„Das Unglücksweisen, das ich bin…“

2024 steht ganz im Zeichen von Franz Kafkas 100. Todestag. Ein idealer Autor für das wirre Heute, eine Axt für das gefrorene Meer in uns.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Essays erschien im Januar in der „Neuen Zürcher Zeitung“

Am Náměstí Republiky kreischen Prags Straßenbahnen, mit ein paar Sprüngen ist man über die Pfützen, in denen der Regen tanzt, und mit hochgeschlagenen Kragen in die Na Poříčí, wo heute das „Hotel Century Old Town“ liegt. Man merkt dem Gründerzeitbau die leicht einschüchternde Aura früherer Amtsgebäude noch an. Vor hundert Jahren war hier die böhmische „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ untergebracht, eine halbstaatliche Behörde. Franz Kafka hatte hier sein Büro als Versicherungsbeamter, wie man das damals noch nannte. Auch heute hat das Haus seine zentralen und peripheren Treppenhäuser, den Lauf der Flure, der sich amtshausmäßig auf jeder Etage entlangzieht, unvermutete Gänge zwischen den Geschoßen, labyrinthartige Verbindungen. „Profunde Kenntnis bürokratischer Strukturen“ (Oliver Jahraus) ist nicht unwesentlich in Kafkas Werk eingeflossen, das Wissen über das Mahlen einer Bürokratie, die den Einzelnen nicht nur im Kreis schickt – sondern der er ausgeliefert ist.

Von hier aus ist es nicht weit zum Altstädter Ring und dem alten Judenviertel, das in Kafkas Kindheit und Jugend seinen Charakter radikal änderte. Kafkas Vater hatte hier seinen prosperierenden „Galanteriewaren“-Laden. Nur ein paar Schritte sind es bis zur Schule, die Kafka besuchte. Das „Café Arco“, wo das intellektuelle Prag herumsaß, Max Brod, Franz Werfel, Albert Einstein während seiner paar Professorenjahre in der Stadt, ist einen Steinwurf entfernt. Zum „Café Louvre“ in der heutigen Národní třída (Nationalstraße), wo sich die Bande als Jungstudenten zu Philosophieabenden traf, ist es auch nur ein kleiner Spaziergang. Ein paar hundert Meter in die eine Richtung, ein paar hundert Meter in die andere, das ist der Lebensraum, den Franz Kafka nie für länger, aber immerhin für ein paar ausgiebige Reisen verlassen hat. Gelegentlich grübelte er über das Weggehen – „Prag, aus dem ich weg muß, und Wien, das ich hasse und in dem ich unglücklich werden müsste“ –, aber letztlich blieb er abgesehen von einem längeren Berlinaufenthalt kurz vor seinem Tod in Prag.

Genau 100 Jahre ist es bald, seit Franz Kafka 40jährig an Tuberkulose verstorben ist. Eine der faszinierendsten und seltsamsten Gestalten der literarischen Moderne. Kafkas Literatur ist so gegenwärtig, als wäre sie nicht aus einer versunkenen Epoche, seine Arbeiten sind vielleicht die herausragendsten Erscheinungen dessen, was man das „Offene Kunstwerk“ nennt. Mit einem Rätselcharakter, der bis heute anhält.

Nicht selten hat man ihn einen frühen Autor des Absurden genannt. Bisweilen auch einen Seher und einen Spezialisten für Macht, dafür, was Machtstrukturen mit machtunterworfenen Subjekten machen, wie die Macht in die Personen einwandert, sie ummontiert.

Kafka war ein Meister der ersten Sätze, man denke an den fulminanten Start in den „Prozess“-Roman: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Oder: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“, der Beginn der Erzählung „Die Verwandlung“. Es sind kanonische Sätze.

