Über „vernünftige“ Verschwörungstheorien

Die Welt als Wille und Vorstellung

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, Dezember 2018

Unsere Gehirne sind nicht besonders dafür gemacht, Zweideutigkeiten auszuhalten. Sind wir mit Phänomenen konfrontiert, dann wollen wir eine eindeutige Antwort. Ist Putin jetzt primär böse oder irgendwie nur halb? Ist der Sieg von Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt ein Triumph einer liberal-humanitären Christdemokratie oder ein Rechtsruck? Ist Person X gut oder ein schlimmer Finger? Dabei ist es natürlich in der Regel so, dass die richtige Antwort auf jedwede Frage dieser Art ist: Es ist kompliziert.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Man kann jetzt sagen: das ist die Rückkehr einer Art von Revolte, die bei uns schon beinahe ausgestorben schien, nämlich der Teuerungsrevolte. Früher wurden bei Brotpreisrevolten oder Bierpreisrevolten ja ganze Straßenzüge kurz und klein geschlagen, aber diese hatten ihre Hochphase im 19. Und 20. Jahrhundert und seit den 1970er Jahren sind sie in Europa eher selten geworden. Man kann sie als populare Revolte mit Gravitationszentrum in der Provinz interpretieren, von Marseille bis Saint Etienne, vom Elsass über das Massif Central bis zur Normandie, der Bretagne oder zum Mittelmeer. Aufstand der Abgehängten, ohne klares Programm, aber mit einem Instinkt, einem Klasseninstinkt derer, die wütend sind – auch über die Abwertungen ihres Lebens. Revolte der Leute jenseits der Schickheitszonen. „Das Benzin ist ein Symbol für die Möglichkeit, mobil zu sein und nicht eingeschlossen zu bleiben“, sagt der Philosoph Geoffroy de Lagagnerie. Es sind die, die mit Recht die Schnauze voll haben, formuliert die grandiose Annie Ernaux, die große französische Schriftstellerin. Und Edouard Louis fügt hinzu: „Wer das Beschmieren von Denkmälern für etwas Schlimmeres hält als die Unmöglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren, der muss wirklich überhaupt keine Ahnung davon haben, was soziales Elend ist.“

Zugleich wird aber dann sofort darauf verwiesen, wie sehr die radikale Rechte es versteht, dieser Bewegung eine Sprache zu geben, die Rhetorik gegen die liberalen Eliten, die Linken, die die einfachen Leute vergessen hätten. Es ist ja auch keine Bewegung für niedrigere Preise oder für höhere Löhne sondern eine gegen höhere Steuern, die Preiserhöhungen bewirken – und damit anschlussfähig an reaktionäre Rhetoriken vom gefräßigen Staat. Und dann natürlich das ultimative Argument: rechte Fake-News-Seiten schüren die Wut und Putins Kampf-Poster-Farmen feuern mit ihren Bots den Volkszorn an.

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Letzteres ist sicher auch nicht falsch, aber der Glaube, eine sinistre Macht könne Unmut nach Belieben entfachen und steuern, hinter jeder diffusen Erscheinung, die noch nicht völlig eindeutig interpretiert werden kann, stehe einer, der im Hintergrund die Fäden zieht, lappt schon sehr in Richtung Verschwörungstheorie. Die Idee von Putins Postingarmeen ist in gewisser Weise die Verschwörungstheorie, die gegenwärtig im liberalen Zentrum beliebt ist, sie wird nicht nur Verschwörungstheorie genannt, weil die Anhänger dieser Verschwörungstheorie üblicherweise über Anhänger von Verschwörungstheorien lachen. Eine Verschwörungstheorie für Gegner von Verschwörungstheorien, praktische Sache.

Man sieht aber gerade an diesem Beispiel eben auch den Vorteil der Verschwörungstheorie, das, was Menschen so empfänglich für sie macht: sie erlauben es, eine komplexe, diffuse Welt zu vereindeutigen. Etwas ist ambivalent, hat verschiedene Seiten? Na, da hilft es, sich einzureden, der böse Putin habe das alles angezettelt. Schon hat man eine schöne Ursache-Wirkung-Phantasie, die erlaubt, der Komplexität das Komplexe auszutreiben.
Das ist eben deutlich einfacher als sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es eine Wut gibt, die berechtigt ist, dass es spontane Revolten mit den richtigen Instinkten geben kann, die zugleich eben auch Heterogen und instrumentalisierbar sind, etwa von der rechtsradikalen Hassindustrie oder von fragwürdigen Akteuren, die eben ihre außenpolitischen Süppchen kochen.

Es gibt generell zwei Arten, die Wirklichkeit zu sehen: Eindeutigkeiten zu suchen, wo Mehrdeutigkeiten sind, klare Pläne, wo eigentlich niemand einen Plan hat. Viel klüger ist es die Welt und die Geschehnisse in ihr als Prozesse zu begreifen, so wie ein Kraftfeld mit vielen Vektoren, die alle wirken, aber keiner in die gleiche Richtung, die sich verstärken, aber sich auch gegenseitig blockieren. Die Welt, wie Friedrich Engels einmal sagte, als Ergebnis vieler Willen, aber damit letztendlich als Wille von Niemandem.

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