„Was ist mit unseren Gehirnen los, Herr Theweleit?“

Der deutsche Kult-Theoretiker Klaus Theweleit über hundert Jahre Freud, die atemberaubenden Entdeckungen der Hirnforscher und die Frage, ob man heute noch subversiv sein kann. Falter, 22. November 2006

 

 

Klaus Theweleit, 64, ist einer der originellsten Kulturtheoretiker Deutschlands. Berühmt wurde der Karlsruher Kunstprofessor in den siebziger Jahren mit seinem zweibändigen Werk „Männerphantasien“ und seinen Studien über Körper, Körperkult, Faschismus und Militarismus. Zuletzt machte er mit seinem auf vier Bände angelegten Hauptwerk „Buch der Könige“ und diversen kulturtheoretischen Arbeiten von sich reden, etwa über den 11. September oder die Fußball-WM. Im Frühjahr erschien „absolute(ly) Sigmund Freud“, ein Psychoanalyse-Songbook, Theweleits Beitrag zum Freud-Jahr. Kommenden Freitag spricht Theweleit im Rahmen einer hochkarätigen Tagung in Wien.

 

Im Popsong lebt das Subversive der Psychoanalyse weiter, lese ich bei Ihnen. Was heißt denn heute noch „subversiv“?

 

Theweleit: Ersetzen wir subversiv durch Transgression, Überschreitung. Bei Freud ist es die Urüberschreitung dessen, was das europäische Subjekt sich an Rationalität und Aufgeklärtheit erkämpft zu haben glaubte. Die Urüberschreitung Freuds besteht in der Entdeckung, dass die Steuerung vom Unbewussten ausgeht, und Zustände wie gesteigerte Lust, Trance, Rauscherfahrungen sich der bewussten Steuerung entziehen.

 

Der Bürger Freud als Modell für Grenzerfahrungen?

 

Theweleit: Selbst wenn er ein normales bürgerliches Leben geführt hat, steht er theoretisch für das – er war der Denker der Überschreitung. Sein Denken selbst war eine ständige Transgression.

 

Und das ist auch das Prinzip Pop?

 

Theweleit: Angefangen bei dem Satz, die Rockmusik richte sich direkt an die Genitalien. Sie zielt direkt auf das Ausgeschlossene, Verbotene. Mit ihr kommt die sexuelle Übertretung in die Sphäre des Möglichen – und zwar massenhaft bei den Jugendlichen.

 

Das klingt, als wäre das Subversive, Transgressive von der Psychoanalyse in die Popmusik gewandert. Wenn ja, heißt das aber dann nicht, dass der Psychoanalyse der Zahn gezogen ist?

 

Theweleit: Ganz verschütt ist es nicht gegangen. Aber natürlich gibt es in der professionellen, medizinischen Psychoanalyse eine Domestizierung. Sie wurde in Regeln gefasst, geriet unter die Kontrolle der Krankenkassen. Sie wird dann wie eine Dienstleistung behandelt, von der man bestimmte Effekte auf den Kranken erwartet – Arbeitsfähigkeit, gesellschaftliche Eingliederung.

 

Mehr noch: Die Grenzüberschreitungen, die sie preisen, stehen in einem Gegensatz zum Wunsch, dass das Subjekt effizient funktioniert.

 

Theweleit: Das liegt im Widerstreit. Andererseits: Es gibt diesen anpasslerischen öffentlichen Diskurs, aber der muss nicht immer mit der psychoanalytischen Praxis übereinstimmen.

 

Sie illustrieren, wie sich Pop und Psychoanalyse kreuzen. Pop suspendiert das Bedeutungsschwere, während auch in der Psychoanalyse das Nebensächliche, die Ränder, die Füllwörter bedeutend sind. Beginnt mit Freud der Abschied vom vordergründig Substanziellen?

 

Theweleit: Das Nebensächlichste kann das Bedeutendste sein. Sogar das Sinnlose kann das Bedeutendste sein. In Pop und der Psychoanalyse taucht der gesamte Wahn des Wirklichen auf, und ob etwas bedeutend ist oder nicht hängt davon ab, welche Affekte es auslöst.

 

Für einiges Aufsehen sorgte zuletzt diese erstaunliche Wertschätzung, die die Psychoanalyse durch die moderne Neurobiologie erfährt. Kann man den Nutzen der psychoanalytischen Technik heute durch positive Wissenschaft beweisen?

 

Theweleit: Es gibt eine Rehabilitierung Freuds. In den achtziger und neunziger Jahre hat man sich sehr über die Psychoanalyse lustig gemacht, so wie das früher jene Chirurgen mit der Religion taten, die sagten, ja, die Seele, die können wir nicht finden. Mit den neuen neurobiologischen Verfahren kann man die Geschehnisse in den Zellstrukturen des Gehirns erforschen und es zeigt sich, dass Freud in vielem Recht hatte. Nur, so überraschend ist das nicht: Freud ist ja Neurologe gewesen. Am Ursprung der Psychoanalyse stand die Erkenntnis, dass die Hirnforschung nicht weit genug ist, um an die entscheidenden Antworten heranzukommen. Jetzt nähern sich die Hirnforscher dem Freudschen Denken an, sehen, dass das Unbewusste steuert. Sie übertreiben es dabei sogar.

