„Überflüssige Menschen“

Seit dem Aufstand in den französischen Banlieus hat ein Konzept Hochkonjunktur: das vom menschlichen Überschuss, für den das System keine Verwendung mehr hat. Zur Geschichte und Gegenwart eines Begriffs, der aus der Mode kam und heute wieder in aller Munde ist. Falter, Dezember 2006

 

 

 

 

Jonathan Swift, der grandiose Autor schwarzer Satiren des achtzehnten Jahrhunderts, unterbreitete bereits 1729 mit all seinem Sarkasmus einen "bescheidenen Vorschlag" zur "Nutzbarmachung" der überflüssigen Menschen. "Von einem sehr sachverständigen Amerikaner meiner Bekanntschaft in London ist mir versichert worden, dass ein junges, gesundes, gutgenährtes Kind im Alter von einem Jahr eine äußert wohlschmeckende, nahrhafte und bekömmliche Speise sei, gleichviel, ob geschmort, gebraten, gebacken oder gekocht, und ich zweifle nicht, dass es in gleicher Weise zu Frikasse oder Ragout taugt. Deshalb stelle ich in aller Bescheidenheit der Öffentlichkeit anheim zu erwägen, dass von (…) einhudertzwanzigtausend Kindern zwanzigtausend für die Zucht zurückbehalten werden sollten (…) Die übrigen hundertttausend können, wenn sie ein Jahr alt sind, vornehmen und reichen Leuten im ganzen Königreich zum Kauf angeboten werden, wobei man die Mutter stets dazu anhalten sollte, sie im letzten Monat reichlich zu stillen, um sie fleischig und fett für eine gute Tafel zu machen."

 

Das war keineswegs eine abgedrehte Satire. Swift hat nur ein bißchen zu Ende gedacht, was in den Diskursen dieser Zeit durchaus seinen Platz hatte. Denn die oberen Klassen sorgten sich in den Jahrzehnten, die der industriellen Revolution voraus gingen, nicht nur um die wachsende Zahl der Pauper, die es in die wuchernden Städte zog, wo sie nach Gelegenheitsarbeiten suchten. Die verlausten Proleten, die sich verdingten, die aufsässigen Handwerker, die gelegentlich für Radau sorgten, sollten zur Sittlichkeit erzogen werden; aber darüber hinaus gab es einen wachsenden Anteil der Bevölkerungen, der nach damaligem Urteil als völlig unnütz erschien. Noch gab es keine Fließbänder und keine Massenproduktion. Man brauchte diese Menschen schlichtweg nicht.

 

Der britische Pastor und Ökonom Thomas Robert Malthus verdichtete diese Diskurse zu seinem berühmten "Bevölkerungsgesetz". Er stellt die "dauernde Neigung aller Lebewesen" fest, "sich weit über das Maß der für sie bereitgestellten Nahrungsmittel zu vermehren". Weil die Nachfrage nach Arbeitskräften das Angebot an Menschen so beträchtlich übersteige, müsse man die Überflüssigen vernichten, so Malthus‘ Resumee, wozu vor allem Kriege ein prima Mittel seien. Allerdings sei auch zu hoffen, "dass große und verheerende Epidemien" die Regierung der Aufgabe entheben könnten, "zu vernichten, was überflüssig ist" (zitiert nach: Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus).

 

Heute schütteln wir natürlich den Kopf, wenn wir solches lesen. Dass Menschen überflüssig sein sollen geht mit unserer Achtung vor dem Existenzrecht eines jeden nicht zusammen. Es geht aber vor allem auch deshalb nicht zusammen, weil wir eine ganze Ära hinter uns haben, in der die These von der Überflüssigkeit auch faktisch nicht stimmte. Für die ganz unten fand sich sinnvolle Verwendung als Hilfsarbeiter – und wenn einer malochte, bis er krumm war, war sogar das Eigenheim drin.

 

Das ist heute anders, und deshalb taucht die böse Vokabel von den "überflüssigen Menschen" wieder auf. Aber diesmal sind es, wenn man so will, die Guten, die das Wort in die Debatte bringen, die wollen, dass endlich der Blick auf ein Phänomen frei wird: auf die Entstehung einer neuen Unterklasse, die nichts mehr zu erwarten hat. Die permanent am Rande bleibt, bestenfalls durch Sozialhilfe am Leben erhalten wird, die aber schier unnütz ist für das Funktionieren des heutigen kapitalistischen Systems.

 

Hochkonjunktur hatte die Vokabel im vergangenen November, als in Frankreich die Jugend in den Banlieus aufbegehrte. So analysierte der Münchner Soziologe Ulrich Beck in der Süddeutschen Zeitung den Aufstand als eine "Revolte der Überflüssigen", die uns verdeutlicht: "Die alten Reichen brauchten die Armen, um reich zu werden. Die neuen globalisierten Reichen brauchen die Armen nicht mehr". Sein Kollege Oskar Negt sprach zum gleichen Anlaß in der Frankfurter Rundschau von einem Drittel unserer Gesellschaft, das "für den zentralen gesellschaftlichen Produktions- und Lebenszusammenhang nicht mehr gebraucht" werde. Er erwähnte dabei den amerikanischen Trendforscher Jeremy Rifkin, der anmerkte, es sei schlimm, wenn Menschen ökonomisch ausgebeutet werden, weit schlimmer jedoch, wenn sie dafür nicht einmal mehr gebraucht werden.

