Heitere, flüchtige Dissidenz

Warum es wieder modern geworden ist, von der Vernissage zur nächsten Demo zu gehen. Ein Wegweiser durch die zeitgenössische linke Kultur und Subkultur. Der Vorabdruck aus der Falter Literaturbeilage, Frühjahr 2005.

 

 

Der womöglich erstaunlichste Umstand, der bisher noch gar nicht richtig gewürdigt wurde: Die Globalisierungskritiker haben den Anschluß an jenes Milieu geschafft, das mit einer etwas herablassenden Vokabel bisweilen »Kulturschickeria“ genannt wird. An die Blase aus Konzeptkünstlern, Vernissagen-Publikum und Theorie-Milieu, die Deleuze-Derrida-&-Co-Gemeinde und die Heiner-Müller-Look-a-likes. Zirkel, die sich die letzten zwei Jahrzehnte in ihren Distinktionsgesten gegenüber »den Engagierten“ gefielen, über die sie die Nase rümpften, und indessen an Begriffen für die Welt feilten, während höchstens ein paar begriffslose Gutmenschen versuchen konnten, sie zu verbessern. Es ist da wieder etwas zusammengewachsen, was sich irgendwann Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre getrennt hatte.

 

Damals hatte sich der Weg gegabelt, weil sich nach dem »roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen), das dem Wendejahr 1968 gefolgt war, Ernüchterung breit machte. Die linksradikalen Kadergruppen hatten sich in ihrem zunehmend schrägen Paralleluniversum verpuppt, und die eher Gemäßigten hatten sich entweder auf ihrem »langen Marsch durch die Institutionen“ der linkssozialdemokratischen Fadesse verschrieben oder pflegten die ermüdenden Rituale der Basis- und Alternativbewegungen und später der Grünen. Mit der kulturellen und subkulturellen Avantgarde waren alle diese Phänotypen linken Engagements längst nicht mehr kompatibel. Unter irgendwie kritisch-bewegten Jugendlichen oder unkonventionellen Jungakademikern gab es fortan zwei Ausprägungen, die neben- und scharf getrennt voneinander existierten. Entweder man war auf irgendeine, auch schon wieder traditionelle Weise links oder, wie das hieß, »engagiert“ – oder man interessierte sich für moderne sozialphilosophische Tendenzen, las französische poststrukturalistische Theorie, hörte avancierten Pop, guckte experimentelle Filme, kleidete sich von Kopf bis Fuß in Schwarz und hatte dunkel umrahmte Brillen auf, die ästhetisch den Kassengestellen nachempfunden, dafür aber sündteuer waren. Man war auf Theorien und Kunst orientiert und pflegte einen eigenen Habitus. Die alten Glaubenssätze von der »Emanzipation des Subjekts“ hatte man elegant abserviert: Nicht nur der Begriff »Emanzipation“ war aus der Mode gekommen, auch die Idee vom Subjekt wurde demontiert. Aus Frankreich kommend, hatte sich das postmoderne Denken wie eine Flutwelle durchgesetzt und mit ihm die Gewißheit, der Mensch sei nicht Herr im eigenen Haus, er sei durchfurcht und zerspalten und dezentriert – er existiere gewissermaßen gar nicht.

 

Logischerweise hatte man auch für all die simplen Vorstellungen von der politischen Indienstnahme der Kunst in diesem Milieu nur Spott und Häme parat – seien es die Ideen von subversiven Interventionen durch Aktionismus und Situationismus, seien es die von einem politisch-moralischen Auftrag engagierter Großschriftsteller, denen einst Jean-Paul Sartre oder Heinrich Böll und bis in unsere Tage Günter Grass anhingen. Doch Grass galt eben als belächeltes Faktotum. Weder gab es in der Mainstream-Kultur noch Platz für den strengen Moralisten, der regelmäßig sein J’accuse erhebt, noch war dies in der Subkultur eine Zeit der politisch aktiven Theorie-Freaks und Poplinken.

