Eine barbarische Religion

Ein Wutanfall: Ibn Warraq rechnet mit dem Glauben ab, in den er hineingeboren wurde. Die Geschichte des Islam erweist sich darin als Abfolge von Knechtung, Mord und Greueltaten. taz, März 2005

 

 

 

Jedes moderne Einführungswerk in den Islam beginnt fast unweigerlich mit einem Lobgesang auf ein Volk, das in einer unglaublich kurzen Zeit die halbe zivilisierte Welt eroberte, mit überschwenglichen Schilderungen über die Zeiten, in denen Muslime über ein riesiges Gebiet, verschiedene Völker und Kulturen herrschten.

"Man kann sich", meint Ibn Warraq dazu nur lakonisch, "schwerlich vorstellen, dass sich ein zeitgenössischer britischer Historiker ähnliche Eulogien über das British Empire leisten könnte."

Beim Islam werden andere Maßstäbe angelegt. Der wird noch immer, wohl wegen des schlechten Gewissens des weißen Mannes, mit Glacéhandschuhen angefasst. Ibn Warraq bringt das fast aus der Contenance. "Warum ich kein Muslim bin", ist ein gelehrtes, aber auch ein erstaunliches Buch. Mehr: Ein Wutanfall. Die Rushdie-Affäre drängte den Autor dazu, dieses Buch zu schreiben. Die englische Originalausgabe erschien bereits 1995. Vom 11. September, dem dschihadistischen Furor, dem "Kampf gegen den Terror" und vom Mord an Theo van Gogh weiss das Buch noch nichts. Aber es ist nimmt die heutige Debattenlage vorweg. Seine Botschaft ist gegenwärtig viel gehört: Schluss mit der falschen Toleranz.

Dennoch unterscheidet eines diese Abrechnung auf dramatische und sensationelle Weise von den vielen antimuslimischen Pamphleten, die dieser Tage den Büchermarkt verstopfen: Es ist von einem Muslim geschrieben. Es ist die Abrechnung dessen, der aus dem Inneren des Kosmos stammt, den er beschreibt – und es hat auch viel von der Maßlosigkeit, der Unduldsamkeit, die dem Häretiker oft eigen ist. "Dieses Buch ist in erster Linie ein Ausdruck meines Rechts, jeden beliebigen Aspekt des Islams zu kritisieren, sogar zu verlästern, zu verspotten, satirisch zu verzerren wie auch zu irren", schreibt der Autor, der sich nach einem Aufklärer der moslemischen Frühzeit Ibn Warraq nennt. Der Autor ist in Indien geboren und in Pakistan aufgewachsen, lebt, wie es heißt, heute in den USA. Auf seiner Anonymität besteht er mit gutem Grund: Sein Buch hätte ihm andernfalls bestimmt eine Fatwa eingetragen, Todesurteil inklusive.

Auf 500 Seiten mit mehr als 700 Fussnoten betreibt Ibn Warraq Religionskritik von der Pike auf. Beweist, dass der Koran nicht das Wort Gottes sein kann, das dem Propheten durch den Erzengel mitgeteilt wurde: Zu viele Widersprüche, zu viel Mischmasch, radikaler Monotheismus da, faule Kompromisse mit dem Aberglauben dort, Predigten zur Toleranz in frühen Suren, Aufrufe zu Töten, Enthaupten, Verstümmeln in Mohammeds "reifer" Periode. Die Koransuren wurden ekklektisch zusammengefügt und von der zweiten Säule der autoritativen Schiften des Islams, den Hadithen, ist wohl kaum eine Überlieferung von Aussprüchen und Handlungen des Propheten authentisch.

Dennoch ist der Koran für gläubige Muslime nicht einfach eine heilige Schrift, sondern er hat einen Status, wie ihn die Bibel für die rechtsgläubigsten Juden und Christen nie hatte: Er gilt ihnen als unmittelbares, Satz für Satz diktiertes Gotteswort. Er ist definitiv, endgültig: "Im Islam wird niemals die Möglichkeit von Alternativen eingeräumt." Fortschritt ist unmöglich. Die Scharia ist göttlich und unveränderlich.

Was lehrt, fordert, rechtfertigt der Islam aber? Polygamie, Sklaverei, Beschneidung, rituelle Waschung, um die Betenden vom Einfuß böser Geister zu befreien, Furcht vor Dämonen, Greuel und Unduldsamkeit gegen Andersgläubige, Befolgung der Regeln wegen ihres Vorhandenseins, nicht ihrer Rationalität wegen, die Unterordnung der Frauen, barbarische Bestrafungen.

So ist nicht nur die Überlieferung vom Leben des Propheten sondern auch die gesamte Geschichte des Islams: Ein einziges Blutvergießen, eine Abfolge von Eroberungen, Unterwerfungen, Massenmorden, Zwangsbekehrungen, Kreuzigungen und der Tötung von Kritikern, Skeptikern, Aufklärern, Häretikern. Selbst die Toleranz im maurischen Spanien war Großteils nur nachträglich erfundene Illusion (aus taktischen Gründen in die Welt gesetzt von europäischen Juden, die mit Hinweis auf die maurische Duldsamkeit die Herrscher des christlichen Europas zur Gleichberechtigung drängen wollten).

Die Fundamentalisten und die fanatischen Mullahs haben darum schon recht, so Ibn Warraq, wenn sie sich als die wahren Repräsentanten des Islam sehen. Allen Plädoyers für einen aufgeklärten Islam "liegt die selbe Unredlichkeit zugrunde wie der Soft-Pornographie". Nicht der Fundamentalismus, der gesamte Islam ist eine Bedrohung – "und zwar eine Bedrohung für Tausende von Muslimen."

Der Islam ist unvereinbar mit Demokratie und Menschenrechten. Deswegen kann ein liberal gesinnter Mensch, so Ibn Warraq, kein Muslim sein. Er muss sogar ein militanter Anti-Muslim sein. Beinahe ebenso wie die frömmelnden Fanatiker empört sich Ibn Warraq über einfühlende Orientalisten und westliche Multikulturalisten. Deren Nachsichtigkeit, deren kultureller Relativismus endet, auch aus Angst vor der "Kolonialismus-Keule", in einem neuen Rassismus: Bei den Anderen wird toleriert, was man im eigenen Kreis nie zulassen würde. Der Multikulturalist geht von dem Irrtum aus, dass alle Werte gleich achtenswert sind.

Bedächtigkeit, Nachdenklichkeit, das Maßhalten sind Ibn Warraqs Sache gewiss nicht. Aber er belegt seine markanten Thesen mit einer Fülle an Material, er tischt gewissermaßen den Schädel jedes Enthaupteten auf. Seine Radikalität ist beeindruckend. Und er trägt sein Argument mit einer Nachdrücklichkeit und Verve vor, die einem nicht ruhig zurücklassen kann. Ein ganz wichtiges Buch. Man muss Ibn Warraqs Schlussfolgerungen nicht allesamt teilen. Aber man sollte sie gelesen haben.

 

Ibn Warraq: Warum ich kein Muslim bin. Matthes & Seitz, Berlin, 2004. 522 Seiten, 28,90 Euro.

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