„Die Amerikaner sind geschockt“

Der US-Politologe Michael Mann meint, dass der Krieg im Irak mit einem Abzug der US-Truppen enden wird, der einer Niederlage gleichkommen dürfte – und fürchtet, dass John F. Kerry es trotzdem schwer haben wird, das Desaster zu seinem Vorteil zu nutzen. Falter, Mai 2004

 

Der Politologe Michael Mann, britischer und amerikanischer Staatsbürger, unterrichtet an der London School of Economics, in Yale und in Cambridge. Im Vorjahr brachte er den Band "Die ohnmächtige Supermacht" (Campus-Verlag) heraus, ein Buch, das sich aus der Menge amerikakritischer Bücher durch seine ruhigen Ton, sein überzeugendes Gespür für Ambivalenzen heraushebt. 

 

Mr. Mann, wird das Gesicht von Private Lynndie England zum paradigmatischen Image des Irak-Krieges werden? Anders gesagt: Markieren die Bilder aus Abu Ghraib den Wendepunkt in der amerikanischen Strategie, Demokratie mit militärischen Mitteln zu verbreiten?

 

Mann: Ich denke, der Krieg im Irak war schon verloren. Der Skandal gibt dieser Niederlage nur eine zusätzliche moralische Dimension, nicht zuletzt in Hinblick auf die arabische, moslemische Haltung den USA gegenüber. Die arabische Welt wird das nicht als Einzelfall abtun – und ganz zu recht. Wir sehen jetzt, dass solche oder zumindest ähnliche Vorkommnisse System haben. So geht es in Guantanamo Bay zu, auf der Bagram Air Base in Afghanistan und eben auch im Irak. Die Missachtung der Genfer Konvention hat ihren Ursprung ganz oben, bei Bush und Verteidigungsminister Rumsfeld. Es gibt eine Kommandokette der Missachtung von Regeln. Was wir bisher nicht gewusst haben, ist, dass es regelrechte Lehrgänge gibt, bei denen psychologische Folter gelehrt wird – und auch der Übergang zu physischer Folter, denn gäbe es den nicht bisweilen, würde die Drohung ja schnell als Bluff erkannt. Aber all das ist nur mehr ein neuer Nagel im Sarg. Wir haben schon zuvor erkennen müssen, dass das, was als Widerstand kleiner Gruppen begann, über eine Spirale der Gewalt, Counter-Insurgency und Repression zu einem nationalen Befreiungskampf gewachsen ist.

 

Wie ist es möglich, dass die US-Führung nicht begriff, dass sie höchste Standards einhalten muss – gerade wenn sie ihren Kurs als Strategie zur Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten legitimieren will?

 

Mann: Zunächst ist die Schuld der politischen und militärischen Führung. Die Soldaten vor Ort sehen sich bedroht, und benützten ihre militärische Macht, um dieser Bedrohung zu begegnen. Der erste Fehler ist schon, zu glauben, man könnte Demokratie mit militärischen Mitteln verbreiten. Der zweite Fehler war, dass man sich nicht bemühte, lokale Allianzen zu schmieden, Unterstützung zu gewinnen. Außer den Kurden ist es nicht gelungen, relevante irakische Alliierte zu gewinnen. Man hat die Lehren aus der imperialistischen Geschichte nicht gezogen: Erfolgreiche Imperien haben immer verstanden, lokale Unterstützung zu fördern.

 

Hätte eine bessere Politik überhaupt eine Chance gehabt?

 

Mann: Ich bin da skeptisch. Ja sicher, hätte man weniger Fehler gemacht, stünden wir heute besser da. Aber das Grundproblem ist: Es gab keine irakischen demokratischen Kräfte, auf die man sich stützen konnte. Und wenn solche Kräfte existiert hätten, dann hätten sie es nicht wagen können, sich mit den US-Kräften zusammenzutun. Jeder, der mit einem Invasor kooperiert, wird als Verräter an der Nation betrachtet. Auch, wenn es im Irak auf Grund der ethnischen Differenzen keinen sehr tief verwurzelten Nationalismus gibt…

 

…bis jetzt jedenfalls…

 

Mann (lacht): …ja, wir schaffen ihn gerade, weil sich die Irakis erstmals in einer Frage einig sind – in der Ablehnung der USA.

 

Sie sagen, der Krieg ist bereits verloren. Aber ist vorstellbar, dass die USA aus dem Land geworfen werden? Militärisch sind sie derart überlegen, dass das schwer denkbar ist.

