Multikulturalität ist nicht „romantisch“, sondern einfach normal

Wer sich nach kultureller Reinheit und Homogenität sehnt, ist ein weltfremder Träumer.

Weil der Wiener Gemeinderatswahlkampf langsam anläuft, muss die Integrationsministerin Susanne Raab ausrücken, um zu sagen, dass in Wien nichts funktioniert. Das ist jetzt politisch langweilig, weil erwartbar. In Wien regieren SPÖ und Grüne, und die ÖVP hat eigentlich seit den neunziger Jahren immer versucht, in Wien Stimmen zu gewinnen, indem sie gegen all das anwettert, was Wien ausmacht. Der letzte ÖVP-Mann, der in Wien eine andere Strategie verfolgte, war eigentlich Erhard Busek. Der erreichte damals noch sagenhafte 34 Prozent. Zuletzt holte die ÖVP neun Prozent in Wien. Vielleicht hat das ja auch etwas mit diesem Anti-Wien-Spirit zu tun?

In ihrer Anti-Wien-Suada im Fernsehen sagte die Ministerin Raab nicht nur einstudierte Phrasen wie „politischer Islam“, „funktioniert nicht“, „Favoriten“, sie sprach dann auch von „romantischer Verklärung von Multikulturalismus“. Die Botschaft ist: Multikulturalität funktioniert nicht.

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Lassen Sie uns diese Botschaft einen Augenblick ernst nehmen. Denn es gibt ja genügend Leute, die diesem Urteil etwas abgewinnen können und teilweise ja auch mit guten Argumenten. Es gibt natürlich Integrationsprobleme. Dafür gibt es auch mannigfaltige Gründe, die hier gar nicht aufgezählt werden können. Es ist schwer zu beurteilen, wie groß die Zahl derer ist, bei denen man sagen könnte, es gibt es grobes Problem: fünf Prozent der Migranten, zehn Prozent? Klar ist natürlich auch: Bei 90 Prozent der Migranten oder mehr gibt es kein Problem.

Ich weiß auch nicht, was die Integrationsministerin mit „Verklärung“ von Multikulturalität meint. Denn Multikulturalität existiert einfach. Homogenität der Bevölkerung ist längst Vergangenheit. Für die ganz alte Generation und für die ältere Generation, zu der ich jetzt auch schon gehöre, war das sicherlich etwas, was sich in unserem Leben verändert hat und woran wir uns erst gewöhnen mussten. Für die Jüngeren und die ganz Jungen ist das etwas ganz Gewohntes. Sie wachsen in Freundeskreisen auf, in denen es sieben, acht, zehn unterschiedliche Zuwanderungshintergründe gibt, in denen sich die Spuren verschiedener Kulturen einfach mischen. Sie verklären da nichts, für sie ist es einfach normal. Die Kinder der Gastarbeiter von gestern sind in die Mittelschicht von heute aufgestiegen, wir arbeiten in allen Firmen mit ihnen zusammen. Das ist unser normaler Alltag. Und übrigens steckt in dem Wort ja auch der Begriff „Kultur“ drin. Global mischen sich die Kulturen und deren künstlerische Ausdrücke. In der Literatur, in der Musik, in der Architektur, in der Philosophie, der Mode. Wer will denn nur im eigenen Saft schmoren? Die Kulturgeschichte wäre eine andere ohne die Schmelztiegel der Kulturen, wie sie seit jeher unsere Großstädte darstellen.

Multikulturalität existiert. In Wirklichkeit ist es doch eher so, dass diejenigen, die von einer ethnischer Reinheit träumen, von einem unvermischten Österreichertum, das von keinen fremden Einflüssen berührt sei – dass das die Romantiker sind. Was wünschen sich Leute wie Susanne Raab eigentlich? Dass sich Kulturen nicht mischen, dass wir mit nichts konfrontiert sind, was ein bisschen fremd sei? Das ist doch die weltfremde Träumerei – und es ist nicht einmal ein schöner Traum, sondern ein hässlicher.

Österreich, 21. Juli 2020

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