Das Ende ist nah

Die Potter-Romane sind nicht Fantasy, sondern große realistische Literatur und Joanne K. Rowling ist eine Erzähl-Magierin. Gelingt ihr mit Band sieben, der in der Nacht auf Samstag erscheint, ihr finales Meisterstück? profil, 16. 7. 07

 

Dass Joanne K. Rowling eine großartige Schriftstellerin ist, wissen wir schon. Ob sie eine grandiose ist, das können wir ab kommenden Samstag, dem 21. Juli wissen, wenn ab Mitternacht die bisher streng gehüteten Exemplare des siebten Harry-Potter-Bandes über die Ladentische wandern. „Harry Potter and the Deathly Hallows“ („Harry Potter und die Heiligen des Todes“) heißt der Abschlussband. Zunächst erscheint er auf Englisch. Auf die deutschsprachige Ausgabe muss man noch bis Oktober warten.

 

Man munkelt allerhand, wie die Geschichte des Zauberschülers mit der Nickelbrille denn ausgehen könnte, aber jedes kolportierte Finale hätte erhebliche Schwächen. Stirbt Harry Potter, wie das immer wieder angedeutet wird? Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Rowling würde nicht nur gegen alle Regeln der Kinder- und Jugendliteratur verstoßen, wonach der Held nicht sterben dürfe, sie würde sich geradezu verantwortungslos verhalten, würde Harry Potter nicht überleben. Es würden sich unter den Abermillionen jugendlichen Potter-Fans wohl ein paar finden, die dann Selbstmord begehen würden. Geht also nicht.

 

Manche literarische Buchmacher wetten deshalb darauf, dass Harry Potter seinen Kampf gegen das Böse – personifiziert im dunklen Lord Voldemort – zwar gewinnt, aber um den Preis des Verlusts seiner eigenen Zauberkraft. Vorteil: Die Geschichte wäre rund, und hätte auch ein Ende. Der magische Junge wäre erwachsen geworden – und ein normaler Mensch. Nur, es wäre der Spießerschluss schlechthin. Welch ein trauriger, ja, Fehl-Entwicklungsroman wäre dann die Potter-Story, wenn aus dem besonderen Jungen doch nur ein stinknormaler Erwachsener würde. Nein, so kann, so darf die Geschichte nicht enden. Joanne K. Rowling wird sich etwas ganz Besonderes ausgedacht haben.

 

Etwas derart Philiströses kann es nicht sein. Gewiss, das Gute wird siegen. Und das Böse unterliegen. Die Figuren sind dafür in Stellung gebracht, spätestens mit dem Band „Harry Potter und der Halbblutprinz“. Am Ende seines sechsten Schuljahres saß Harry Potter im Garten vor dem Zaubererinternat Hogwarts mit seiner ersten Jugendliebe, Ginny Weasley, der kleinen Schwester seines Freundes Ron. Sie können nicht zusammen bleiben, erklärte Harry. Er habe einen Kampf zu führen. Und in diesem Kampf müsse er alleine stehen, ohne Verpflichtungen, die ihn womöglich lähmen. Macht gegen Macht. Er, Harry, „der Auserwählte“, gegen Voldemort, den Herrn der Finsternis. Die Figuren sind in Stellung gebracht für den Entscheidungskampf.

 