 

Mann: So einzigartig ist der Fall auch wieder nicht. Denken wir an die Deutschen in Jugoslawien. Ihre Überlegenheit hat ihnen gegen Titos Partisanen nichts genützt. Denken wir an die Franzosen in Algerien und Indochina, die Amerikaner in Vietnam und Somalia. Wie viele Kriege wurden eigentlich gegen Guerillaarmeen gewonnen? Nicht allzu viele. Bin Laden hat mit einem schon recht: die US-Bürger können hohe Verluste nicht vertragen. In Vietnam mussten 40.000 Soldaten sterben, bis sich signifikante Opposition äußerte. Im Irak sind nicht einmal 800 Amerikaner gestorben und die Stimmung kippt.  Ich weiss nicht, wie lange die USA noch im Irak bleiben – sechs Monate, ein Jahr, eineinhalb Jahre. Aber ich denke, die Präsenz wird mit einem Abzug enden, einem Abzug, der eine Niederlage darstellen wird. Wenn es die US-Führung schafft, enorme Zugeständnisse an die Gruppe um den schiitischen Ayatollah Sistani zu machen und gleichzeitig ehemalige sunnitische Baath-Offizielle zu integrieren verstünde, dann könnte es noch eine Form des Abzugs geben, die einen totalen Gesichtsverlust vermeidet. Das optimistische Szenario ist, dass der Wunsch nach einem Abzug der US-Truppen diese Gruppen so zusammenschmiedet, dass sie zur Bildung einer Art von stabiler Regierung fähig sind. Die pessimistische Variante ist, dass die US-Truppen abziehen und Bürgerkrieg ausbricht.

 

Wie wirkt sich das alles in den USA aus? Man hat den Eindruck, der demokratische Präsidentschaftskandidat John F. Kerry hat Schwierigkeiten, aus dem Desaster irgendeinen Vorteil zu ziehen. Im Gegenteil: Bush legte noch zu, weil er immerhin wie ein entschlusskräftiger Führer wirkt. Wird sich das ändern?

 

Mann: Schwer zu sagen. Die USA sind und bleiben total polarisiert. Und Kerry ist in außenpolitischen Fragen enttäuschend schwach. Natürlich sind die Amerikaner geschockt, vor allem durch die Bilder von Abu Ghraib. Jeder ist geschockt.

 

Sollte Kerry sagen: ,Wir sollten abziehen‘. Oder ist das unmöglich für einen Politiker, der Präsident werden will?

 

Mann: Es ist vor allem schwierig für ihn, weil er bisher nichts in diese Richtung gesagt hat. Und ich denke, es ist dafür – in Hinblick auf die öffentliche Meinung in den USA – noch zu früh. Die Amerikaner haben noch nicht realisiert, wie schlimm die Situation eigentlich ist.

 

Ein illustrierendes Exempel zu ihrem Buch "Die ohnmächtige Supermacht", in dem sie die Schizophrenie Amerikas beschreiben – als unbestrittene Supermacht, die unfähig und auch unwillig ist, fremde Länder permanent zu regieren, die überall präsent ist, der aber der Instinkt für die Gefühle der Anderen abgeht, und die sich eigentlich auch nicht für die Welt interessiert.

 

Mann: Amerika lässt sich mit den klassischen Imperien nicht vergleichen. Im klassischen imperialen Zeitalter gab es junge Leute, die rausgehen wollten in die Kolonien, die wirklich erfüllt waren von der Idee, die Welt zu zivilisieren. Amerikaner wollen zu Hause bleiben, nicht in den Irak gehen. Es fehlt an Fähigkeiten, an Fremdsprachenkenntnissen. Amerikanischer Imperalismus funktioniert am besten auf die indirekte Art, durch die amerikanische Popkultur, die niemanden zu irgendetwas zwingt. Dagegen verfügt er nicht einmal über die Fähigkeiten, ein Land effektiv zu befrieden – dafür hilft nämlich die technologische Überlegenheit nichts. 

 

Wenn sich die USA militärisch einmischen, sind sie äußerst talentiert, sich jeden zum Feind zu machen?

 

Mann: Man soll auch nicht übertreiben. So unpopulär ist Amerika nicht. Viele in unterentwickelten Ländern wollen so sein wie wir. Sogar George W. Bush ist klüger, als man annimmt. Und viele Irakis haben die US-Invasion begrüßt. Aber die Dynamik der Besatzung, von Guerillakrieg und Gegengewalt, entfremdet die irakische Bevölkerung. Grundsätzlich würden die meisten Iraker aber immer noch sehnlichst wünschen, der 51. Bundesstaat der USA zu sein.

 

Das militärische Abenteuertum und das Irak-Fiasko werden mit der Bush-Regierung identifiziert. Heisst das nicht auch, dass ein Regierungswechsel sofort einen Legitimitätsgewinn für die den neue US-Regierung bringt? Dies wäre doch zumindest ein Silberstreif.

 

Mann: Das ist nicht unmöglich. Aber sie wird es nicht leicht haben. Und dem irakischen Widerstand, der jetzt von Bush hochgepäppelt wird, ist egal, ob der US-Präsident Bush oder Kerry heißt.

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