Unterschichten?

Wer ist die „Unterschicht“, die jetzt auch die Politik entdeckt? Und wo, verdammt noch einmal, war die bisher? Über die Karriere einer Vokabel, die Gefahr läuft, einen semantischen Beitrag zur Deklassierung der Deklassierten zu leisten. taz, 17. Oktober 2006

 Soziale Verwahrlosung, Zukunftslosigkeit, Kinderarmut – dagegen, also gegen die neue Unterschicht will jetzt auch die Regierung etwas tun. Ob Kurt Beck von der SPD, ob Volker Kauder von der CDU, alle haben jetzt die Unterschicht entdeckt. Somit hat es sechs Jahre gebraucht, bis es die Unterschicht von Big Brother bis in den Ministerrat geschafft hat. Im Jahr 2000 hat man die Unterschicht ja noch zum Gaudium des Publikums in Container gesperrt und abgefilmt, jetzt will sich ihrer die Politik annehmen.

 

Aber was ist das für ein Begriff: Unterschicht? Was ist das für eine seltsame Karriere einer Vokabel? Hat es früher keine Unterschicht gegeben, oder hat man sie nur anders genannt: Proletariat vor Urzeiten, Unterprivilegierte in der Ära politisch-korrekter Sozialreformen? Was die Unterschicht semantisch von „Proletariat“ und „Unterprivilegierten“ unterscheidet, ist gewissermaßen die Zukunftsperspektive. Die Begriffe „Proletariat“ und „Unterprivilegierte“ waren eingebettet in Aufstiegs-, Emanzipations- und Fortschrittsdiskurse. Sie hatten nicht den Beiklang der Aussichtslosigkeit, sondern im Gegenteil der Idee, dass man sich aus der bedrängten Lage befreien kann. Durch kollektive Anstrengung (Revolution oder Reform) oder durch individuelle („lerne, Bub, damit was aus dir wird“). In Österreich verdichtet sich dieses Narrativ gerade, vielleicht ein letztes Mal noch: am Freitag starb der alte Bauarbeiter Oswald Gusenbauer – zwei Tage, nachdem sein Sohn Alfred den Auftrag zur Regierungsbildung erhielt.

 

Unterklasse meint jene, die auch nur rudimentär damit vergleichbare Zukunftsperspektive nicht mehr haben. Das alte Proletariat und die alten Unterprivilegierten hatten ja, bei all ihrer Bedrängnis, immerhin eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft. Das Kapital brauchte sie. Sie hielten die Fabriken am laufen. Sie waren vielleicht ausgebeutet, aber sie waren notwendig. Das gab ihnen Macht und auch Stolz. Die Unterklassen braucht keiner mehr. Für die Kreativjobs der Wissengesellschaft fehlen ihnen die sozialen, symbolischen und meist auch sprachlichen Kompetenzen, und Hand-Jobs werden in Kalkutta und Shanghai erledigt. Sie sind, nach einem Wort des französischen Soziologen Robert Castel, „überflüssige Menschen“.

 

Der historische Begriff, der der „Unterklasse“ am nächsten kommt, ist „Lumpenproletarier“ – aber von denen nahm man an, dass sie mit dem gesellschaftlichen Fortschritt weniger würden und außerdem im Grunde, dass sie in aller Regel selbst an ihrer Lage Schuld sind. Sie waren nur ein Sicherheitsproblem, als gesellschaftliches Problem wurden sie nicht gesehen. Unterschicht heute meint dagegen ein gesellschaftliches Segment, dessen Angehörigen alle Aufstiegskanäle von vornherein verschlossen sind; die nirgendwo auch nur eine Pore finden, in die Gesellschaft hineinzukommen; die von früh ab die Erfahrung machen, dass sie keine Chance haben – weil sie der falschen Ethnie angehören, am falschen Ort leben, in die falschen Schulen gehen, die falsche Muttersprache haben; die deshalb auch selbst sehr auf „Anti“ machen, zum Trotz, und weil sie (zu) wissen (glauben), dass es ohnehin keinen Unterschied macht, ob sie sich anstrengen oder nicht. Die Unterschicht ist, wenn man so will, ein Kind des Utopieverlusts und der verlorenen Fortschrittsfröhlichkeit. Früher hieß es: „Es wird immer besser. Es gibt Probleme, aber sie werden sukzessive gelöst werden. Und Du kannst es schaffen.“ Heute ist das anders. Heute wird manches besser. Vieles wird anders. Und genügend wird schlimmer. Zu letzterem zählt: Wer unten ist, der kommt da nicht mehr raus.

 

An diesem Sachverhalt, an der Analyse selbst also, gibt es wenig zu deuteln. Unterschiedlich sind freilich die Strategien, damit umzugehen. Deshalb gibt es, grob gesagt, zwei unterschiedliche Weisen von den Unterschichten zu sprechen. Die eine ist die Distinktionsstrategie: plötzlich kann man „Unterschicht“ sagen und macht sich nicht notwendig als Schnösel unbeliebt – die Vokabel „Unterschicht“ ist dann für den Bobo das, was für die Wilmersdorfer Regimenter einst das verächtliche „Pöbel“ war. Man fühlt sich gut weil man 3-Sat und Arte schaut, während der schlechte Rest „Unterschichtenfernsehen“ guckt und bei Lidl einkauft. Die andere Strategie ist, „Unterschicht“ zu sagen, um auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Die Frage ist freilich, ob es damit getan ist, dass die Politik sich den Deklassierten auf sozialarbeiterische Weise nähert. Deren Deklassierung besteht ja gerade auch darin, dass sie nur als Objekte der Sozialarbeit in den Aufmerksamkeitsbereich der Politik kommen. Ein Teil des Problems ist, dass die Unterschicht sich nicht öffentlich artikulieren kann (außer durch NPD-wählen und Hooliganismus). Worauf es wirklich ankäme, ist, sie politisch zu repräsentieren. Kaum anzunehmen, dass Beck das schafft.

Ein Gedanke zu „Unterschichten?“

  1. wieso glaubst du, dass beck das nicht schafft?
    liebe grüsse
    klenk
    ist so eine ahnung – fade sozialdemokraten werden die wut derer, die sich als verlierer sehen, schwer produktiv verwandeln können. liebe grüße, robert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.