Good Mourning, America, How Are You…

Amerikas Groß-Kommentatoren sind sich über die Deutung des Wahlergebnisses nicht ganz im klaren. Die meisten fallen trotzdem zur Sicherheit in den tiefen Blues. Falter, November 2004

 

Zu normalen Zeiten und unter normalen Verhältnissen wären Thomas Friedman und Paul Krugman, die Starkolumnisten der New York Times, wohl in sich ruhende Olympioniken des Geistes. Etablierte, die sich in der Gewißheit wiegen könnten, den Mainstream ihrer Nation zu repräsentieren. Mann der Mitte der eine, gewohnt, kühl und mit globalem Blick die Welt zu analysieren, Ökonom von Weltruhm der zweite. Dissidententum ist ihnen, um das Mindeste zu sagen, nicht gerade in die Wiege gelegt.

 

Vergangene Woche klangen die beiden als wären sie marginalisierte Vertreter einer radikalen Opposition oder eingekesselte Kämpfer eines aufgeriebenen Guerillatrupps. Noch nie habe ihn ein Wahlergebnis derart niedergeschlagen wie dieses, formulierte Friedman. Diesmal sei George W. Bush von einer Majorität von Leuten ins Präsidentenamt wiedergewählt wurde, "die nicht nur eine andere Politik bevorzugen als ich das tue – sie wünschen sich ein vollkommen anderes Amerika. Es ist nicht nur so, dass ich mit ihnen uneinig bin, was Amerika tun soll; wir sind uns uneinig, was Amerika ist." Und die anderen sind jetzt in der Mehrheit. Messbar. Zum Heulen. Mourning in America.

 

Paul Krugman, der streitbare Wirtschaftswissenschaftler, warf sich überhaupt gleich in die Heroenpose. "No Surrender" hat er seinen Wahlkommentar übertitelt, was mehr heißt als bloß, "nicht aufgeben", sich eher als "wir werden uns nicht ergeben" übersetzen läßt. Eine Wendung aus der Sprache des Krieges. Das Wort klingt nur bedingt kämpferisch. Denn man gebraucht es ja immer erst, wenn man schon das Gefühl hat, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Irgendwie ist es dem legendären "No Pasaran" – "Sie werden nicht durchkommen" – des spanischen Bürgerkriegs verwandt. Wenn es fällt, ist fast sicher, dass die Gegenseite die Verteidigungslinien schon beinahe überrannt hat. "Die Demokraten dürfen jetzt nicht zu kämpfen aufhören. Es geht nicht nur um das Schicksal ihrer Partei, sondern um das Schicksal des Amerikas, das wir kennen." Viel pathetischer kann man das kaum sagen.

 

"Wir haben den Blues, aber ordentlich", heißt es, weniger tragend, in der druckfrischen Ausgabe des New Yorker.

 

Mit dem Ende der Wahlschlacht beginnt der Deutungskampf. Man positioniert sich für die nächste Zeit. Und natürlich geht es auch in so großen Momenten um die kleine Münze die da heißt – Aufmerksamkeit. Nichts ist schlimmer für einen Kommentator als Unoriginalität. Und originell kann man auf verschiedene Weise sein: Auf die dramatisierende, aber auch auf die – wie heißt das hierzulande? – coole. "Akzeptieren wir doch das Urteil", schreibt Anne Applebaum lässig in der Washington Post. Ohnehin habe sie, "anders als 99,9 Prozent der Nation, nie geglaubt, dass diese Wahl die Entscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen darstelle". Eigentlich bedeute die Wahl nichts, in jeden Fall werde es schon nicht so schlimm kommen. Die coole Form der Originalität ist diesmal übrigens fast gar nicht mehr von der linksradikalen Spielart der Überspanntheit unterscheidbar, von der Behauptung, dass zwischen Bush und Kerry doch ohnehin kein Unterschied bestehe.