 

Die einfachen Arbeiten werden in irgendwelchen Sweat-Shops in der Dritten Welt erledigt, sofern es sie überhaupt noch gibt – ohnehin braucht die weitgehend automatisierte Güterproduktion menschliche Arbeit nur in deutlich geschrumpftem Ausmaß. Die Tätigkeiten, mit denen sich früher die Schlecht- und Unqualifizierten ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, gibt es in westlichen Industriestaaten einfach nicht mehr ausreichend im Angebot. Auch die simpelste Güterfertigung ist schon computergesteuert und alle Abläufe von Produktion über Logistik, Lagerhaltung bis zum Vertrieb der Waren beruhen wesentlich auf Kommunikation – da schlagen Bildungsdefizite viel drastischer zu Buche als früher. Einst konnten es Einwanderer als "Gastarbeiter" in den Montagehallen zu einem ordentlichen Auskommen bringen, selbst wenn sie kein Wort der Landessprache verstanden – heute hat, wer aus einem bildungsfernen Elternhaus stammt, schon mit sechs Jahren einen Rückstand, den er meist nie mehr wieder aufholt.

 

Um die Dimension dieser Exklusion zu begreifen, muss man ein paar Fragen aufwerfen. Was ist das Spezifische dieser Überflüssigkeit? Und was macht die Existenz als Überflüssige mit den Menschen? Denn selbstverständlich hat es auch in früheren Zeiten chronische Arbeitslosigkeit gegeben. Aber damals hatten die meisten jener, die keinen Job hatten, immerhin die theoretische Möglichkeit, eine Stelle zu ergattern. Das ist der Sinn des alten marxistischen Begriffs von der "industriellen Reservearmee" und deshalb hatte noch der Arme seinen Nutzen im Gesamtsystem. Die Armut sorgte dafür, dass die, die eine Stelle hatten, keine unbotmäßigen Forderungen stellten. Jeder wusste, es gibt da draußen welche, die ihn von einem Tag auf dem anderen ersetzen würden. Heute gilt das so nicht mehr. Zwar weiß auch heute jeder, er könne jederzeit wegrationalisiert werden, und spurt, damit das nicht geschieht – aber für diese Drohung braucht es keine Menschen mehr, die an seiner Stelle zum Zug kämen.

 

Es gibt eine wachsende Zahl von jungen Leuten, die wissen, sie werden nie zum Zug kommen, die wissen, dass solche wie sie keine Chance haben. Sie bevölkern die Viertel, die Wohnblöcke, die ganzen Landstriche (wie in Ostdeutschland) oder regelrechten Cités (wie in Frankreich), mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit, die doppelt so hoch ist. Das verändert alles: Das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern, die Schulen, die Mentalitäten. Vor zwanzig Jahren war es auch in den Unterschichten gang und gäbe, sich um den Schulerfolg der Kinder zu kümmern. Wenn es am Mittagstisch auch nur Kartoffeln gab, so stand doch meist der berühmte Satz im Raum: "Du sollst es einmal besser haben."

 

Heute, berichtet ein Hauptschullehrer in dem Band "Gesellschaft mit begrenzter Haftung", in dem deutsche Sozialwissenschaftler Berichte vom Rand der Gesellschaft protokollieren, interessieren sich die Eltern gar nicht mehr für die Schulkarriere ihrer Kinder. "Also, ich kenne tatsächlich viele Eltern gar nicht… Wir haben also Elternabende, wo vielleicht zwei oder drei Eltern kommen von einer gesamten Klassengemeinschaft… Also, das ist so ein, wie sagt man, so ein Kreislauf ohne Ende".

 

Ganze Schulzweige sind Schulen der Zukunftslosigkeit, der Schulabbruch die übliche Initiation ins Erwachsenenleben in Zonen, die Zonen der Chancenlosigkeit sind. Gesellschaftlicher Integration, begreifen wir jetzt, liegt auch eine Vorstellung von Zeitlichkeit zugrunde: mag ich heute auch in schlechten Verhältnissen leben, ich habe die Chance, dass dies morgen anders ist. Wo dies nicht mehr die vorherrschende Mentalität ist – und zwar, weil diese Vorstellung den Realitäten krass widersprechen würde – erodiert alles.

