Dem Morgenrot entgegen

Rahel Jaeggi renoviert das Konzept des „Fortschritts“. Der Begriff ist heutzutage ja arg ramponiert.

Die Idee des „Fortschritts“ hat schon bessere Tage gesehen. Heutige Gesellschaften sind weniger von Fortschrittsgeist und Zukunftsvertrauen beherrscht, sondern von einem Gefühl depressiver Stockung. Es gibt zwar weiter „Fortschritte“, die allgemein unumstritten sind – in der Medizin, in der Wissenschaft, in den technologischen Innovationen. Dass die heutige Herzchirurgie ein Fortschritt gegenüber einstigem Frühableben sei, wird kaum jemand bestreiten, selbiges gilt für die E-Mail im Vergleich zum Telegrafenamt. Aber ob sich der technologische Fortschritt, der materielle Fortschritt (also der allmähliche Anstieg des allgemeinen Wohlstandsniveau), der soziale Wandel und moralischer Fortschritt (etwa, Richtung mehr Gerechtigkeit und Achtung von Menschenrechten), zu einer umfassenden „Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen“ (Rahel Jaeggi) addieren, wird heute eher angezweifelt.

Noch mehr gilt das für die Annahme, dass die Menschheit auf einem Kurs der Vervollkommnung sei. Walter Benjamin formulierte in seinen Thesen zur Geschichtsphilosophie eine „Kritik an der Vorstellung des Fortschritts überhaupt“, ziemlich zeitgleicht notierte Antonio Gramsci im Gefängnis: „Der Fortschritt ist eine Ideologie“. Theodor W. Adorno fragte provokativ, ob denn der „Fortschritt von der Steinschleuder zur Megatonnenbombe“ tatsächlich einer sei.

Es ist ein großtheoretischer Aufschlag, den Rahel Jaeggi, Professorin für praktische Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität, in „Fortschritt und Regression“ versucht. Quasi: Das Konzept des „Fortschritts“ retten, gemäß dem Adorno-Postulat, dass eine sanierte Fortschrittsidee zu absorbieren habe, „was an den Invektiven gegen den Fortschrittsglauben triftig ist“.

Jaeggi ist eine Spezialistin für rettende Kritik, die abgestandene Begriffe abstaubt. Schon vor beinahe 20 Jahren hat sie das mit dem Begriff der „Entfremdung“ auf fulminante Weise getan. Obwohl wir keine letztgültige Norm des „richtigen“ oder „echten“ Lebens haben können, von dem man sich entfremden könne, mache das Entfremdungskonzept etwas sichtbar und artikulierbar. Verwerfe man es, ginge etwas verloren.

Über weite Strecken nimmt Jaeggi nunmehr die Fortschrittsidee analytisch auseinander. Protokolliert wird, was an ihr fragwürdig und nützlich ist. Es sind famose und lehrreiche Kapitel. Mit dem Fortschrittsbegriff können koloniale Gemetzel gerechtfertigt werden, etwa, dass der Westen den „Wilden“ den „Fortschritt“ bringe. Genauso kann er Unterdrückte anspornen, gemäß dem Motto: „Wir sind heute geknechtet, aber die Zukunft gehört uns“. Moralischer Fortschritt ist mehr als Wandel, er führt dazu, dass Ansichten der Vergangenheit kaum mehr verständlich sind (dass Vergewaltigung in der Ehe okay sei, schwarze Sklaven keine Menschen seien etc.).

Heute sind, darauf kann man sich vielleicht schnell einigen, Fortschritt und Regression im Widerstreit. Aber was ein Fortschritt sei, und was nicht, hängt von umkämpften moralischen Vorannahmen ab, oder von Ideen einer „idealen Gesellschaft“, der man sich in allmählichen Schritten annähere. Das Problem: Nicht nur der Utopismus ist selten geworden. Zweites Problem: Was für die einen ein Fortschritt zum Guten, ist für die anderen eine Abweichung vom Richtigen.

Jaeggis ausgedünntes Fortschrittskonzept: „Gesellschaften haben kein Ziel, sie lösen Probleme.“ Fortschrittliche Problemlösungen sind solche, die sich als „Anreicherungsprozess“ darstellen lassen, also als neue, komplexe, selbstreflexible Lösungen, während Regression der Rückfall hinter schon erreichte Einsichten ist. Regression stemmt sich gegen die Wirklichkeit und sei, so Jaeggi, daher eine „Verstetigung von Prozessen des Scheiterns“.

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Simpel gesagt: Auf ein bestimmtes Problem können moderne Einwanderungs- und fortschrittliche Staatsbürgerschaftsgesetze die Antwort sein, während „Festung Österreich“ der regressive Reflex ist.

Freilich: Was besser funktioniert, also was „fortschrittlich“ und was „regressiv“ ist, wird umstritten bleiben. Der Unbequemlichkeit, dass es da draußen keinen Standpunkt höherer Wahrheit gibt, vermag auch Jaeggis Fortschrittskonzept nicht aufzulösen. Ihr Leitmotiv: Wir sollen Fortschritt weniger als einen Fortschritt hin zu einem Ziel, mehr als einen Fortschritt weg von einem Problem verstehen. Was man als „Verbesserung“ beurteilt, wird sich aber normativen Urteilen, die immer umstritten sind, nicht entziehen können.

Das „Fortschrittsgefühl“ ist eines dieser merkwürdigen Dinge, die fragwürdig bis zur Fiktion sind, ohne die man aber Gesellschaften oder gar die Menschheit kaum voranbringt. Die Rückeroberung der Zukunft ist deshalb ein politischer Akt. Jaeggi: „Keine Geschichtsphilosophie ist auch keine Lösung.“

Rahel Jaeggi: Fortschritt und Regression. Suhrkamp-Verlag, 2023. 249 Seiten, 28,80 €

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