 

Und heute? Heute ist das wieder total anders, und diese radikale Transformation ging fast wie selbstverständlich über die Bühne, so daß sie gar nicht weiter aufgefallen ist. Da hat der im Herbst 2004 verstorbene Dekonstruktions-Guru Jacques Derrida mit Jürgen Habermas den 15. Februar 2003, den Tag der globalen Friedensdemonstrationen, als Geburtsstunde einer europäischen Öffentlichkeit gefeiert; dann wettert der Wiener Schriftsteller Robert Menasse, dessen Roman »Die Vertreibung aus der Hölle“ zu den literarischen Ereignissen des Jahres 2002 gehörte, »gegen die Zerstörung des Planeten und die Beschneidung historisch errungener Freiheiten“ durch den sich als alternativlos feiernden Kapitalismus, preist die »Ketzer und Häretiker“, die »etwa bei den Globalisierungskritikern“ heranwachsen. Und jenseits dieser Großdenker und -literaten hat sich längst eine stabile Szenerie eines Radikalismus entwickelt, der nicht mehr altbacken ist, sondern schick – und doch Bescheid weiß um die Aporien des Engagements, über die enge Grenze, die rebellische Gesten vom Radical Chic trennen. An Staatstheatern wird über den Kommunismus nachgedacht; große Kunstschauen, wie etwa die jüngsten Documenta 11, werden durch ein Politik- und Theorieprogramm flankiert, in dem theoretisch über Chancen »radikaldemokratischen Aktionismus“ räsoniert, aber auch ganz praktisch über Formen von »Widerstand“ und »zivilen Ungehorsams“ berichtet wird. Es wird getan, gemacht, zu unterminieren versucht, wo das eben noch möglich ist – durchaus im Bewußtsein, daß »kaum ein Handeln möglich ist, welches die Koordinaten dieses Systems überschreitet“, weil der Kapitalismus »permanent Widersprüche integriert, verwaltet, fruchtbar macht“, daß das »Problem von Subversion unter spätkapitalistischen Bedingungen“ darin liegt, daß »Subversion zur Funktion des Systems selbst geworden ist“ (Katja Diefenbach). Der Habitus dieser Szene ist nicht mehr der des Distinktionsgewinns vis-à-vis den Engagierten, sondern eher eine Haltung des unmöglichen Engagements – ein Tun, das um seine eigenen Ambivalenzen weiß. In Katja Diefenbachs Worten: »Die Dissidenz ist flüchtig.“

 

Natürlich gibt es weiterhin diese gewisse, eigenartige Liebe zum Verschwurbelten und diesen leicht elitistischen Blick avancierter Diskurs-Jockeys auf all jene, die nicht soviel wissen, die sich einfach so, aus moralischer Empörung engagieren, die dies in eher klassischen Formen tun, die – horribile dictu – vielleicht gar die Sozialdemokratie nicht für das letzte halten, die nicht so tolle Trash-Chic- und Designer-Outlet-Klamotten tragen und die den Sound aus Differenz, Multitude, Postfordismus, Biomacht, und wie die Code-Worte alle heißen, nicht so gut drauf haben. Und es gibt auch diesen Böse-Buben-Habitus, wie er etwa im Umfeld der Berliner Volksbühne gut gedieh, der bei nicht wenigen den Eindruck erweckt, er genüge sich selbst. Aber das ist nicht so wichtig. Mode ist immer elitär und kreist um einen scharfen Sinn für Exklusivität. Gerade deswegen aber gilt: Ohne dieses Zusammenwachsen von Kunstszene und Poplinker, von modernisierter postautonomer Szene mit Engagiertenmilieus, die bis in den Mainstream hineinreichen, wäre Protest nicht wieder hip geworden.

 