 

Eine alte, kaum ausrottbare humanistische Idee ist die Vorstellung, Not wäre eine Schule der Seele: der Arme habe das Herz am rechten Fleck – wer die Welt von unten sähe, so diese Logik, durchlaufe eine Schule des Lebens, in der ihm Solidarität, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit anerzogen würde. Eine absurde, gleichwohl zählebige Vorstellung, dass die Roheit einen privilegierten Zugang zur Zärtlichkeit eröffne. Umso schärfer die Anklage, wenn aus der Rohheit nichts als Roheit entspringt. Dann wird im strengen Tonfall gefragt: Warum zünden sie nur die Autos ihrer Nachbarn an? Sind das nicht doch nur gewalttätige Männer? Wohlmeinendere wiederum verkehren die Illusionen über die Rohheit auf ihre Weise um, indem sie behaupteten, die Autos wären als Symbole von Konsum und Statusdenken, die Krippen und Schulen als Institutionen einer autoritären Staatlichkeit ins Visier der Brandschatzer geraten. Beiden Interpretationen ist eigen, dass sie nicht wahrhaben wollen, dass Zukunftslosigkeit und Depravierung Aggressionen züchten, die dann tatsächlich in blinder Wut eruptieren – es wird alles angezündet, was da ist, egal was. Man fragt sich, welche Perspektive absurder ist.

 

Wer im Bewußtsein aufwächst, überflüssig zu sein, und dies an Orten tut, die ihrerseits "Ortseffekte" (Pierre Bourdieu) haben – also wo dies eine kollektive Erfahrung ist -, der hat sein Eintrittsticket in Bandenkriminalität, Drogenhandel mit all seinen brutalisierenden Folgen in der Tasche. Daran ist nichts, was idealisiert werden kann. Machismo ist hier endemisch, das Recht des Stärkeren das einzige Gesetz. Man legt sich auf die Rolle des "harten Buschen" fest, weil diese das herrschende Role-Model in der Zone ist. Unübertroffen haben das Pierre Bourdieu und seine Forschergruppe schon vor zwölf Jahren in ihrer längst legendären Studie "Das Elend der Welt" dargestellt. Da heißt es etwa über einen Jugendlichen, der demonstrativ die Schule ablehnt, nur abhängt und sagt, er mache gelegentlich "Dummheiten", er versinke "immer tiefer im Scheitern und im Kreislauf der Ablehnung, der das Scheitern noch verstärkt – eine paradoxe Art und Weise, aus der Not eine Tugend, d.h. aus schulischem Scheitern soziale Delinquenz zu machen."

 

So sieht es aus in der Welt der Überflüssigen, die gerne übersehen wird, weil sie auch gut getarnt ist – sei es als ethnische Community, aber auch als politische Subkultur. Denn es ist ja keineswegs falsch, wenn der Sozialforscher Andreas Willisch in der Berliner Zeitung schreibt, dass "die Überflüssigen in Deutschland vornehmlich weiß" sind, sich den Schädel kahl rasieren und in Springerstiefel marschieren. Hier habe der "gute Chancen zum neuen Subproletariat zu gehören", der "jung und männlich ist, wessen Eltern Arbeiter waren und wer in der falschen Gegend wohnt".

 

Die neue Klasse der Überflüssigen hat viele Gesichter. Ihr harter Kern mag sechs, acht, oder zehn Prozent der Kohorten unter dreißig Jahren umfassen. Die 19,3 Prozent Ausländerkinder und acht Prozent der Kinder aus inländischen Familien, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben (Zahlen von 1999 für die BRD), sind in etwa das Milieu, um das es geht.  Das Entscheidende ist vorerst, ihre Existenz zu begreifen. Und zu begreifen, dass die alten Mechanismen sozialer Integration bei ihnen wenig fruchten werden: diese zielten auf Integration durch Arbeit ab. Bildungs- und Disziplinarinstitutionen hatten das Ziel, sie fit zu machen für den sozialen Fahrstuhl. Aber für sie gibt es keinen sozialen Fahrstuhl. Sie wissen, was gestern noch von Nutzen war, nützt ihresgleichen heute nichts mehr. Sie sind das Andere dessen, was man mit den Begriff des Humankapitals beschreibt: Menschen, die nicht mehr kapitalisierbar sind – humaner Ausschuss.

 

Die Krise, der diese Unterklasse ihre Existenz verdankt, ist eine "Überproduktionskrise", die nicht im klassischen Sinn aus einer Überproduktion an Gütern resultiert, für die es keine Kaufkraft gibt, sondern aus einem Überschuss an Menschen, die das System nicht braucht. Man kann sagen, diese Menschen sind ein Problem. Früher hätte man gesagt, ein solches System ist ein Problem.

Ein Gedanke zu „„Überflüssige Menschen““

  1. fragt sich nur, warum die jungen männer autos in brand stecken und die jungen frauen „nur“ demonstrieren? (falls es jemandem entgagnen sein sollte: bevor die jungen französischen algerier ausrasteten, gab es schon demos von frauen, die gegen die benachteiligung aufgrund ihres geschlechts auf die strasse gingen, als reaktion auf den tod der 17jährigen Sohanne Denziane im Herbst 2002, die von einem Gleichaltrigen mit Benzin übergossen und verbrannt wurde. Ihr „Todesurteil“ war, dass sie es wagte, sich gegen die Zudringlichkeiten des Teenagers zu wehren)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.