Der nette Doktor Dean

USA. In einem Vorwahlmarathon werden Amerikas Demokraten ab kommender Woche ermitteln, wer im November gegen George W. Bush antritt. Überraschender Favorit ist der kautzige Linksliberale Howard Dean. Jänner 2004.

 

 

Es war im vergangenen Februar, da haben sich vor dem Auditorum der Demokratischen Partei in Washington nacheinander die Präsidentschaftsaspiranten aufgebaut – altbekannte Größen, Joseph Lieberman etwa, der zuletzt für die Vizepräsidentschaft kandidierte, oder Richard Gephardt, der langjährige Strippenzieher im Kongress.

 

"Dean who?" fragten sich damals nicht wenige, als ein kleiner Mann das Podium erklomm. Der hatte zwar eine Karriere als Gouverneur von Vermont hinter sich, des zweitkleinsten, mäßig bedeutenden Bundesstaates, aber landesweit war er noch nicht weiter aufgefallen. Was der Mann dann sagte, sollte in Erinnerung bleiben: "I’m Howard Dean, and I’m here to represent the Democratic wing of the Democratic Party." – "Ich bin Howard Dean und ich vertrete hier den demokratischen Flügel der demokratischen Partei."

 

Die Parteibasis tobte vor Glück. Da stand einer, der bekundete, er werde sich weder an die schneidigen Marktliberalen anbiedern, noch vor dem bigotten Bush-Patriotismus in die Knie gehen; der das martialische Kriegsgetue, im Unterschied zu den meisten seiner Parteigranden, nicht mitmachen wollte; dem der fade Drang der Ober-Demokraten zur politischen Mitte auch nervte.

 

Howard Dean, 55, Doktor von Beruf, Politiker seit knapp 20 Jahren, galt von diesem Moment an als exzentrische Erfrischung im Vorwahlkampf. Eine Chance, zum ernstzunehmenden Rivalen des Präsidenten aufzusteigen, gab ihm aber kaum jemand. Der Mann sei zu links, war fast einhellige Meinung. Und überhaupt: Woher sollte der Outcast denn das Geld für eine teure Kampagne hernehmen?

 

Das war einmal. Jetzt ist Howard Dean die Sensation der Saison. Seit Wochen schon führt er das Feld der demokratischen Bewerber in allen Umfragen an und geht er als Favorit in die Vorwahlen, die am 19. Jänner in Iowa beginnen. Eine Woche später steht dann New Hampshire an, knapp danach der Super-Dienstag in acht Bundesstaaten. Anfang März soll alles gelaufen sein.

 

Nicht wenige Beobachter vertreten die Auffassung, die Nominierung sei Dean praktisch nicht mehr zu nehmen. Andere geben Gephardt noch eine Chance, wieder andere meinen, der Senator John Edwards und der Ex-Nato-General Wesley Clark hätten noch nicht endgültig verloren. Aber alle haben sich längst mit dem Gedanken angefreundet, dass das Rennen am 2. November höchstwahrscheinlich lautet: George W. Bush gegen Howard Dean.

 

Was Dean hingelegt hat, ist mehr als eine gelungene Kampagne aus dem Handbuch der Polit-PR. "Das ist eine Bewegung", sagt Dean selbst. Hochgespült hat ihn ein Aufstand der Zornigen – der Jungen, die der konservative Moralismus ärgert, der städtischen Liberalen, die immer noch wütend sind über die Art, wie die Republikaner vor vier Jahren Al Gore den Sieg abgenommen haben und der kleinen Leute, die sich vom Washingtoner Establishment nicht vertreten sehen – einerlei, ob Republikaner oder Demokraten. Dean, selbsternannter Gegenkandidat zur "traditionellen Washingtoner Politik", hat ihnen allen ein großes Zelt gebaut.

 

Sein Wahlkampfmanager Joe Tippi, ein Computerfreak, der zuvor in Silicon Valley als High-Tech-Manager wirkte, gilt als das Hirn dieser Kampagne. Denn ausgebreitet hat sich die Dean-Mania zuerst über das Internet. Heute gibt es bereits 900 verschiedene Pro-Dean-Goups allein in Schulen und Hochschulen. 16-, 17-jährige Teenis machen begeistert mit – schon ist von den "Deanie Babies" die Rede, von der "Dean-Generation". Dabei sein gilt als schick. 

 

All das ist ein wenig bizarr, denn nichts ist hip an Dean, dem freundlichen Herrn mit dem Charisma eines Landarztes. Er selbst hat sich bis vor fünf Jahren geweigert, einen Computer auch nur anzufassen. Als Gouverneur hatte er nicht einmal eine Regierungs-Homepage. 

 

Heute gilt er als der Pionier der Internet-Demokratie – und der Demokratisierung der Demokratie. Schließlich galt gerade in den USA als ausgemacht, dass niemand eine Chance habe, der nicht über einen guten Draht zum Big Business verfügt. Dean hat vor allem über das Internet Geld gesammelt – und im vergangenen Jahr deutlich mehr eingenommen als seine demokratischen Rivalen. Mehr als 40 Millionen Dollar hat er derweil zusammen. Die Durchschnitts-Spende beträgt 77 Dollar.

