Die Gleichheit hoch?

Da tut sich die Kulturtheorie mit ihrem Lob der Differenz schwer.

Nichts ist in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren mehr aus der Mode gekommen als die Gleichheit.


Daran haben natürlich die "Hasspredigen der Gleichheitsfeinde" (Wolfgang Engler) die Hauptverantwortung, die Vergötterung des Gewinners durch die Neoliberalen. Auch die Sozialdemokraten haben ihren Gleichheitsgrundwert in den Keller geräumt und durch den Begriff der "Chancengerechtigkeit" ersetzt. Zuletzt wurde gar noch der alte Elitebegriff entstaubt (Eliteuniversitäten!). Und es blieb natürlich nicht bei den Predigten. In den westlichen Gesellschaften, die in den ersten Nachkriegjahrzehnten tendenziell "gleicher" wurden, wurde seit den achtziger Jahren der Trend zu einer egalitäreren Einkommensverteilung umgekehrt. 

 

Aber wollen wir die Schuld nicht nur bei den Anderen suchen. Auch die Theoriecommunities und das weite Feld der Kulturlinken erwiesen sich als eifrige Stichwortgeber dieser Tendenz. Postmarxisten, Diskursjockeys, unorthodoxe Gesellschaftskritiker beschäftigen sich seit zwanzig Jahren vornehmlich mit Phänomenen wie Differenz, Cultur Jam, mit distinkten Identitäten, dem Zusammenprall und auch der fröhlichen Vermischung von Unterschiedlichkeiten. Differenz ist spannend, Gleichheit fad. So wie die anderen will ohnedies keiner sein: Mainstream ist das Letzte. Jeder wünscht sich als eine unverwechselbare Type zu sehen, eine Sehnsucht, die mit dem Markenbewußtsein moderner Ich-AGs harmonisiert. Diese existentialistische Wende (Diederich Diederichsen) war die linke Spielart der Individualisierung: Gender-, Schwule- und sonstige Diskurse waren und sind erstaunlich widersprüchlich codiert – die Forderung, als gleichwertig respektiert zu werden, korrespondierte mit dem eingeforderten Recht aufs Anderssein, auf Differenz.

 

Wie in der Kulturtheorie, so in der Sozial- und Wirtschaftsphilosophie. Mit Hundts und Henkels würde sich hier zwar kaum jemand gemein machen wollen, aber doch wurde längst aufgegeben, zu ergründen, was für Gleichheit spricht, eher wird überlegt, was denn für Ungleichheit spricht. Oder, etwas freundlicher ausgedrückt – für "komplexe Gleichheit", um das mit den Worten des amerikanischen Sozialphilosophen Michael Walzer zu sagen. Denn es hatte sich doch erwiesen, dass Menschen nicht jede Form von Ungleichheit ablehnen. Manche Ungleichheiten halten sie für gerecht, rigide erzwungene Gleichheit für ungerecht. Dass gediegene Ausbildung und die Anstrengung, aus seinem Leben etwas zu machen, zu mehr Einkommen und Macht qualifizieren, darauf kann man sich mit den allermeisten Leuten verständigen. Hinzu kommt, dass jeder Ökonom in schönen Modellen vorrechnen kann, dass nivellierende Gleichheit den Armen mehr schadet als ein paar Zusatzchancen für die Reichen. Nach der berühmten Wendung des Philosophen Harry Frankfurter: "Es kommt darauf an, ob Menschen ein gutes Leben führen, und nicht, wie deren Leben relativ zu dem Leben anderer steht."

 

Nun hat es den Anschein, als würden diese Diskurse der Ungleichmacherei an ihr Ende gelangen. Es stellt sich nämlich heraus: Weder werden die Menschen glücklicher, je größer das Spektrum an Optionen in unserer Differenzgesellschaft ist, noch werden die Gesellschaften leistungsfähiger, je tiefer der Graben zwischen Oben und Unten. Ein markanter Einschnitt waren in dieser Hinsicht die Pisa-Studien. Bei diesen erwies sich ja, dass egalitäre Systeme mehr Aufwärtsmobilität, klügere Schüler und insgesamt mehr Prosperität schaffen, während mehr soziale Ungleichheiten zu massenhafter Verschwendung von Humankapital führen. Kurzum: Ungleichheit macht dumm, Gleichheit macht klug. Oder, wie man ganz standortsichernd sagen könnte: Fit für die Wissensgesellschaft. Hinzu kommt, dass die neuen, gewissermaßen "weichen" Klassenschranken, die vielen unüberwindlichen Lifestyle-Gräben zwischen Unten und Oben, längst die alten Analysen von der "nivellierenden Mittelstandsgesellschaft" abgelöst haben. Von Nivellierung ist keine Rede mehr, wie selbstverständlich ist heute wieder von "Unterschichtenfernsehen" und ähnlichem die Rede, von jenen Programmen also, die von Leuten geguckt werden, die in Unterschichtenviertel leben, Unterschichtenjogginganzüge tragen und mit Unterschichtenhunden Gassi gehen.

 

Diese "neuen Unterschichten" sind das Produkt des Ungleichheitsdiskurses – die erste Generation nach 1945, an der gar nicht mehr der Versuch unternommen wurde, sie in die Mitte der Gesellschaft zu integrieren, sondern deren Chancenarmut als natürlich akzeptiert worden war. Hatte man zunächst nicht so genau hingesehen, begann man sich dann an die neue Unterklasse zu gewöhnen und sie zum Gaudium aller in Container zu sperren und dabei abzufilmen.

 

Die Verachtung, die solche Typen auch und insbesondere von avanciert nonkonformistischer Seite traf, war gewissermaßen die überzogene Immunreaktion auf den Proletkult der siebziger Jahre. Schön, wenn das Pendel jetzt zumindest ein bißchen zurück schwingt. Wenn Herrn Münteferings Kapitalistenkritik (nicht Kapitalismuskritik) dazu etwas beiträgt, soll’s mir recht sein. Eine harte Lehre wird das demnächst auch für die metropolitane Kulturlinke, also unsereins, sozusagen: einzusehen, dass Differenz nicht nur cool, sondern bisweilen von geschmäcklerischem Schnöseltum schwer zu unterscheiden ist.

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