Warum das so kam, ist schwer zu sagen, wahrscheinlich braucht es einen Mix an Erklärungen. Zunächst, dies ist die naheliegendste und zugleich simpelste Deutung, folgt das alles einer Logik der Konjunkturen. Daß es nach den Überspannungen der sechziger und siebziger Jahre Ermüdungserscheinungen gab und eine Abkehr von einem Aktivismus, der längst zur Routine erstarrt war, ist klar. Zugleich war helleren Köpfen deutlich geworden, daß die gesellschaftlichen Realitäten des postfordistischen Kapitalismus mit den Theorien, die man sich aus entlehnten Ideologiebruchstücken aus dem 19. und der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengemischt hatte, nur mehr mit Gewalt in Übereinstimmung zu bringen waren. Die Brandreden der Post-achtundsechziger gegen »die Herrschenden“ klangen seltsam falsch, und was daran schief lag, konnte man auf den Begriff bringen, wenn man sich etwa mit Foucaults Machttheorien beschäftigte; man wollte nicht mehr in »der Arbeiterklasse“ aufgehen, sondern »sein Ding“ machen – und adelte das, bestenfalls, indem man es mit Theorien über »minoritäre Praktiken“ zu einer strategischen Neuorientierung erklärte. Was aber zunächst in der autonomen Szene sproß, mit ihren besetzen Häusern, Stadtteilinitiativen, die dort, wo sie überlebten, zu neuen Arten von Dienstleistungsbetrieben wurden mit einem hohen Niveau von kommunikativen Fertigkeiten, diffundierte in die Gesellschaft, traf dort aber auch auf ähnliche Gestalten: die Kreativen, die »Unternehmer ihrer Selbst«, die »Marke Ich«-Protagonisten, die ihrerseits ihr Ding machen und sich regelmäßig selbst erfinden. Und so wie erstere mit dem Markt und dem Kommerz, den sie eigentlich verachteten, ganz gut zurechtkommen konnten, so haben letztere die Grenzen des Marktes, dem sie ihre Existenz verdankten, sehr schnell zu spüren bekommen. Die materielle Existenz der neuen Dienstleister ist immer prekär, ihr Selbstbild fordert von ihnen permanente Kreativität, und doch müssen sie die Aufträge, die da kommen, mit Handkuß annehmen. Während die beamteten Propheten der freien Marktwirtschaft den Kapitalismus als alternativlose Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung feierten, den es durch einen stetigen Furor von Reformen von allen Fesseln der Sozialstaatlichkeit und des Kollektivismus zu befreien gelte, so wissen diese Selbst-Entrepreneurs um das Schale an diesen Versprechungen – sie sind nämlich die paradigmatischen Figuren dieses neuen Kapitalismus. Das Paradoxe ist nun: Die Theorien über das postmoderne Selbst, das nicht Objekt einer es beherrschenden Macht ist, sondern Teil einer Machtkonstellation, durch die sich »das Kapital“, »die Macht“ gleichsam durchfrißt, Theorien, anhand derer eine ganze Kohorte von Achtziger-Jahre-Intellektuellen den Ausstieg aus dem Engagement begründete, führten nun wieder schnurstracks in das Engagement hinein. Man hatte sich Inseln, Nischen erkämpft und sich aus Verwertungszusammenhängen – nie konsequent, doch nach eigener Laune – ausgeklinkt. Der urbane Großstadtjugendliche, der mit wenig Geld auskommt, am Rande steht, aber permanent tätig ist, liest, ausgeht, Musik macht, programmiert, Videos dreht etc. ist, wie Katja Diefenbach schreibt, »eine majoritäre Figur des Minoritären geworden“. Soll heißen: zum Role-Modell. Oder, um das mit den einfachen und skeptisch-pathetischen Worten der Jule aus Hans Weingartners anrührender Antiglobalisierungskomödie "Die Fetten Jahre sind vorbei" zu sagen: "Wild und frei leben, das will doch jeder Zweite." Nur fühlt sich diese »majoritäre Figur“ jetzt selbst durch Globalisierung, die Ausweitung der Marktzone, die Verschlankung des Staates zunehmend bedroht. Weil die Nischen, in denen das Imperativ des Ökonomischen sistiert wurde, unübersehbar den kolonisierenden Angriffen des Total-Ökonomismus ausgesetzt sind.

 

Nicht jeder würde das für sich zu formulieren wissen, doch jeder spürt es, irgendwie: das Fehlen eines Außen, eines möglichen »es könnte auch anders sein“, dieser Mangel an eminenten Wahlmöglichkeiten hat eine Leere hinterlassen und sorgt für schlechte Stimmung.

 

In nur wenigen Jahren hat sich darum ein Bild von der Welt durchgesetzt, das differenziert und simpel zugleich ist. Differenziert, weil jeder weiß, daß es nicht so leicht einen Ausweg aus der paradoxen und unbefriedigenden Lage gibt – daß es nicht die drei, vier, fünf Maßnahmen gibt, die man nur durchsetzen muß, um den gesellschaftlichen Zug wieder auf ein besseres Gleis zu setzen; daß selbst die Kritiker des Kapitalismus keine Alternative zu diesem kennen; daß es wohl eher um partielle Gegenstrategien, um Dissonanzen gehen wird, die kreuz und quer verlaufen, als um traditionelle Aufstände und Konfrontationen, in denen die »Beherrschten“ den »Herrschenden“ die Gefolgschaft kündigen. Und doch ist das Bild, das da aus dem Nebel auftaucht, auch ein ziemlich simples: Hier die globalisierten Eliten in ihren grauen Busineß-Suiten, in ihren Tagungs- und Konferenzhotels, Flughafenlobbies und Bürohäusern aus Stahlbeton (oder dem unvermeidlichen Berlin-Mitte-Marmor), jenseits von Raum und Zeit, Gefühlszombies, Figuren ohne Eigenschaften, die nur Zahlen im Kopf haben; und da alle anderen, diese schillernde Buntheit aus Exkludierten, kleinen Leuten, Vorstadt-Kids, Künstlern und Lebenskünstlern, die bisweilen in Depressionen verfallen, von denen viele aber auch einen Zustand heiterer Dissidenz pflegen.

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