„Das Werk Kafkas (…) ist zum Opfer einer Massenvergewaltigung durch nicht weniger als drei Armeen von Interpretationen geworden“, hatte Susan Sontag in „Against Interpretation“ beklagt. Frühe Interpreten deuteten Kafka als religiös, als eminent jüdischen Autor, und seine Thematiken wie Behörden oder die Obrigkeit (etwa im „Prozess“ oder im „Schloss“), sein Umkreisen des „Gesetzes“, sahen sie als quasi post-talmudisches Echo von Grübeleien über Gottes undurchschaubare Gerechtigkeit; andere wiederum vermuteten im Irrsinn der Kafkaschen Behörden ahnungsvolle literarische Erkundungen über die totalitären Versuchungen der Massengesellschaft; und schließlich sind da die psychoanalytischen, freudianischen Interpreten, die das alles aus der mächtigen, repressiven Vaterfigur ableiten, mit der Kafka sich ein Leben lang herumschlug. Und es kamen noch ein paar Interpretationen hinzu, politischere, kapitalismuskritische Deutungen beispielsweise über die „Entfremdung“ der Menschen, des Leidens an dem, was man später die „verwaltete Welt“ nennen sollte.

Freilich: Keine Interpretation ist auch keine Lösung. Wer Kafka liest, will auch wissen, was der Autor auf geheimnisvolle Weise meinen könnte, vielleicht sogar ohne bewusste Intentionen des Autors selbst.

Geht man heute von Kafkas Wohngegend über die Karlsbrücke auf die andere Moldauseite – auf die „Malá Strana“, die „kleine Seite“ –, wo die schiefen Gässchen der alten Stadt den Hügel hoch schlängeln bis zur Burg, dem „Hradschin“, da kann man im famosen kleinen „Franz Kafka Museum“ in den Lebens- und Denkwelten Kafkas versinken.

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Oben, die Welt, in der er aufwuchs, die Themen, mit denen er sich herumschlug. Und über eine steile Treppe geht es quasi in die Untergeschoße des Kafkaschen Empfindens. Mit Aktenschränken („die Bürokratie“). Mit einer Tür, die sich nicht öffnen lässt und dem Beginn einer kleinen Kafka-Erzählung: „Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um den Eintritt in das Gesetz…“.

Franz Kafka wurde 1883 in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren, die aus der Provinz in die Stadt gezogen war. Sein Vater, Hermann Kafka, war die beherrschende Überfigur der Familie. Vater und die Mutter Julie standen täglich von früh bis spät im Geschäft, sodass sie der Junge meist nur zum kurzen Mittagessen sah. Zwei ältere Brüder starben innerhalb weniger Jahre an Krankheiten. Er war in gewisser Weise ein „Überlebender“, da war er noch in den Windeln. Drei jüngere Schwestern kamen als Nachzüglerinnen. Die Familie war nicht sonderlich religiös, jüdische Kultur und Lebenswelten waren aber gewohnheitsmäßig präsent. Das Aufwachsen von Kafka in der Gegend, die ein paar Jahre vorher noch ein jüdisches Ghetto war, mit ihren Synagogen an allen Straßenecken, fiel genau in die Ära allmählicher Säkularisation und Assimilation. Über die jüdischen, meist deutsch schreibenden Autoren dieser Zeit im multiethnischen, deutsch-tschechisch-jüdischen Prag wird Kafka später an seinen Freund Max Brod schreiben: „…aber mit den Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des Vaters und mit den Vorderbeinchen fanden sie keinen neuen Boden. Die Verzweiflung darüber war ihre Inspiration.“

Eine Selbstauskunft? Möglich. Allerdings: Kaum hat man Kafka, entwischt er einem auch schon wieder.

Unbestritten: Für psychologische Interpretationen und einfache Muster bietet sich Kafka geradezu an. Da ist die Auseinandersetzung mit dem Vater, den er in seinen Tagebüchern und dem berühmten „Brief an den Vater“ als gefühlloser Tyrann geschildert hat („…ich habe mich geradezu in Hass gegen den Vater hineingeschrieben“). Da ist die Auseinandersetzung mit der Mutter und der Familie, und das Selbsterleben Kafkas als existenziell Einsamer: „Ich lebe in meiner Familie, unter den besten und liebevollsten Menschen, fremder als ein Fremder.“

Da ist auch die Verwundetheit des zarten, dünnen Kafkas, die Selbstbeschreibung als „das Unglückswesen, das ich bin“. Da ist Kafkas Leben in der Literatur und das Leiden unter den Bürojobs des jungen, erfolgreichen Juristen, zunächst bei der „Assicurazioni Generali“, und später bei der Arbeiter-Unfallversicherung („Im Bureau genüge ich äußerlich meinen Pflichten, meinen inneren Pflichten aber nicht…“). Schreiben konnte er nur an den Abenden, in der Nacht, in Urlauben. „Mein Posten ist mir unerträglich“, notiert er.