 

Was die Prognosen für die nächsten vier Jahre Bush betrifft, begann sich schon in den ersten Tagen nach der Wahl eine Art erster, provisorischer Konsens bei den Großkommentatoren herauszuschälen. Der lautet folgendermaßen: Keineswegs werde sich George W. Bush mäßigen, weil er es irgendwie angebracht sähe, vom neokonservativen Radikalkurs abzugehen. Der Mann ist glaubensgeleitet. Der Hinweis, in der zweiten Amtszeit werden Präsidenten sanfter, weil sie sich schon um ihre Nachrede in den Geschichtsbüchern sorgen, sei in diesem Fall "wishfull thinking", schreibt etwa Joe Klein ("Primary Colors") im Time-Magazine. Ebensolche Wunschmusik sei jedoch die neokonservative Hoffnung, Bush werde jetzt so richtig loslegen. Das täte er vielleicht gerne, aber dafür fehle ihm der Spielraum. Denn der Irakkrieg ist ja eine reale Malaise, auch wenn die Wähler diesem Umstand offenbar nicht viel Beachtung beigemessen haben, es fehlt an Soldaten, der Staatshaushalt ist zerrüttet und die Republikaner-Fraktion in Repräsentantenhaus und Kongress ist keineswegs ein monolithischer Block. Die Mehrheit in beiden Häusern wird Bush nicht viel bringen. Fareed Zakaria, Außenpolitik-Impressario und Newsweek-Europe-Herausgeber, schließt sich in seinem Kommentar dieser Deutung an, indem er die Worte des einstigen New Yorker Gouverneurs Mario Cuomo zitiert: "Wahlkämpfe sind Poesie, regiert wird in Prosa."

 

Welche konservative Strömung sich in Zukunft durchsetzt, das hängt womöglich auch von der Deutung ab, was denn eigentlich genau geschehen ist am vorvergangenen Dienstag. Denn so klar ist das nicht. Die allgemeine Meinung, die wohl nicht ganz zufällig mit dem Spin der fundamental-religiösen Rechten übereinstimmt, lautet ja: Es ging weder um Fakten, noch um den Irakkrieg, schon gar nicht um die Ökonomie – es ging um moralische Werte. Und "moralische Werte" ist im amerikanischen Diskurs ein Codewort für den Wunsch, die Abtreibung zu illegalisieren und jede Spielart von Homo-Ehe per Verfassung zu verbieten (keineswegs verbieten offensichtlich "moralische Werte", auf Basis von Lügengeschichten einen Krieg loszubrechen). Wenn diese Deutung wirklich zutrifft, dann kann die kleine, aber laute Minderheit der Wiedergeborenen wirklich jubilieren: dann hat sie die Wahlen für Bush gewonnen und kann Gegenleistungen nicht nur einfordern, dann sind die sogar zwingend. Warum sollte Bush und die republikanische Partei nicht noch weiter nach rechts rutschen, wenn Wahlen ganz rechts gewonnen werden? Dagegen hält David Brooks in der New York Times. Die Evangelikalen haben diesmal kaum mehr Wähler gebracht als vor vier Jahren, der Anteil derer, die für ein Abtreibungsverbot sind, verändert sich kaum (diesmal laut Umfragen 16 Prozent). Homophobie nimmt sogar ab. 35 Prozent der Wähler finden irgendeine Form von eingetragener Partnerschaft für Lesben und Schwule gut. Bush habe nicht wegen des Werte-Klimbims gewonnen, sondern einfach weil er der Präsident ist, weil Amerika im Krieg ist, weil er entschieden wirkt und weil die Mehrheit der Amerikaner glaubte, unter ihm sei sie eine Nuance sicherer vor Terror als unter Kerry.

 

Das hören die Evangelikalen gar nicht gern. Schon träumen sie von einer veritablen "Revolution". Bush solle nur ja nicht den Fehler begehen, auf John F. Kerrys Versöhungsgeschwafel ("Zeit der Heilung") hereinzufallen, ist auch aus dem Lager der neokonservativen Ideologen zu hören, die mit der religiösen Rechten an sich wenig zu tun haben. Konsens schadet nie, formuliert William Kristol, als Chefredakteur des Weekly Standard gewissermaßen der Chefdenker des radikal-imperialen Flügels der US-Konservativen, "aber wirkliches Staatenlenkertum erfordert etwas ganz anderes." Und dann zitiert er ausgerechnet einen Franzosen, Danton nämlich, mit der Parole, unter der Kristol die kommenden vier Jahre gerne sähe: "Kühnheit, nichts als Kühnheit."

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