Kaufen und die Welt retten

Konsumismus und Klimawandel. „Deutsche, macht in Deutschland Urlaub!“, lautet die neue Parole. Sie fügt sich in ein Stakkato ähnlicher Appelle: Mit vernünftigem Konsum soll repariert werden, was der Konsumismus angerichtet hat. taz vom 5.3. und – in etwas anderer Fassung – Falter vom 7.3. Und eine Radioversion für den Hessischen Rundfunkt kann man hier hören.

 

 

Bahnfahren statt Fernreisen, auf den Brocken statt auf die Balearen, Harz und Heringsdorf statt Himalaya: die Deutschen sollen in Deutschland Urlaub machen. Die Politik überschlägt sich derzeit mit ihren Appellen an den bewussten Verbraucher: Bei der Urlaubsplanung soll der CO-2-Ausstoss künftig ein Entscheidungskriterium sein. „Auf Flugreisen zu verzichten, ist ein guter privater Beitrag zum Klimaschutz“, sagte Ulrich Kelber, Fraktionsvize der Sozialdemokraten, der „Bild am Sonntag“. Von Bayern bis Berlin stimmten Vorder- und Hinterbänkler in das Lied mit ein.

 

Die Aufrufe häufen sich dieser Tage: Mit dem richtigen Konsum kann man sich nicht nur etwas Schönes gönnen, sondern auch noch die Welt retten.

 

„Leute, kauft Hybrid-Autos von Toyota“, riet Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, was noch einen Aufschrei all jener zur Folge hatte, die sich um hunderttausende Arbeitsplätze bei BMW oder Volkswagen sorgen. Aber der Trend zum Konsum mit gutem Gewissen ist nicht aufzuhalten. Lifestyleblätter propagieren den Kauf von Energiesparlampen. Die grellen Röhren sind zwar noch zwanzig Mal teurer als Glühbirnen, aber praktisch nicht mehr umzubringen. Vor allem aber setzten sie 80 Prozent der eingespeisten Energie in Licht um – herkömmliche Glühbirnen gerade mal 10 Prozent. Würden alle Europäer umsteigen, der gesparte Schadstoffausstoß – etwa der Kraftwerke – entspräche dem, was mehr als eine Million Autos jährlich in die Atmosphäre blasen.

 

Dass der Ökokonsum das Image von Jute statt Plastik, Latzhose und Bioladen längst abgelegt hat, konnte jeder sehen, der vergangene Woche das „Vanity Fair“ aufschlug. Ausgerechnet im „Stil“-Ressort des Hochglanzblattes wurden unter der Überschrift „Grüne Welle“ acht schicke Schlitten empfohlen, bei deren Kauf man nicht nur reichlich PS, sondern auch noch ein gutes Gefühl mitgeliefert bekommt. Sogar BMW hat schon ein cooles Coupé im Angebot, das gerade 4,9 Liter pro hundert Kilometer verbraucht. Der CO-2-Ausstoß ist mit 131Gramm pro km vorbildhaft.

 

Ob beim ökologisch verantwortlichen Konsum oder beim Kauf von Fairtrade-Produkten – der moralische Verbraucher ist es, auf dessen Schultern die Hoffnung auf eine bessere Welt zu ruhen scheint. Statt Gesetze, die die Marktökonomie steuern und regulieren würden, sollen „nicht-ökonomische Werte“ selbst in den Marktprozess eingespeist werden. Über neue Art von Marktverhalten soll bisheriges „Marktversagen“ korrigiert werden. Der Kapitalismus hat’s angerichtet? Macht nichts. Der Kapitalismus macht’s wieder gut.

 

Der Kulturtheoretiker Nico Stehr hat gerade ein sehr gelehrtes Buch herausgebracht, in dem er diese seltsame „Moralisierung der Märkte“ analysiert. Stehrs These: Die „angeblich strikt voneinander getrennten sozialen Rollen des Konsumenten und des Bürgers“ nähern sich an. Schließlich wisse man doch längst, dass Märkte nicht bloß zweckrationale Veranstaltungen sind. Wer ein Gut kauft, will in der Regel nicht nur ein möglichst billiges Gebrauchsgut, sondern er erwirbt damit auch kulturelle Güter – Lifestyle-Gadgets. Ein Ding ist nicht nur in seiner Dinghaftigkeit nützlich, sondern ein Nutzen des Erwerbs kann sein, dass man sich gut fühlt.

 

Früher kaufte man Güter ihres Gebrauchswertes wegen. Je umkämpfter die Konkurrenzmärkte, umso mehr versuchten die Unternehmen, die Dinge mit Kultur aufzuladen, um sachlich gleiche Dinge subjektiv unterscheidbar zu machen. Im Lifestylekapitalismus dreht sich die Priorität zunehmend um. Das Primäre ist der Lifestyleaspekt des Konsums – die praktische Seite der Chose wird ohnehin vorausgesetzt und ist deshalb nebensächlich.

 

Wer einen iPod kauft, bekommt Cooleness mitgeliefert, die Mitgliedschaft in der globalen iPod-Community. Wer ein fair gehandeltes oder ökologisch korrektes Auto kauft, erwirbt ein gutes Gewissen, und nebenbei auch noch ein Ding mit Rädern, das fährt. Die Unternehmen machen sich den Wunsch der Konsumenten, die mit den Dingen ein gutes Gefühl mitgeliefert bekommen wollen, zunehmend zu Nutze.

 

Ist das gut? Aber klar doch. Ist das auch ein bisschen lächerlich? Zweifellos. Ist das vielleicht sogar gefährlich? Leider ja. Denn ein Problem des Moralkonsums ist, dass der Eindruck erweckt wird, vernünftiges Shopping könne Regeln ersetzen. Mit den Kapitalisten ist es wie mit den Kindern: Sie brauchen Regeln. Und wer ist dafür da, verbindliche Regeln zu formulieren? Got it! Die Politiker! Wie wär’s, wenn sie sich über strengere ökologisch-technologische Richtlinien für die Produktion der Dinge Gedanken machen würden, statt so zu tun, als könnte „der Verbraucher“ durch Selbststeuerung die Probleme lösen, die nur durch klare Regeln entschärft werden können?

Ein Gedanke zu „Kaufen und die Welt retten“

  1. lieber robert, asche über mein haupt – ich muss gestehen, dass ich einfach auf diesen artikel verlinkt habe ohne zu merken dass es sich dabei NICHT um die von mir kritisierte falter-version handelt. wenn du beide versionen vergleichst, wirst du vielleicht nachvollziehen können, dass in taz-version (ich nenn sie mal die naomi-klein-variante) ein paar wesentliche dinge betont sind, die im falter vielleicht ein bisschen untergehen: der hinweis auf die notwendigkeit verbindlicher regeln. dass die happy-pepi-gewissensschiene „vielleicht sogar gefährlich“ ist. und dass man bei der ösi-version glauben könnte, starbucks, bmw und co. hätten die (menschenfreundliche) quadratur des (kapitalistischen) kreises geschafft, indem sie nun mit gutsein gewinne machen, und wir müssten das zeug jetzt nur noch kaufen. was heißt das nun? kann man den falter-lesys weniger zumuten? oder liegt es daran, dass man bei den katholischen österreichern besser auf gewissen statt auf protestantische pragmatik setzt?
    ANTWORT:
    NEIN, es liegt einfach daran, dass ein feuilletonistischer Artikel etwa anderes ist als ein Kommentar. LG Robert

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