mit dem man Kompromisse schließen kann, während etwa Leute wie Yanis Varoufakis den Bad Cop geben. „Dabei ist Tspiras der Härteste“, sagt Theodoros Paraskevopolos, der im Parlament für die Koordination von Partei, Regierung und Parlamentsfraktion zuständig ist.

Es bleibt so etwas Sphynxhaftes um Tsipras. Da ist der Tspiras, der gar nicht so sehr als Linkspolitiker punktet, sondern als neuer Typ des Politikers: Jungenhaft, energetisch, Anti-Establishment, mit den Attributen der Cooleness wie etwa dem offenen Hemd. Eher Generationsphänomen als politisches Phänomen auf einer Links-Rechts-Achse. In dieser Hinsicht ist Tspiras gar nicht so anders als Tony Blair in besseren Zeiten oder Barack Obama. So ein bisschen diese JFK-Aura. Dann ist da der Pragmatiker Tsipras, der weiß, dass er nicht mit dem Kopf durch die Wand kommt, und der einem bunten Flohzirkus von Radikalen vorsteht, die er im Zaum halten muss; der Tsipras, den man deshalb in der Ordnung des Syriza-Bündnisses meist dem „rechten Flügel“ des Zentrums zuschlägt, der aber dann doch immer wieder die Rhetorik der harten Linken anstimmt, wenn es die Absicherung seiner Position verlangt. Ist er ein chamäleonhaftes Machtgenie? Oder doch eher einer, der die Entscheidung scheut, der jetzt als Premier nicht recht weiß, wer er sein soll: Oppositionsführer gegen „das System“ oder Realpolitiker?

Man weiß das nicht völlig sicher und deshalb ist es auch so schwer, ihn zu berechnen. Als er am Montag der Vorwoche in Brüssel selbst ein 8-Milliarden-Austeritätsprogramm als „Kompromiss“ vorschlug – also scheinbar drauf und dran war, einzuknicken -, traf das die Anhänger seiner Syriza-Partei wie eine Keule. Es schien gut möglich, dass Tsipras diesen Plan in seinen eigenen Reihen nicht durchbringt, was seine Entscheidung für das Referendum erklären könnte. Dann wäre er daran gescheitert, dass ihm die europäischen Partner nicht mit irgendeinem verkaufbaren Detail – und sei es nur ein halbwegs verbindliches Versprechen auf Schuldenrestrukturierung – über die Klippe geholfen haben, sondern im Gegenteil fest entschlossen waren, ihn über die Klippe zu stürzen. Oder aber Tsipras ist, ganz andersrum, ein schlauer Fuchs und hat seine eigene hidden agenda. Auch diese These kursiert: Dass Tipras aus – übrigens ökonomisch durchaus plausiblen Gründen -, der Meinung ist, dass Griechenland in der Eurozone keine Chance hat, aber weiß, dass er zugleich keine Mehrheit unter den Griechen für einen Euroaustritt hat – bisher jedenfalls. Dann wäre die jetzige Zuspitzung tatsächlich als Strategie zu deuten, sich eine solche Mehrheit in der griechischen Bevölkerung zu schaffen. Wahrscheinlich ist das aber nicht – es hat eher die Logik der heutzutage so beliebten Verschwörungstheorien, die sich die „eigentlichen“, verborgenen Gründe für welches Handeln auch immer zusammenphantasieren.

Ist er ein chamäleonhaftes Machtgenie? Oder doch eher einer, der die Entscheidung scheut, der jetzt als Premier nicht recht weiß, wer er sein soll: Oppositionsführer gegen „das System“ oder Realpolitiker?

In seiner Partei selbst ist Tspiras das unbestrittene Zentralgestirn. Der telegene Premier, der 2009 als 35jähriger den Parteivorsitz unternahm, hat praktisch niemanden an seiner Seite, der es mit seinen Starqualitäten aufnehmen könnte – außer Finanzminister Yanis Varoufakis, der in Griechenland noch immer wie ein Rockstar verehrt wird, aber in der Partei ein Fremdkörper ist und zu dessen größten sozialen Kompetenzen sicherlich nicht die Integrationsfähigkeit gehört. „Mit seinem konkurrenzlosen Kommunikationstalent ist der gewinnende Tsipras in der Lage, einem ganzen Sektor der Gesellschaft eine Stimme zu geben, der jahrzehntelang nicht gehört wurde“, schrieb einmal der Guardian über ihn. Dass er dabei auch Töne anschlägt, die man als Populismus zu diskreditieren versucht, ist gewiss wahr, aber natürlich auch die Stärke von Tsipras: schließlich ist ja das das Geheimnis seines Erfolges, dass er eine Linke schuf, die, nach den Worten von Pablo Iglesias, dem spanischen Podemos-Anführer, „mehr wie das Volk aussieht“. Wie hätten die, die Tsipras Spiel mit dem Populismus vorwerfen, die Linke denn lieber? So, wie man sie in hiesigen Versammlungssälen trifft, die in der Sprache akademischen Kauderwelsches agitiert? Oder lieber eine Linke, die im technokratischen Jargon scheintoter sozialdemokratischer Regierungsfunktionäre oder in der Bürokratensprache von Gewerkschaftern redet? Natürlich spricht Tsipras die Sprache des einfachen Volkes – aber das ist ja wohl eher seine Stärke, nicht sein Defizit.

Mittlerweile spricht er übrigens auch ganz passabel Englisch. Tatsächlich wurde Tsipras, der sich noch vor zwei Jahren eine öffentliche Debatte in Englisch kaum zutraute, regelrecht zum Staatsmann und Premier „trainiert“.

Gelegentlich, so beschreiben es Parteiinsider, übertreibe es Tsipras auch mit der Taktierei. Dass er aber den großen Masterplan im Kopf hatte und schon drei Züge im voraus dachte, als er das Referendum ausrief, glaubt dennoch kaum jemand. Dafür sprechen auch Recherchen der „New York Times“. Nach deren Informationen hatte Tsipras am Freitag vergangener Woche seine engsten Mitarbeiter und sein Verhandlungsteam in einem Konferenzraum im 25. Stuckwerk eines Brüsseler Hotels versammelt. Jeder musste seine Handys abgeben, dann wurde Klartext geredet. Die Verhandler berichteten, dass das griechische Kompromissangebot vom Montag zunächst positiv aufgenommen wurde, aber seither von Schäuble, Dijesselbloem und den IMF-Vertretern Stück für Stück wieder untergraben werde. „Das führt zu nichts mehr“, sagte Tsipras irgendwann, und: „Je mehr wir uns auf sie zubewegen, umso mehr bewegen sie sich von uns weg.“

Danach bestieg er das Flugzeug nach Athen, versammelte sein Kabinett und verkündete das Referendum, mit dem er auch sein politisches Schicksal aufs Spiel setzte.

2 Gedanken zu „Der Nette, der es krachen lässt“

  1. als Verfechterin der Menschlichkeit, gefällt mir dieser Artikel natürlich besonders gut! bravo! den türspalt zum Menschen Tsipras ein bißchen geöffnet, abseits der großen Politik und Diplomatie. Schlachtfelder der Moderne. Berührt, begeistert nach wie vor. Idealismus spüre ich, den ich bei unseren Politikern schon ganz und gar vermisse, zumindest derer, die im Rampenlicht stehen!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.