Da ist Kafkas Beziehungsgestörtheit, sind seine geschlossenen und gelösten Verlobungen mit Felice Bauer. In seinem Tagebuch notiert er eine „Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht“. Etwa, „ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins. … Allein könnte ich vielleicht einmal meinen Posten wirklich aufgeben. Verheiratet wird es nie möglich sein.“ Da ist dann schließlich der Ausbruch der Krankheit ab 1917, den Kafka ein wenig sogar als Entlastung erlebt, da er sich als Todkranker keine Gedanken mehr über Heirat, Familie, Gesetteltheit machen muss. Da ist auch die Selbstwahrnehmung einer Körperfeindlichkeit, wenn er schreibt, „die systematische Zerstörung meiner selbst im Laufe der Jahre ist erstaunlich.“

Doch das sind Tagebucheintragungen, Entwürfe eines Selbstbildes, die mit der Realität nicht immer viel zu tun haben. Autofiktional, wie man heute sagen würde, mit gewisser Betonung auf fiktional. Der Vater war nicht gar so ein Tyrann. Der Bürohengst Kafka, der sich als ungenügend beschreibt, war ein erfolgreicher Angestellter, er war ein Womenizer, der sich seiner Ausstrahlung und Anziehungskraft schon bewusst war, und er war keineswegs so ungesellig, wie er uns aus seinen schriftlichen Selbstzüchtigungen erscheinen mag. Milena Jesenká, eine von Kafkas letzten Vertrauten, beschrieb ihn noch im Nachruf in Narodny Listý als „ein Einsiedler, ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch… der seiner Krankheit die ganze Last seiner geistigen Lebensangst auflud“, als „scheu, ängstlich, sanft und gut“.

Was Kafka bis heute zu einem kryptischen Zentralfigur der literarischen Moderne macht, ist, dass er uns etwas über die abgründigen Eventualitäten von Gesellschaft sagt, und neue, bis heute zeitgenössische Schreibweisen eingeführt hat. Beredt, dass es nur zwei Schriftsteller gibt, die es zu einem gebräuchlichen Adjektiv brachten, George Orwell und Franz Kafka. „Orwellsch“ – im englischen noch gängiger „orwellian“ – ist eine Welt von Beobachtung, Kontrolle und alles durchdringenden Propaganda, die die Lüge in Wahrheit verwandelt. „Kafkaesk“ ist eine Situation, die absurd und rätselhaft ist, aber auch unlogisch und bedrohlich.

Orwellsche Welten sind immer kafkaesk, kafkaeske Welte meist auch orwellisch.

Wie im „Prozess“, in dem Josef K. einer gerichtlichen Untersuchung ausgesetzt ist, und nie erfährt, was ihm eigentlich vorgeworfen wird, und in der seine Schuld dennoch festgestellt wird. Oder wie im „Schloss“, dem Roman, in dem sich die ganze Existenz und Identität des Landvermessers auf einem Irrtum im Akt gründet. In gewissem Sinne auch in „Amerika“ (heute meist als „Der Verschollene“ bekannt), in Kafkas hellstem Roman, in dem der Auswanderer, ein verstoßenes Kind noch, fortwährend in Situationen gerät, in denen er einfach nur passiv die Dinge mit sich geschehen lässt und geschehen lassen muss, da Verteidigung zwecklos ist.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, schrieb der junge Kafka 1904 in einem Brief an einen Freund.

