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 Udo di Fabio ist für sein Buch „Die Kultur der Freiheit“ zum „Reformer des Jahres 2005“ ausgerufen worden. Warum gibt es eigentlich eine solche Sehnsucht nach intelligenten Konservativen? Und warum ist der moderne Konservativismus so ein intellektuelles Desaster? taz & Falter, Dezember 2006

 

 

 

 

Für Konrad Adam ist es schlicht „ein großes Buch“, das der Verfassungsrechtler geschrieben hat. Mariam Lau preist in der „Welt“ seinen „konstruktiven Konservativismus, der ohne die Ressentiments der klassischen Kulturkritik auskommt“. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die sogenannte „Initiative Soziale Marktwirtschaft“ schließlich haben Udo di Fabio für seine Fibel „Die Kultur der Freiheit“ jetzt den Ehrentitel „Reformer des Jahres 2005“ verliehen.

 

Es gibt sie also offenbar doch, denkt man sich da: die intelligenten Konservativen, die zu mehr fähig sind als zu verschwitztem Selbstmitleid. Vielleicht ist da endlich einer, mit dem die Auseinandersetzung lohnt.

 

Und dann das: Nichts als Ressentiment gegen „Menschen, die bei der Wahl ihrer Kleidung, in der Art wie sie speisen oder wie sie reden, inzwischen wieder dem Niveau vorkultureller Zeit zuzustreben scheinen“; nichts als schnöselige „Mißachtung“ jener, die „nicht mehr wissen, ‚was sich gehört’.“ Und zwar nicht nur, weil sie sich über das „Sittengesetz“ hinwegsetzen, die „bürgerliche Gesittung“, sondern weil sie die Kultur der Freiheit zerstören – denn ihrethalben muss man jetzt gesetzlich verbieten, was vordem der Konsens, die Sitte regelte. Die gute Bürgerlichkeit – abgeräumt, von einer „Protestbewegung der Jugend“. Wegen der ’68er haben wir uns „an die Verächtlichmachung des christlichen Bekenntnisses, an die Verhöhnung des Papstes, an die Beschimpfung der Familie und die Beschmutzung nationaler Symbole“ gewöhnen müssen.

 

Es mäandert endlos weiter in diesem Ton. Es ist ein Desaster. Udo di Fabio hat eines der dümmsten Bücher geschrieben, die in jüngerer Zeit erschienen sind. Und wie ist die Reaktion darauf? Die Linken tun ihn meist mit leiser Ironie ab, was man sogar verstehen kann: es hat ja etwas verstaubtes, wenn man verstockte, dumme Rechte mit großer Geste als verstockte, dumme Rechte vorführt. Manche Linksliberale können der haarsträubenden Predigt sogar dieses und jenes abgewinnen. Von der Mitte bis ganz Rechts wird der „mutige“ Autor gepriesen. Das schließlich macht die Sache interessant. Es muss schon eine starke Sehnsucht nach einem neuen Konservativismus existieren, wenn man derartigem konstatiert, es wäre auf der Höhe der Zeit, wenn solch geballtem Ressentiment wider alle Evidenzen attestiert wird, es sei frei von Ressentiments. Welcher Art ist diese Sehnsucht?

 

Zunächst gibt es in allen politischen Milieus, die ja in sich zunehmend zerfasern, den Wunsch nach Einheit. Auf der Rechten ist dies die Sehnsucht, man könnte Neoliberale und Konservative auch hierzulande in eine Art neokonservative Einheit zusammenführen. Diejenigen, die bejubeln, dass der moderne „Turbokapitalismus“ keinen Stein auf den anderen läßt, und jene, die Anstand und Traditionen wieder ins Recht setzen wollen, die wünschen, dass Ehepaare wieder drei Kinder bekommen und behütet und streng zu sittsamen Bürgern erziehen. Aber es gibt natürlich auch die lagerübergreifende Sehnsucht nach Allianzen: da sind die Traditionslinken, die auf Mitstreiter im Camp der Konservativen hoffen, weil diese wie sie selbst auch die zersetzenden Wirkungen bindungsloser Marktgesellschaften beklagen; da gibt es sogar Linksradikale, die sich christlichen Fundamentalisten annähern, weil die auch gegen den „Islamofaschismus“ sind.

 

Die Konservativen sind zentral in all diesen Bündnisstrategien. Aber auch das erklärt nicht vollends, woher die schiere Gier nach konservativer Publizistik kommt, sodass man deren Protagonisten alles durchgehen läßt – jeden Verstoß gegen intellektuelle Standards, den verbiesterten Generalverdacht gegen alles, was das Leben bunt macht und jedem Flachdenker jenseits von Rot-Grün einen „scharfen Verstand“ (die FAS in ihrer Preisrede auf Udo die Fabio) attestiert.

