Das Kapital. Eine Rezension

Wie der Kommerz in alle Poren dringt. Schwierig, aber noch immer faszinierend und von erstaunlicher Aktualität: "Das Kapital" von Karl Marx. Eine Rezension für den "Fluter", die Online-Zeitung der deutschen "bundeszentrale für politische bildung". April 2004

 

Der Mann hat sich sichtlich gequält mit seinem Stoff. "Ich glaube nicht, daß unter solchem Geldmangel je über ,das Geld‘ geschrieben worden ist. Die meisten autores über dies subject waren in tiefstem Frieden mit the subject of their researches", schrieb Karl Marx 1859 an seinen Freund Friedrich Engels in dem deutsch-englischen Kauderwelsch, das sich die beiden in ihrem britischen Exil angewöhnt hatten. Marx hatte, nach der gescheiterten Revolution von 1848 in London gestrandet, bereits Anfang der 50er Jahre seine großen ökonomischen Studien begonnen. Doch es wollte nichts Rechtes werden daraus. Marx war ein Philosoph, und er näherte sich auch der Ökonomie als Philosoph. Er war zwar fasziniert vom Aufschwung der "exakten" Wissenschaften, der Mathematik, der Physik, der Naturwissenschaften allgemein, und er war auch beeindruckt von den Versuchen der Wirtschaftswissenschaftler seiner Zeit, solche "naturwissenschaftlichen" Methoden auf das Studium der Ökonomie zu übertragen. Aber er wußte auch, daß das nicht gut funktionieren kann. Denn die Wissenschaft vom menschlichen Wirtschaften handelt von Handlungen, die Menschen setzen, und damit von Handlungen, die auf andere Menschen wirken und wieder deren Handlungen beeinflussen. Letztlich hängen gesellschaftliche Prozesse deshalb immer von den Menschen ab, die sich so aber auch anders verhalten können. Gesellschaftswissenschaften können deshalb nie nach den Prinzipien der Naturwissenschaften "exakt" sein. Oft lamentierte Marx, wie er sich abmühe mit dem "Scheißpositivismus", er häufte Notizen auf, schrieb Manuskripthefte voll, verfaßte einen ersten, fast tausend Seiten langen Entwurf seines Werkes, den er wieder verwarf. Seine Gesundheit litt, die Leber war angegriffen, regelmäßig hatte er Exzeme am Kröper. "Jedenfalls hoffe ich, daß die Bourgeoisie ihr ganzes Leben lang an meine Karbunkel denken wird", schrieb er Engels, als er nach 17 Jahren Arbeit endlich den ersten Band des "Kapital" fertiggestellt hatte.

 

Unter der Knute der Ware

 

Es ist ein brillantes, faszinierendes und doch seltsames Buch. Über weite Strecken spröde, liest es sich über andere Kapitel wieder wie ein Roman, eine spannende Erzählung. Ökonomisch detailversessen, entwirft es ein allgemeines Panorama der Menschheitsgeschichte. Es ist eine kühle Analyse der Mechanismen kapitalistischen Wirtschaftens, prophezeit dann aber, daß dieser Kapitalismus an seine Grenzen stoßen und untergehen muß.

 

Marx beginnt mit der Analyse der Ware, dem Umstand, daß sie nicht bloß ein Gebrauchsgut ist, wie die Menschen es seit jeher anfertigten, sondern daß sie aufgespalten ist: in Gebrauchswert und Tauschwert. Der Kapitalismus hat diese Aufspaltung verallgemeinert. Nichts gibt es mehr, das nicht sowohl über Tausch- wie Gebrauchswert verfügt. Die Menschen arbeiten, über Güter herzustellen, aber nicht, um über die Güter zu verfügen, sondern um Tauschwerte zu erhalten. Sie entfremden sich von ihrer Arbeit und geraten unter die Knute der Ware: um Leben zu können, brauchen sie Waren, und um die zu erhalten, brauche sie die spezifische Ware, die "Geldware". Die Waren, schreibt Marx, entwickeln "Grillen", wunderliche Grillen.

 

Der Kapitalismus ist nichts stetiges, sondern ein Prozeß, in dem sich Kapitalisten und Arbeiter gegenüberstehen. Wohlgemerkt: Nicht als Unfreie, wie in Sklavenhaltergesellschaften oder im Feudalismus mit seinen Leibeigenen, sondern als Freie, die einen Vertrag abschließen. Der eine verkauft dem anderen seine Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit. Keiner betrügt den anderen, der Kapitalist zwingt auch niemanden für ihn zu arbeiten. Und doch ist das Ergebnis Anhäufung von Reichtum in den Händen der einen, und für die Arbeiter der Zwang, für die anderen zu schuften.

 

Die automatische Welt

 

Das Spannende am "Kapital" ist, daß – entgegen der landläufigen Meinung – Marx keine plumpe Anklage gegen "Kapitalisten" oder "Kapitalismus" geschrieben hat, sondern theoretisch begreifen wollte, wie ein hochkomplexes System funktioniert. Und wie daraus, ohne daß irgendjemand Böses im Schilde führen muß, eine kapitalistische Welt-Maschine entsteht, die jeden und jede als kleines Teil in ihr Räderwerk fügt. Die Warenproduktion zwingt "sich der gesamten Gesellschaft auf". Die kapitalistische Gesellschaft unterjocht jeden, "subsumiert" alles Leben, so wie in der Fabrik der "Automat selbst das Subjekt ist, und die Arbeiter sind nur als bewußte Organe seinen bewußtlosen Organen beigeordnet".

 

Was Marx nachzeichnet ist auch heute noch virulent: Wie sich die Imperative der Wirtschaftswelt die Menschen herrichten, wie Kommerz und Warenwirtschaft in alle Poren eindringen, wie das Kapital gleichsam mit Naturgewalt alle Grenzen überschreitet und immer neue Gebiete zu erobern versucht. Wie es ungeheure Kreativitäten weckt, wie es in immer komplexeren Organisationsformen darauf angewiesen ist, daß die Menschen kooperativ miteinander arbeiten – und wie es doch diese Kreativitäten zwingt, zu verkümmern, weil nur zählt, was Profit macht. Marx Prophezeiung freilich, daß der Kapitalismus dann, wenn er seine historische Mission erfüllt hat und alle weißen Flecken erobert sind, einer kooperativeren Wirtschaftsweise wird Platz machen müssen, hat sich nicht erfüllt.

 

Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. Marx-Engels-Werke Band 23. Berlin Ost, 1961.

 

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