Heutige Kafka-Rezeption empfindet den Schriftsteller oft auch als prophetisch, als einen, der das kommende Verhängnis ahnte. Die Verfolgungswut der Nazis, das Lagerwesen, den Staat, der die Einzelnen zermalmt. Oder den Stalinismus, die absurden Anklagen der Moskauer Prozesse, die Angst in den kommunistischen Nachkriegsgesellschaften, in die Mühlen von Verleumdung zu geraten. Dass Josef K. verhaftet wurde, ohne etwas Böses getan zu haben, las man im Prag der fünfziger Jahre wie eine Zeit- und Regimekritik.

Nicht zufällig war Kafka verboten.

Die Geschichte der Kafkarezeption ist ein Abenteuer für sich. Zu Lebzeiten hat er wenig veröffentlicht, seine nachgelassenen Schriften seinem Freund Max Brod zur Verbrennung aufgetragen – der sich, wie Kafka aber wissen konnte, nicht daran halten würde. Kafka wurde bald danach zu einer posthumen Berühmtheit. Walter Benjamin würdigte ihn in vielen Schriften, Adorno ebenso, Brecht sowieso. Tucholsky pries ihn schon 1920 in der „Weltbühne“ als zweiten Kleist. Kafka stach heraus aus der Zeit. Aber mit der Vernichtung der jüdischen Literatur durch die Nazis geriet auch Kafka in Vergessenheit, bis ihn eine spätere Zeit wieder entdeckte. Kafka war: Erst Geheimtipp, dann gefeiert, dann vergessen, danach eine Pop-Ikone, wie Warhol oder Marilyn.

Kafka hat seinen eigenen Ton. Genauigkeit der Sprache, Präzision, Schnörkellosigkeit. Kafkas Schreibweise war ein einfacher, lapidarer Stil, „Verzicht auf geschwätzigen Alltagston und manierierte Spielerei bilden für ihn gleichermaßen Kriterien der bedeutenden literarischen Leistung“, schreibt der Literaturwissenschaftler und Kafka-Biograph Peter-André Alt. Kafka war Avantgarde, ohne jede bemühte Avantgardehaftigkeit.

Noch die düstersten Passagen haben auch etwas Lustiges. Kafka war auch Humorist. Ironie und schwarzer Humor eignen sich ja bestens als Waffen. Gelegentlich hat man ihn mit Autoren wie Daniil Charms verbunden. Er war auch ein Meister des Komischen, der gesellige Kafka unterhielt Freunde und Verwandte, und bei öffentlichen Lesungen war er ein packender Rezitator. Es kam vor, dass er so über seine eigenen Texte ins Lachen ausbrach, dass er sich kaum mehr einkriegen konnte, etwa, wenn er aus „die Verwandlung“ vorlas. „Kafka war immer heiter“, so seine letzte Gefährtin Dora Diamant. „Er war der geborene Spielkamerad, der immer zu irgendwelchen Späßen aufgelegt ist.“

„Es gibt Tendenzen in der modernen Geschichte, die das Kafkaeske im großen gesellschaftlichen Maßstab produzieren“, schrieb Milan Kundera über seinen Landsmann. Vor Kafka haben Romanciers Behörden oft „als einen Kampfplatz entlarvt“, so Kundera, als einen Kampfplatz von Eitelkeit, Karrierismus, aber auch von Netzwerk-Interessen. Kundera: „Bei Kafka ist die Behörde ein Mechanismus, der seinen eigenen Gesetzen gehorcht, … also unbegreiflich ist“. Die Behörde ist selbst Subjekt. Man kann Kafka auch gut vor der Hintergrundfolie von Foucaults Machttheorien lesen, dass Macht etwas ist, was systemisch wirkt, ohne dass es dafür unbedingt besondere Mächtige braucht, etwa Könige, Diktatoren oder Regierende mit speziellen autokratischen Passionen. Die Behörde und die moderne Gesellschaft verwandelt den Einzelnen in eine Karteikarte. Wird er beamtshandelt, beginnt der Einzelne, sein ganzes Leben in den kleinsten Handlungen und Ereignissen erforschen, um wenigstens einen Grund hinter dem Unlogischen zu finden, das ihm widerfährt. „Die Maschine der ‚Selbstbeschuldigung‘ ist angelaufen. Der Angeklagte sucht seine Schuld“ (Kundera). Aber ist das nur die Geschichte totalitärer Behörden, oder doch auch von heutigen Selbsttechnologien und Selbstoptimierung? Nicht nur die Lagerhaltung, auch die Freilandhaltung hat ihre Regeln, die sich in die Körper einschreiben. Aber, wieder Vorsicht! Das offene Kunstwerk ist stets gefährdet, mit Bedeutung überfrachtet zu werden.