 

Wer sich heute als konservativ positioniert, hat aufmerksamkeitsökonomische Vorteile. Diese nützt die konservative Publizistik, indem sie die Gesten der antiautoritären Revolte kopiert, den rebellischen Habitus. Eine gewisse Kultivierung des „Unzeitgemäßen“ ist zwar nicht völlig neu in der rechten Geistesgeschichte – man denke an Nietzsche, den frühen Thomas Mann oder Oswald Spengler -, deren Nachfahren passen diese aber doch den Terms of Trade an, die die Gegenkultur verbindlich gemacht hat: In ihrer Verachtung des Mainstream adoptiert die neue konservative Publizistik die alten Avantgarde-Pose. Sie kommt daher, als wolle sie alte Zöpfe abschneiden, meint damit aber die Dreadlocks des Hedonismus. Die Freiheit, nach seiner eigenen Facon glücklich zu werden, gerät aus dieser Perspektive „zur Willkür des Einzelnen (…) zu tun und zu lassen, was er will“ (di Fabio). Zentral bei dieser Operation ist die Umdeutung des Begriffes der Freiheit: statt Freiheit von knechtenden Traditionen und Institutionen zur Freiheit, Traditionen und Werte zu akzeptieren – was als ein rebellischer Akt dargestellt wird, wider Zeitgeist und gesellschaftliche Imperative.

 

Damit erweisen sich solche Gedankenreihen anschlussfähig an eine gewisse Ermüdung im linksliberalen Milieu. Wenn jeder Bruch mit Konventionen nur mehr der Geburtsakt einer neuen Mode ist, jede rebellische Geste nur mehr ein Zitat von Altbekanntem, dann ist nicht nur ein Überdruss an der Rebellion gegen Hergebrachtes folgerichtig – dann ist die Lobpreisung von Sitte und Manieren die schärfste Rebellion, der letzte Tabubruch, der ultimative Thrill.

 

Womöglich noch bedeutender ist der Umstand, dass die zeitgenössische Linke der Verdacht plagt, sie habe keine Werte, während sie insgeheim der Meinung ist, das gesellschaftliche Leben müsste sich wieder stärker an Werten orientieren. Schließlich denkt jeder nur an sich, man entscheidet sich für Erlebnisse und gegen Kinder, ganz allgemein zerreißt der gesellschaftliche Zusammenhalt, die neue Unterklasse hängt nur rum und alle gucken RTL.  Das Bündnis, das die ’68er-Revolte und die Alternativbewegungen mit dem Hedonimus eingegangenen sind, ist nur eine der Ursachen für das widersprüchliche Verhältnis der Linken zu Werten; die Tatsache, dass die linke Theoriegeschichte auch eine Geschichte des theoretisierten Affektes gegen moralisches Handeln und ethische Beweggründe ist, schlägt ebenso zu Buche. Der Marxismus hatte eine teleologische Schlagseite und besagte im Kern ja auch, dass unerheblich ist, wofür sich moralische Individuen stark machen.

 

Weil aber nun die Neoliberalen den Affekt gegen ethische Motive radikalisiert haben, glauben viele Linke, dem müsse mit Werten begegnet werden – wobei schon der schiere Begriff „Werte“ mit „konservativen Werten“ identifiziert wird.

 

Die Folge ist eine überzogene Nachsicht mit einem „werteorientierten“ Konservativismus – der wird nicht mehr als Gegner wahrgenommen, sondern auch dann noch als potentieller Gesprächspartner, mag der auch aus den Aporien des Werteparadigmas und des Freiheitsthemas einen stinkenden Brei zusammenrühren wie Udo di Fabio, der Freiheit „als individuelle Freiheit zur nützlichen sozialen Bindung“ verstehen will – für den Freiheit also heißt, dass alle aus freien Stücken so leben sollen, wie das Udo di Fabio gefällt.

 

Eine „neue Bürgerlichkeit“ wird beschworen, die die Gesellschaft integrieren, binden möge – als wäre der Habitus des Bürgerlichen nicht seit jeher und auch heute ein Manöver zur Desintegration, zur Klassenspaltung; die neue Bürgerlichkeit verkleidet sich als mitfühlende, die sich um die Lage der Unterklassen sorgt – und entpuppt sich doch nur als Verächtlichmachung derer, die nicht wissen, was sich gehört, die ihren Mist in der U-Bahn einfach so fallen lassen.

 

Der Hype um di Fabio fügt sich in ein Panoptikum, zu dem die aktuelle, absurde Feier der 50er Jahre als klassenloses, buntes Jahrzehnt ebenso zählt wie die Vorstellungen, wir könnten die Krise des Sozialstaats mit der Rehabilitation von „Anstand“ lösen, oder jene, die demographische Krise sei vor allem Resultat von Individualismus und Ich-Sucht.

 

Es gibt eine über die Kreise des Konservativismus hinaus reichende Hoffnung, die neuen Bürgerlichen hätten zu den Fragen unserer Zeit Vernünftiges beizutragen. Die Hoffnung ist leider unberechtigt: Der moderne Konservativismus ist so autoritär und dumm wie der alte.

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