Reich und Schön

Was heißt heute eigentlich "neureich"? Ein Beitrag zum Standard-Dossier "Reiche Russen". Der Standard, 5./6./7. Jänner 2007


 

Sie schlurfen in Badeschlapfen und Trainings-anzügen durch die teuersten Luxushotels. Den traditionellen süddeutschen Kurort Baden-Baden haben sie praktisch übernommen. Gerne tragen sie bodenlange Chinchilla-Mäntel, und ihre Frauen kaufen die innerstädtischen Klunkerläden leer. Leute, die "in Umbruchszeiten über einen Geldkoffer gestolpert" sind, wie das der berlinisch-russische Kultautor Wladimir Kaminer nennt. Wir wittern sie aus der Ferne: die neureichen Russen. Sie haben keinen Stil, riechen streng mafiös. Protzige Möchtegerns. Kaufen sich Fußballmannschaften in fremden Ländern, verschwenden ihr Kapital für Spielzeug, zahlen Koffer voll Geld für Kitschkunst. Immer dabei: der Wodka und die Knarre. Kurzum: Sie lösen in uns jene Peinlichkeitsgefühle aus, die von jeher die Parvenus in den etablierten Oberschichten weckten. Was den Aristokraten des 17. Jahrhunderts die Vulgarität der "Bürgerlichen" ist den postmaterialistisch verfeinerten westlichen Metropolenbewohnern des 21. Jahrhunderts der neureiche Russe.

Doch kaum ist die Analogie etabliert, löst sie sich schon in Komplikationen auf. Die Kategorie "neureich", so treffsicher sie in pejorativer Hinsicht ist, was genau sagt sie heutzutage? Einstmals war die Sache klar: Hier gab es die etablierten Oberschichten mit ihrer Stilsicherheit, die Nobilität und das "Old Money", und da die Nouveaux Riches, die Emporkömmlinge. Oben verfeinerte man die Sitten. Damit machte man sich um den Prozess der Zivilisation verdient, andererseits war das auch eine Herrschaftsstrategie – nur indem man den Abstand im Lebensstil zu den Emporkömmlingen behauptete, erhielt man die soziale Distanz aufrecht. Gleichzeitig akzeptierten diejenigen, welche von unten nach oben strebten, die oben als Vorbilder. Oben hielt man "alles ‚Vulgäre‘ mit betonter Strenge" aus dem eigenen Lebenskreis fern, beschrieb der Soziologe Norbert Elias diesen Mechanismus, unten ahmte man "den Adel und seine Manieren nach". Kaum waren die Bürgerlichen als "Bourgeois Gentilshommes" oben angekommen, warfen sich die Arbeiter in den Sonntagsstaat und wurden Mittelstand. So fuhr der soziale Fahrstuhl, bis er familiär versorgte Bobos, Yuppies, neue Mittelschichten und die meritokratischen Gutverdiener von heute oben hatte, die stilbewussten Symbolmächtigen, die wissen, wie peinlich es ist, Reichtum und Wohlstand zur Schau zu stellen, die aber auch wissen, wie wichtig es ist, Reichtum und Wohlstand zur Schau zu stellen, und die deshalb viel Zeit darauf verwenden, Strategien des möglichst subtilen Zurschaustellens zu entwickeln.

Es sind die, deren Kreise die neureichen Russen stören. Aber es ist, bei genauem Hinsehen, ein Narzissmus der kleinen Differenz zwischen neureich und neureich, wobei die einen mehr ökonomisches Kapital und die anderen mehr kulturelles Kapital angehäuft haben. Was die verfeinerten westlichen Subtilkonsumenten an den protzigen Luxuskonsumenten aus dem Osten freilich am meisten verstört, ist der Umstand, dass diese, anders als Neureiche früherer Epochen, den gehobenen Stil gar nicht mehr als Modell anerkennen. Sind für den gehobenen Mittelstand des Westens die vulgären Neureichen letztendlich Unterschichtler, die zu Geld gekommen sind, sind für die neureichen Russen die hiesigen verzärtelten Wohlstandsbürger einfach kraftlose Weicheier.

Das hat wohl eine Reihe von Ursachen – etwa dass schon die Bestimmung des „kulturell Oberen“ fragwürdig geworden ist, weil es keine unumstrittene kulturelle Norm gibt. Es gibt eine Vielzahl von Stilen, aber kein spezifischer Stil kann sich zum herrschenden aufschwingen. Zudem gilt eines heute für nahezu alle Erfolgsmenschen, seien es Mafiosi aus Jekaterinburg, smarte PR-Agentur-Besitzer aus Wien-Neubau oder notorische Zeitungsgründer: Nimm ihnen ihr Geld, und es bleibt nichts übrig. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Globalisierung. Die kulturell Verfeinerten und die Neureichen begegnen einander zwar, leben aber in topografisch unterschiedlichen Welten. Früher wollten die Neureichen zu den Honoratioren ihrer Stadt aufsteigen, die russischen Neureichen machen bei uns nur Urlaub oder auf Luxusshopping.

So begegnet uns in den Russen, denen die Dollarnoten aus den Hosentaschen quellen, der Triumph der Neureichen nur in seiner karikaturhaften Form. Freilich, längst geht die mediale Etablierung von Rollenbildern auch in unseren Breiten an den betont kultivierten Schichten vorbei. Die Lugners, Bohlen, Karl-Heinz Grasser – zum Star wird man, indem man auf Stil pfeift, das Parvenuhafte ist nicht peinlich, sondern Ticket zum Ruhm. Bei "Reich und schön" sind alle Russen, irgendwie. Das geht so weit, dass selbst "Old Money" das Neureiche kopiert – man denke nur an Paris, die Urenkelin des Hotelgründers Conrad Hilton. Wenn Geld regiert, hat es etwas Schales, über die Peinlichkeit zu spotten, solange sie sich rechnet. In allem steckt ein – zur Unkenntlichkeit pervertiertes – demokratisches Element. Weder muss man aus guter Familie sein, noch ein Comme-il-faut beherrschen, um Anerkennung zu erfahren. Der richtige Kontostand reicht, sofern genügend Leute davon wissen. Wie schrieb Karl Marx auf Seite 620 des ersten Bandes des Kapitals: "Auf einer gewissen Entwicklungshöhe wird ein konventioneller Grad von Verschwendung, die zugleich Schaustellung des Reichtums ist, zu einer Geschäftsnotwendigkeit… Der Luxus geht in die Repräsentationskosten des Kapitals ein."

Wenn man sich das beste Hotel am Platz leisten kann, dann kann man es sich eben auch leisten, in Badeschlapfen durch die Lobby zu schlurfen.

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