„Das autoritäre System“, schrieb Jens Jessen jüngst in der „Zeit“, „ob nun einer Behörde, des Staates oder nur des Familienvaters, zeigt sich in seiner ganzen vergiftenden Totalität erst dadurch, dass es bis in die Seele des Individuums vordringt und dort sogar Zustimmung auslöst – Zustimmung zum eigenen Verhängnis.“

Kafka thematisiert Nachts die Ambiguitäten des Bürokratischen, tagsüber arbeitete er an den guten Seiten der Verwaltung mit. Die „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ war nicht nur eine sozialpolitische Institution zur Absicherung von Risiken, sondern wollte – aus humanistischen Gründen, aber auch zwecks Defizitreduktion – diese Risiken auch verhindern. Eine Versicherung versichert gegen Unfälle, und erlässt dann Regeln, die Unfälle vermeiden sollen.

Kafka selbst kämpft für bessere Arbeitsumstände. Er ist eine Art Arbeitsinspektor, fährt in seinem Verantwortungsgebiet herum, macht Vorschläge für Unfallverhütungsmaßnahmen, die der Industrie den Verlust von Gliedmaßen ersparen. Er macht Karriere, ist für seine Chefs unverzichtbar. Seine Literatur ist vom Amtlichen beeinflusst, das Amtliche von der Literatur, Er wurde zum bevorzugten „Anstaltsautor“, schrieb die Vorträge der Direktoren, und bei Kongressen der Versicherungswirtschaft konnte es gut vorkommen, dass gleich mehrere Referate Vortrag fanden, die aus Kafkas Feder stammten. Es gibt wohl in der modernen Literatur, auch in der sozialkritischen, kaum einen Autor, der so genau über Holzhobelmaschinen, die Zustände in Steinbruchbetrieben oder über das blutige Geschehen an Montagebändern Bescheid wusste wie Kafka. Skurril auch: In seiner Rolle als Versicherungsmann setzte er sich für Arbeitnehmerrechte ein, in seinem kurzfristigen Nebenjob als Hausjurist und Anteilseigner einer Asbestfabrik eines Onkels musste er die Kosten für die Betriebssicherheit begrenzen. Die trostlose Aufgabe wusste er aber auch schnell loszuwerden.

Neuerdings sind Kafkas „Amtliche Schriften“ ein wichtiger Teil der Werkausgabe, und in Briefen beschrieb er die Unerfreulichkeiten der Erwerbswelt mit seinem Gespür für das Komische. „In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, (…) was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“

Mal sympathisierte er mehr, dann wieder nur ein wenig mit dem Sozialismus, und hinter der Arbeiterbewegung, deren Leistungen er würdigte, sah er schon die „Bürokratennester“ – schließlich saß er selbst in einem. Kafka war ein politischer Autor, ohne sonderlich ideologiegetrieben zu sein. Und zugleich einer, der auch noch politische Effekte zeitigte, als er schon lange tot war.