 

Sie meinen damit dieses Postulat, dass es den freien Willen nicht gäbe und wir durch die neuronale Schaltungen und durch die Architektur unseres Gehirns determiniert seien?

 

Theweleit: Ja. Das ist natürlich Quatsch. Alle Erfahrung zeigt, dass Menschen bewusst Willensentscheidungen treffen können – beispielsweise können sie sich an Gesetze halten.

 

Was die Gehirnforschung aber zeigt, ist, dass Erfahrungen, Lernen, die Architektur unseres Gehirns verändern. Wenn ich mit Ihnen rede, verändern Sie die Struktur meines Gehirns.

 

Theweleit: Neue Verschaltungen werden gelegt, Vorhandene werden verstärkt. Wovon die Gehirnforschung sich weg entwickelt, ist die Vorstellung der Biologie des Gehirns – dass bestimmte Aufgaben wie Sprechen, Hören, in bestimmten Regionen des Gehirns lokalisiert seien. Das Bewusste, das Unbewusste, ‚lokalisiert’ sich eher in wechselnden Verschaltungen, die dauerhaft werden können – und das ist sehr stark beeinflussbar. Das Gehirn ist also sozial geformt. Das heißt nicht, dass nicht einzelne Hirnpartien für einzelne – etwa motorische – Aufgaben zuständig sind, aber das gesamte emotionale, intelligente Leben wird durch viel kompliziertere Verschaltungen und Verdrahtungen konstituiert. Das Biologistische tritt in den Hintergrund.

 

Was bedeutet das denn für all die Klischees von „Natürlichkeit“, wenn sogar schon die Architektur unseres Gehirns nichts Gegebenes, sondern gewissermaßen „künstlich“ ist? Erweist sich die Differenz Natürlich/Künstlich damit endgültig als absurd?

 

Theweleit: Ja. Die Unterscheidung von verschiedenen Realitäten, von psychischer Realität, virtueller Realität wird genauso absurd – weil die ineinander übergehen. Keine Realität ist realer als die andere. Alle diese Realitäten verändern etwas in uns – ich gehe soweit zu sagen, dass sie Körperveränderungen auslösen. Wir wissen heute, dass sogar die Genfunktionen durch Erfahrung und Erlebnisse ausgelöst werden.

 

Ihr These lautet: Ob der Psychoanalytiker, die Popmusik, der Film, sie alle verändern uns – auch körperlich.

 

Theweleit: Filme haben immer Zwischenräume. Filmemacher haben das als „das dritte Bild“ thematisiert. Wir kennen das alle von Leuten, die gemeinsam im Kino waren und sich über einen Film unterhalten – man glaubt, die haben einen anderen Film gesehen. Das Bild, das wir sehen, ist das Bild, das wir machen, aber wiederum auch ein Bild, das uns macht. Die Übertragung von Analytiker und Patient in der Psychoanalyse funktioniert ganz ähnlich wie die Übertragung von Kamera, Projektor, Gehirn im Film oder wie Mikrophon, Lautsprecher, Ohr in der Musik. Viele Analytiker haben das noch nicht begriffen, weil sie die Psychoanalyse als „Humanwissenschaft“ sehen – und in diesen gibt es eine traditionelle Technikfeindlichkeit. Wenn die Psychoanalyse etwas mehr Interesse an Technologie gewänne, würden sich ihr neue Zukunftschancen eröffnen.

 

Die Kulturkritik zieht daraus den oft depressiven Schluss, dass durch Herrschaftstechniken und Marketingtechniken ein immenser Zugriff auf das Unbewusste möglich ist. Alles Paranoia?

 

Theweleit: Das ist ein bisschen wie mit den Stasi-Akten – wenn man von allen Leuten, die rumlaufen, Aufzeichnungen macht und die in einen Schrank tut, dann hat man soviel gesammelt, dass diese Aufzeichnungen niemand mehr lesen kann. Es werden so viele Einflussversuche medial auf uns abgefeuert, dass gesteuerte Kontrolle schwer machbar ist – diese Techniken blockieren sich zu einem nicht unwesentlichen Teil gegenseitig. Werbung schafft keine ferngesteuerten Menschen, das wissen wir. Jetzt wird das den Technologien unterstellt, die wir noch nicht so genau kennen, der Nanotechnologie etwa. Die neue alarmistische Frage lautet: Was denn, wenn da Teile, die mikroskopisch gar nicht wahrnehmbar sind, in uns eingepflanzt werden? Die Paranoia hat also eine große Zukunft. Da werden wir noch einiges erleben.

 

Die Tagung „Kulturanalyse – Psychoanalyse – Sozialforschung“ findet vom 23.-25. November im Volkskundemuseum in der Laudongasse 15-19 im 8. Bezirk statt. Klaus Theweleit diskutiert mit Helmut Dahmer am Samstag, um 11.30. Weitere hochkarätige Vortragende u.a.: Der Zürcher Psychoanalytiker Mario Erdheim, der New Yorker Historiker Eli Zaretzky und die Grazer Kulturanthropologin Elisabeth Katschnig-Fasch. Das exakte Programm gibt es unter www.volkskundemuseum.at/aktuell/frame_veranst.htm im Internet.

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