Hoffnung wählen

Bei den Parteien fehlt es an Botschaften und Ideen, für die man sich begeistern kann. Dabei geht es nicht nur um die berühmten „Inhalte“, sondern um ein Zukunftsbild, um große Ziele.

„In jedem Österreicher steckt ein Massenmörder“, sagte Thomas Bernhard einmal, womit wohl gemeint war, dass wir alle ein bisschen fies, gemein, neidig und niederträchtig wären. Der Übertreibungskünstler Bernhard hat damit wohl ausdrücken wollen, dass Negativismus für Volk und Land „typisch“ sei. Gern wird auch behauptet, Österreichs Nationalcharakter sei „strukturell konservativ“. Aber die angeblich „strukturell konservativen“ Österreicher haben Bruno Kreisky drei Mal absolute Mehrheiten für seine Botschaft „Hoffnung“ verschafft. Übrigens: Barack Obama hat zwei Mal hintereinander die US-Wahlen mit fulminanten Mehrheiten gewonnen, mit den Botschaften „Change“ und „Hope“, also „Veränderung“ und „Hoffnung“. Wohlgemerkt, von den selben Amerikanern, die dann beim nächsten Mal den Horrorclown Donald Trump wählten. Mal gewinnt der, mal gewinnt ein anderer. Aber es ist ja immer mehr oder minder das gleiche Volk, das wählt.

Es hängt doch ein wenig davon ab, was überhaupt zur Auswahl steht. Also: die Kandidaten, die Parteien, aber vor allem auch die Botschaften und damit die Politik, die die Parteien anbieten. Die ÖVP bietet gar nichts an. Sebastian Kurz verspricht „Zeit für Neues“ (bei der letzten Wahl), oder jetzt „unser Weg hat erst begonnen“ oder „unseren Kurs der Veränderung fortsetzen“. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass da nie dazu gesagt wird, um welchen Kurs es sich handelt? Nix. Riente. Große Leere. Eigentlich geht’s nur darum, an der Macht zu bleiben. Bei der FPÖ geht’s sowieso immer nur gegen „die Ausländer“ oder „das System“. Die SPÖ hat auch kein begeisterndes Zukunftsbild sondern sagt seit Jahren schon „wählt’s uns, denn mit uns wird es langsamer schlechter“. Die Grünen sollen wir wählen, damit wir nicht alle sterben, etwa an der Klimakatastrophe. Und die Neos wollen das alles kontrollieren, also Transparenz.

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Irgend ein positives Zukunftsbild, bei dem man für „Hoffnung“ stimmen kann, ist überhaupt nicht in Angebot. Keiner sagt: Wählt uns, weil wir haben wirklich Gutes vor. Das hat mit dem herrschenden Zeitgeist zu tun. Es gibt wenig Optimismus, und viel Pessimismus. Kaum jemand hat das Gefühl, dass es uns in den nächsten Jahren besser gehen wird. Viele, dass es für sie nur darum geht, dass es nicht schlechter wird. Kein Wunder, dass dann eher wegen Ängsten gewählt wird, statt wegen Hoffnungen.

Stellen wir uns vor, es gäbe so etwas wie „realistische Weltverbesserer“. Die sagen: Das muss nicht sein, dass nur die Reichen immer reicher werden und für alle anderen wird’s knapper. Wir haben da einen Plan, wie wir wieder mehr Arbeitsplatzsicherheit herstellen, Vollbeschäftigung, mehr Wohlstand, den wir auch gerecht verteilen. Ordentliche Mindestlöhne. Mit den Steuern, die wir einnehmen organisieren wird die besten Schulen, und wir bauen wieder tolle billige Gemeindebauten, wie früher im „Roten Wien“. Politiker, die sagen: Auch die einfachen Leute haben Respekt verdient. Wir schauen darauf, dass es für alle wieder Sicherheit gibt und keiner Angst haben muss, abzustürzen. Und wir haben Schwung, weshalb wir sicher sind, dass es in ein paar Jahren allen besser geht. Auch für die Klimakrise haben wir einen Plan, damit wir in unseren Städten nicht demnächst wie in einem Kochtopf leben müssen. Und wir schaffen auch mehr Freiheit für die Bürger, damit jeder aus seinem Leben etwas machen kann, damit sich auch nicht alles um den Kommerz dreht, und jeder und jede auf jeweils ihre Art glücklich werden können. Die also glaubhaft das verkörpern, was man früher „Fortschritt“ nannte. Ökonomischen Fortschritt (Wohlstand), sozialen Fortschritt (Sicherheit), gesellschaftlichen Fortschritt (mehr Demokratie, mehr Freiheit, mehr Liberalität).

Dann wird es immer noch genügend Leute geben, die sagen: Wir wollen eigentlich, dass alles bleibt wie es ist. Dann könnte man zwischen klaren Alternativen wählen: Verbesserung und Fortschritt auf der einen Seite, Bewahren auf der anderen Seite. Verglichen mit unserer Streithansel-Politik und dem Schüren von Hass und niedrigen Instinkten wäre das doch gar nicht so schlecht, oder?

Ein Gedanke zu „Hoffnung wählen“

  1. Ohne Indizien ist es schwer, eine positive Zukunft zu versprechen. Die Demokratie ist auf dem Rückzug. Die Moral ebenso. Konzerne und Superreiche sind nicht mehr von demokratischen Entscheidungen abhängig. Vermögenswachstum frisst die Wertschöpfung. Die neuen Geschäftsfelder sind die Privatisierung des Öffentlichen Raumes. Unabhängige Medien sind auf dem Rückzug. Die EU als Schutzraum für die Zivilisation ist vom Neoliberalismus verseucht und lässt die sozialen Gesellschaften politisch aushungern. Nach der Zerstörung kommt der Faschismus. Bei allem Respekt lieber Robert Misik. Ich wäre schon froh, wenn diese Probleme am Tisch liegen würden.

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