Eine der spektakulärsten Episoden der Literaturgeschichte ist die Wirkungsweise von Kafka in den kommunistischen Nachkriegsgesellschaften. Kafkas Beschreibungen von den Mühlen der Machtbürokratien wurden quasi als Regimekritik gelesen, Kafkas magisch-absurde Erzählungen widersprachen überdies dem spießigen Anti-Avantgardismus eines „sozialistischen Realismus“. 1963, aus Anlass von Kafkas 80. Geburtstag fand im barocken Schloss von Liblice die legendäre „Kafka-Konferenz“ statt, zu der marxistische Denker aus ganz Europa kamen. Eduard Goldstücker oder beispielsweise der später berühmte Jiří Hájek (ein Weggefährte Alexander Dubceks und Reformkommunist), Österreichs brillanter KP-Intellektueller Ernst Fischer, später einer der Begründer des „Eurokommunismus“. Auch Anna Seghers war da, oder Roger Garaudy aus Paris. Die Literaturtagung wurde zu einem mystischen Urereignis, einem Wetterleuchten späteren „Tauwetters“, eine Frühszene des „Prager Frühlings“. Kafka lehre, erklärte Jiří Hájek, „den Menschen aus der Macht jener Kräfte zu befreien, die ihn sich selbst entfremden (…) und ihn der existentiellen Angst, der Unsicherheit und Beklemmung aussetzen“. Kafka wurde in einen Stichwortgeber eines humanistischen Sozialismus verwandelt, oder, wie Fritz J. Raddatz später notierte, zu einem „Chiffre Kafka“, der für „geistigen Aufbruch“ steht.

Eine subversive Unternehmung: Mit Kafka gegen die Macht, mit Kafka für die Kunst und ihre Freiheit. Gegen die stahlharte Faust der Macht. Gegen die subtilen Maschen der Macht. Womöglich ist Kafka ja tatsächlich einer der machtzersetzendsten Autoren der Literaturgeschichte.

Aber alle Deutungen bleiben stets auf wackeligem Fundament. Kafka hatte Gespür für die Welt, und doch auch eine Weltabgewandtheit. Berühmt ist seine Eintragung im Tagebuch vom Sommer 1914: „2. August. Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Kafka hat sein Leben lang gerungen, zuforderst mit sich selbst. Saß er in einem Raum mit Freunden, die voller Überzeugung ihre Ansichten vortrugen, über das Jüdische, die Nation, den Sozialismus, den Zionismus, notierte er lapidar; „Meine Verwirrung.“ Er rang mit seinem Vater, der Familie, von der er dann doch nie länger loskam. „Ich, der ich meistens unselbständig war, habe ein unendliches Verlangen nach Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Freiheit nach allen Seiten.“ Kafka „verlässt das väterliche Haus niemals auf Dauer, heiratet nicht, gründet keine Familie, sammelt keinen Besitz, schafft sich im bürgerlichen Sinn keine eigene Existenz“ (Peter-André Alt).

Das heutige Kafka-Bild ist nicht zuletzt geprägt von der Ausstrahlung auf den Fotografien. Die Augen, diese dunklen, kohleschwarzen, Kafkaaugen, wie sie auch die Schwestern hatten. Der furchtsame Blick. Das hintergründig Traurige. Trauer schönes Antlitz.

Nachdem 1917 Franz Kafkas Tuberkulose-Krankheit mit einem blutigen Anfall ausbrach, schwindet er allmählich dahin. Die Krankheit hieß nicht zuletzt „Schwindsucht“ und war in jener Zeit auch noch metaphorisch überladen, als Krankheit der Geistig-Intellektuellen, der sensiblen Gemüter. Die Krankheit, so absurd das heute klingen mag, schuf ja sogar ein Mode- und Schönheitsideal, es war vom „Schwindsucht-Chic“ die Rede, „Consumptive Chic“ ist im englischen noch heute eine bekannte Redewendung. Blass, fahl, klapprig, sensitiv.

„Wie wäre es, wenn man an sich selbst erstickte?“, notiert Kafka, schon schwer erkrankt, in sein Tagebuch. Als die Krankheit eskalierte, der Kehlkopf sich auflöste, sind die letzten Wochen eine Odyssee durch Anstalten, seine Freundin Dora Diamant an seiner Seite. Die Verständigung erfolgte nur mehr über Notizzettel, ist auf morbide Art zu einem Nur-mehr-Schreibenden geworden. Zuletzt wird er von Wien aus ins Sanatorium nach Kierling bei Klosterneuburg gebracht, zwischen Kahlenberg und Donau, nicht weit vor den Toren der Stadt.

Am Mittag des 3. Juni ist es zu Ende.

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