Kakao, Kreuz & Kopftuch: Haben wir echt keine anderen Probleme?

Gefragt, was ihn denn unter anderem für das Amt befähige, antwortet der junge Finanzminister, dass er sein Konto noch nie überzogen hatte. Womöglich wäre man für ein Spitzenamt in der Demokratie noch eine Spur besser geeignet, wenn man Menschen verstehen kann, denen schon ab der Monatsmitte das Geld ausgeht.

Gastkommentar für oe24.at, 20. 1. 2020

Gefragt, was ihn denn unter anderem für das Amt befähige, antwortet der junge Finanzminister, dass er sein Konto noch nie überzogen hatte. Nun ist es gewiss nicht unbedingt ein erstrebenswertes Lebensziel, chronisch ins Minus zu rutschen, aber womöglich wäre man für ein Spitzenamt in der Demokratie noch eine Spur besser geeignet, wenn man Menschen verstehen kann, denen schon ab der Monatsmitte das Geld ausgeht.

Die Ministerin für Wirtschaft und Arbeit sagt offenherzig, „unsere Kunden sind die Unternehmen“.

Die Landwirtschaftsministerin verkündet empört, „die Sozialisten wollen Schulkindern Kakao streichen“ (wegen des Übergewichts will die EU Subventionen für zuckerhaltige Lebensmittel überdenken).

Die Frauenministerin, die blöde Anmachsprüche am Arbeitsplatz angeblich noch nie erlebt hat, ist zugleich Integrationsministerin und hat nicht nur ein Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 in Planung, sondern auch noch „als zweiten Schritt“ eines für Lehrerinnen.

Nachdem die Justizministerin, auf all das angesprochen, meint, sie persönlich brauche in einem Land, das in Glaubensdingen neutral ist und in dem Religion Privatsache sein soll, überhaupt keine religiösen Symbole im öffentlichen Raum – eine grundvernünftige Aussage –, bekommt der FPÖ-Chef schnurstracks einen Anfall: dauerempört erklärt er, dass Alma Zadić den Österreichern das Kreuz weg nehmen will.

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Man kann finden, dass Mädchen nicht dem Druck von Frömmlern ausgesetzt sein sollen und ein Kopftuchverbot sie dagegen im Einzelfall schützen könnte; man kann genauso gut der Meinung sein, dass Kleidervorschriften von oben herab eher nicht viel Integration bewirken werden, gerade dann, wenn man als Minderheit das Gefühl hat, man wird dauernd gepiesackt. Man kann auch den Kakao sehr gern haben, aber auch das Ziel – gesündere Nahrungsmittel – für höher ansetzen. Und man kann zum zweifelsohne stets fett gefüllten Konto des Finanzministers diese, eine andere oder auch gar keine Meinung haben.

Nur: Sind das wirklich unsere Probleme? Kreuz, Kopftuch, Kakao und das Konto vom Finanzminister sind so ziemlich die geringsten Probleme, die wir als Gesellschaft und weite Teile der Bevölkerung im Alltag haben. Und dennoch tut vor allem die ÖVP von Sebastian Kurz jeden Tag so, als hätten wir primär diese Probleme und reitet auf den großen Symbolthemen herum, als würde sie immer noch jeden Tag vor allem versuchen, die FPÖ rechts zu überholen. Viele normale Leute müssen jeden Euro umdrehen, stehen morgens früh auf, um jeden Tag zur Arbeit zu gehen, und kommen doch mit ihrem Geld nicht aus. Die Integration scheitert oft, weil das Geld für genügend Lehrer fehlt, weil die Kinder nicht von früh auf gefördert werden können und weil man ihnen dann auch noch einredet, dass sie hier sowieso nie dazu gehören werden. Bezahlbare Wohnungen sind mittlerweile schwer zu finden. Viele Österreicher haben wiederum das Gefühl, für alles ist Geld da, während sie sich selbst letztlich auf den Staat nicht mehr verlassen können. Dazu: Klimakatastrophe und die Sorgen wegen der Automatisierung, die künftig womöglich viele Jobs überflüssig machen wird.

Und unsere Ministerin spielt „Ministerin für Bekleidungsangelegenheiten“ und ihre gut bezahlten Kollegen diskutieren über Kakao, Kopftuch und Kreuz, weil sie glauben, damit kommen sie am schnellsten Weg zur knackigen Schlagzeile.

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