 

Mit seiner direkten Art, seiner beharrlichen Weigerung, politischen Sprechblasen abzusetzen, mit seinem Anti-Establishment-Gestus war er offenbar der richtige Mann zur richtigen Zeit. Gegen den Irak-Krieg, vor allem aber gegen unilaterale Alleingänge war er schon, als sich seine Mitbewerber noch wanden oder gar für die Kriegsresolution stimmten, die Bush zum Angriff ermächtigte. Er sagt bisweilen die Dinge so gerade heraus, dass ihn das angreifbar macht. "Ich habe Probleme mit meiner Zunge", sagt er mit ein wenig Selbstironie. "Ich rede manchmal etwas übereilt." Und fügt hinzu: "Aber die Leute mögen das."

 

Anstoss erregt er mit flotten Sprüchen auf allen Seiten. Als er einmal meinte, auch Südstaatler, die am Heck ihrer Autos die Konföderierten-Fahne kleben haben – das Kennzeichen des rechten, rassistischen Amerika – seien seine Basis, weil das oft Leute mit einem harten Leben seien, für die die Regierung nichts tue, galt das als schwerer Verstoß gegen die Regeln der liberalen politischen Korrektness. Und als er nach der Verhaftung Saddam Husseins anmerkte, dadurch sei "Amerika um nichts sicherer geworden", hob helle Empörung an: nun habe sich Dean endgültig als unpatriotischer Misepeter entlarvt, hieß es.

 

Bis dato haben ihm die Anwürfe nicht geschadet. Im Gegenteil: sie haben dem Teamgeist der Deanies zusätzlichen beflügelt und das Image verfestigt, dass da endlich einmal einer ist, der die Wahrheit sagt. Dean wird auch von der antipolitischen Welle getragen, die zuletzt etwa Arnold Schwarzenegger ins kalifornische Gouverneurs-Amt spülte. Dean ist eine Art Arnie ohne Muskeln. "Sie fallen ihn an wie Haie, und er bleibt regelmäßig unverletzt", meint Sidney Blumenthal, der einstige Top-Berater von Präsident Bill Clinton.

 

Erstaunlich ist das alles, ist doch der neue Liebling der Nonkonformisten weder besonders exzentrisch noch außergewöhnlich links. Als als Sohn eines Börsenmaklers und Erz-Republikaners in New York geboren, ging Dean auf eine konfessionelle Privatschule, dann auf die üblichen Eliteuniversitäten. Von Anti-Vietnam-Protest und Bürgerrechtsbewegung politisiert, wurde er zum Demokraten, sein soziales Engagement kulminierte aber 1975 in seiner Entscheidung, Arzt zu werden. Seinen Patienten, so wird geschildert, sei er begegnet, wie heute seinen Wählern: von gleich zu gleich, und er hat immer Klartext geredet, so ernst oder kompliziert die Diagnose auch war. Als Doktor im entlegenen Burlington, Vermont, weit weg von den Glitzermetropolen, fand er seine Berufung. Seine Frau, Judith Steinberg, eine New Yorker Jüdin, ist auch Medizinerin.

 

 

 

Im Nebenberuf vom Abgeordneten bis zum Vize-Gouverneur aufgestiegen – ein Posten, den man sich vorstellen muss wie die Rolle eines Ersatzspielers beim Fussball – geriet Dean eher irrtümlich ganz nach oben. Als der Gouverneur beim Putzen seines Swimming-Pools eine tödliche Herzattacke erlitt, katapultiert Dean das in das unerwartet vakant gewordene Amt. Dean regierte erfolgreich, aber unauffällig, in sozialen Belangen progressiv, ansonsten eher konservativ. Amtsvilla hatte er keine. Seine Landsleute wussten dennoch, wie sie auch nach Dienstschluss an Dean herankommen – seine private Telefonnummer steht all die Jahre im örtlichen Verzeichnis.

 

Der nette Doktor Dean eben, den viele belächelten, als er seine Präsidentschaftskandidatur anmeldete. Langsam macht sich freilich auch im Lager des Präsidenten Nachdenklichkeit breit. Lange galt der kautzige Dean als Lieblingskandidat der Bush-Leute – gegen ihn hätten sie leichtes Spiel, glaubten sie. Zwar ist Bush noch immer der Favorit. Er ist der Amtsinhaber. Er verfügt über eine dicke Kriegskasse und den schlagkräftigeren Apparat. Die Wirtschaft kommt wieder in Schwung. Und seit der Ergreifung Saddam Husseins sind Bush‘ Ratings merklich nach oben geschnellt. Doch Dean wird nicht mehr als Jausengegner angesehen. Schließlich hat der Mann aus Vermont für eine Überraschung schon gesorgt. Warum sollte er nicht auch für eine zweite sorgen? 

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