Die Generalisierungsfalle

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz. Juli 2019

Die „New York Times“ sucht dieser Tage einen Afrikakorrespondenten, und die Stellenanzeige las sich wie eine Klischeeannonce. Das brachte, um im Klischeebild zu bleiben, beispielsweise viele Kenianer „auf die Palme“, wie die „Süddeutschen Zeitung“ sarkastisch schrieb und dabei auf die Satire „Wie man über Afrika schreibt“ des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Binyavanga Wainaina verwies: „Behandle Afrika in deinem Text, als wäre es ein Land. Es ist heiß und staubig mir hügeligen Graslandschaften und riesigen Tierherden, mit großen schlanken Menschen, die hungern. Oder es ist heiß und schwül, mit kleinen Menschen, die Primaten essen.“

Mit Generalisierungen kenne ich mich auch aus: ich komme aus einem Land, das vor allem aus Bergen besteht, dessen Bewohner hauptsächlich die Zeit in patinierten gemütlichen Kaffeehäusern verbringen, in denen der Geist des alten Kaisers weht, die stets bisschen grantig, aber immer charmant sind, und die alle über ihre Mitbürger die gleiche Meinung haben wie Thomas Bernhard: „In jedem Österreicher steckt ein Massenmörder.“

Gern sagt man auch, die Österreicher seien „strukturell konservativ“, womit sich so mancher auf Wahlergebnisse einstimmt und sie hinnimmt – statt dass man versucht, andere Wahlergebnisse zu ermöglichen. Ich finde ja, es gibt kein Naturgesetz, das festlegt, dass Herr Kurz die Wahlen im September gewinnt. Nicht einmal in Österreich.

Aber zurück zum Klischee. Wenn alles, was wir über einen Sachverhalt wissen, mediale Stereotypisierungen sind, umso selbstverständlicher akzeptieren wir sie als wahr.

Wie absurd das ist, spüren wir erst, wenn es uns im weitesten Sinne selbst betrifft. Bahman Nirumand hat diese Logik einmal mit dem Beispiel eines abscheulichen Verbrechens in Deutschland illustriert. Damals hatte in Bremen ein heroinsüchtiger Mann sein Kind umgebracht und eingefroren. Das war „in Teheran Tagesgespräch“, berichtete Nirumand. „Dann heißt es: ‚Das ist die westliche Kultur. Gott sei Dank haben wir unsere islamische Moral.‘“
Dass nicht alle Deutschen ihre Kinder töten und in der Gefriertruhe lagern, kann man ja in Persien nicht so genau wissen, zumal ja die knapp 80 Millionen Deutschen, die ihre Kinder nicht umbringen, keine Meldung wert sind.

Damit sind wir schon bei einer der oft beklagten Eigenart unserer medialen Welt, dem Sensationalismus und dem Hang zum Negativismus. Jetzt kann man natürlich beklagen, dass zum Beispiel junge, männliche afghanische Flüchtlinge medial heute ein Zerrbild abgeben. Natürlich gibt es auch so etwas wie mediale Hetze, aber ganz generell ist auch klar, dass ein junger Afghane, der eine Frau vergewaltigt und tötet, verständlicherweise eine mediale Story ist, ein junger Afghane, der keine tötet, es aber naturgemäß schwerer in die Zeitung schafft. Vom hohen Ross aufklärerischer Medienkritik kann man das immer leicht kritisieren, dass aber das Abnormale eher mediale Repräsentanz erfährt als das normale Alltägliche, liegt in der Natur des Nachrichtenwesens.

Aber es gibt noch ganz andere Generalisierungen, die wahr und falsch zugleich sind, die notwendig sind, um in einer komplexen Welt überhaupt etwas sichtbar zu machen, die aber die Komplexität zur Karikatur reduzieren.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Ein Beispiel dafür ist der Versuch, bestimmte Milieus zu beschreiben, wie etwa die heutzutage häufig untersuchte „weiße Arbeiterklasse“. Da heißt es gerne: die ist kulturell nicht mehr repräsentiert, fühlt sich politisch verlassen, ökonomisch verunsichert, weshalb sie wütend ist und deshalb besonders anfällig dafür, rechtsextreme Parteien zu wählen.

Nun ist das wahr – und falsch zugleich. Für einen Teil trifft das zu. Für einen anderen aber auch nicht. Sie ist ja schon ökonomisch heterogen. Da sind die klassischen Industriearbeiter in untergehenden Industrien, dann gibt es jene, in prosperierenden, es gibt die alten Arbeiter und Arbeiterinnen, dann die jungen, manche leben in Großstädten, andere in Kleinstädten, manche auch im Dorf. Manche sind zufrieden und empfinden ihre ökonomische Lage als gesichert und prosperierend, andere spüren wachsenden Stress und schwankenden Boden unter den Füßen. Bei dieser sowieso nicht vollständigen Aufzählung der harten soziologischen Faktoren haben wir „sanfte“ lebenskulturelle Charakteristika wie unterschiedliche Werthaltungen und die Individualität der Einzelnen noch gar nicht berührt. Und diese Unterschiede sind beträchtlich. Weshalb Sozialforscher ja durchaus nachweisen können, dass das oben gezeichnete Zerrbild gerade einmal für rund ein Drittel des beschriebenen sozialen Großmilieus zutrifft – für zwei Drittel aber gar nicht.

Das Dilemma: Ohne Generalisierung wäre unsere Welt gänzlich unübersichtlich, mit Generalisierungen sieht man systematisch falsch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.