Gegen die Resignation

Gekünstelter Optimismus kann nerven. Aber der grassierende Pessimismus ist die größere Pest.

Wir leben im Zeitalter der „Glücksforschung“, in der also von der Wissenschaft erhoben wird, was Menschen glücklich macht. Manche Länder haben sogar schon versucht, das „Bruttonationaleinkommen“ durch ein kompliziert erhobenes „Bruttonationalglück“ zu ersetzen, und zwar auch deswegen, weil wir heute wissen, dass wachsender materieller Wohlstand nicht automatisch zu mehr Lebenszufriedenheit führt. Ratgeber erklären uns, wie man am besten glücklich wird und manchmal fühlt man sich von den „Denk-Positive“-Aufforderungen schon dermaßen belästigt, dass man ein wenig aggressiv wird, was dann ja wiederum eine eher negative, nicht positive Gemütsstimmung ist. Gekünstelte Fröhlichkeit kann ordentlich nerven.

Dennoch setzen sich in unserem öffentlichen Leben Negativismus und Pessimismus durch. Es ist ja nicht nur die Gereiztheit, die sich überall einschleicht, und auch die Angst, die um sich greift. Angst vor persönlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, weil alles teurer wird, oder wegen der Krisen und Kriege, oder wegen des gefühlten Kontrollverlustes, der wiederum dazu führt, dass man Regierungen nichts mehr zutraut. Ein durchaus positiver Reflex – nämlich eine kritische Haltung gegenüber Obrigkeit, Staat und Herrschenden –, kann leicht auch ins Gegenteil umschlagen, nämlich in wüstes und grundloses Dagegensein. So von der Art: Ich hab zwar von nix eine Ahnung, aber ich habe eine starke Meinung, die praktisch immer passt, nämlich: Wenn es von Regierenden kommt, dann kann es sich nur um eine Trottelei handeln, also bin ich schon mal dagegen.

Früher gab es in Gesellschaften so etwas wie „Fortschrittsgeist“. Der hatte die Wirklichkeit hinter sich, war etwa von den Fortschritten in der Medizin getragen, oder den technologischen Innovationen. Wenn man in unhygienischen Löchern aufgewachsen ist und dann die allgemeine Verbreitung der Sanitärinstallationen (Wasserleitungen in der Küche! Innentoiletten!) miterlebt, wenn die Eisenbahn die Kutschen ersetzt, und wenn auch Bürgerrechte und Meinungsfreiheit allmählich den Obrigkeitsterror ersetzen, wenn dann auch noch Arbeiterrechte und vieles mehr dazu kommt – ja, dann ist selbstverständlich, dass sich Fortschrittsgeist durchsetzt. Mit dem einher ging aber auch so etwas wie ein „Fortschrittsglaube“, nämlich, dass es mit der Menschheit einfach, wie auf einem aufsteigenden Ast immer nach oben gehen müsse. So einfach war das natürlich nie, weshalb es schon auch richtig war, eine gewisse Fortschrittsskepsis zu entwickeln.

Leider hat man heute aber mitunter das Gefühl, viele Menschen sind so betört und gefesselt vom Negativismus, dass es sie schon regelrecht krankmacht. Und ganze Gesellschaften dazu. Denn der Pessimismus führt zwar zu Gereiztheit, auch zu Radikalismus, Aufganselei und Erregung. Aber letztendlich, trotz dieser Erregung, keineswegs zu Aktivierung. Er führt zu nichts außer zu Passivität und Hilflosigkeit. Zu so etwas wie Ratlosigkeit, die durch Herumgemecker kaschiert wird.

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Das Problem: Es ist dann nur mehr ein Schritt zur Resignation. Zu diesem Gefühl, dass es nur mehr bergab geht, dass das sowieso nicht zu ändern ist. Dass es gänzlich unmöglich sei, dass es besser würde. Und das ist natürlich nicht nur übertrieben, sondern eine ganz falsche Auffassung. Wieder gilt: Etwas an sich Richtiges – nämlich eine kritische Haltung gegenüber kritikwürdigen Zuständen –, kann ganz leicht in etwas Falsches, nämlich Resignation, Lähmung und Selbstaufgabe umschlagen.

Klar kann man am alten „Fortschrittsglauben“ herummeckern, darauf hinweisen, dass er immer schon eine Illusion war. Aber er hat wenigstens Energie gegeben, was der übertriebene Dauernegativismus nicht tut.

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