Frau Rowling hat sich viel Zeit gelassen. Erst wurde Harry in die Zaubererwelt eingeführt, dann wurde langsam deutlich, dass in dieser etwas nicht in Ordnung ist. Und nach und nach wurde klar: Das Schicksal des zurückgekehrten Tyrannen Voldemort ist mit Harry Potter verbunden. Nur einer von beiden kann überleben. Seinerzeit hatte Voldemort seine Macht verloren, als er Harrys Eltern tötete und auch den kleinen Jungen, damals noch ein Baby, ermorden wollte. Der Todesfluch „Avada Kedavra“ versagte aber seine Wirkung, Harry blieb eine Narbe, und Voldemort nur ein Schatten seiner einstigen Kraft. Aber er war auf seine Unsterblichkeit bedacht, und er erholte sich. Nach und nach wurde es düsterer in der Zaubererwelt. Und die Potter-Bücher wurden erwachsener. In den Schulkorridoren wird geknutscht. Die Schlagzeilen des „Tagespropheten“, des Nachrichtenblattes der Zaubererwelt, wurden bestimmt von den Untaten der Todesser, einer Art SS von Voldemort. Für das Finale darf Harry auch auf keine erwachsenen Beschützer mehr zählen. Sein Pate Sirius Blake starb in Band fünf, der Hogwarts-Patriarch Albus Dumbledore in Band sechs.

 

325 Millionen Potter Bücher wurden weltweit verkauft, Rowling ist reicher als die Queen. Ausgerechnet ein Buch, wie altmodisch, wurde zum globalen Schlager des Digi-Zeitalters. Ja, eine regelrechte Welt-Sprache stellt das Potter-Paralleluniversum zur Verfügung, die in Peking ebenso gesprochen wird wie in Wien oder New York. Unlängst musste mein Sohn, um nur ein Beispiel zu nennen, einen Abend mit einem Gleichaltrigen aus New York verbringen. Der eine konnte kein Englisch, der andere kein Deutsch. Haben sie sich eben in Quidditsch versucht – eine Mischung aus Base- und Football, auf Besen in der Luft gespielt –, und dann haben sie mit Stäben gefuchtelt und sich die Flüche zugerufen: „Crucio“, „Impedimenta“, „Petrificus Totalus“. Sie kamen gut zurecht mit einer Art Broken-Potter-Englisch und hatten einen schönen Abend.  

 

Dabei ist es nicht die Flucht in Fantasiewelten, der ewige Eskapismus, der den Erfolg der Potter-Stories erklärt. Denn anders als die üblichen Bücher des Fantasygenres ist die Welt von Harry Potter, Hermine Granger & Co. höchst realistisch. Und das, was Fantasy ist, ist ins Komische gedreht, voller skurriler Details. Menschen- und Zaubererwelt existieren nebeneinander, sind heillos ineinander verzahnt. Harry ist ein Halbblut, hat Zauberer und Menschen – genannt Muggel – als Vorfahren. Hermine Granger, seine beste Freundin, hat Menschen als Eltern, aber dennoch magische Fähigkeiten. Das Wichtigste: Zauberer haben zwar ein angeborenes Talent, müssen aber lernen. In der Zaubererschule Hogwarts, in der es zugeht, wie in jeder anderen Schule auch – oder zumindest so, wie man sich vorstellt, dass es in einem britischen Internat zugeht. Da gibt es gemeine Lehrer, pummelige Außenseiter, Zickenkriege und die ich-schwachen Mittuer, die jeden bösen Befehl ihres Bandenführers ausführen. Die Potter-Romane sind nicht so viel unrealistischer als die großen Werke der sogenannten realistischen Literatur.

 

Die Helden, Harry vorneweg, sind nie bloße Helden. Harry Potter ist kein Herkules, sondern ein Waisenkind mit Nickelbrille, verhuscht und ungeschickt. Irgendwie besonders, kein Normalo, aber auch keiner von diesen Glückskindern, um die sich Cliquen scharen. Seine Probleme unterscheiden sich nicht so sehr von denen, wie sie andere Jungen seines Alters haben. Potter zieht Millionen nicht deshalb in seine Welt, weil sie ihrer entkommen wollen, sondern weil das Potteruniversum unserer Wirklichkeit frappierend ähnelt.

 

Die Zaubererwelt schließlich ist tief gespalten. Da die Guten. Hier Voldemort, unübersehbar an Hitler modelliert, mit seinen Anhängern. Dazwischen die Appeasementpolitiker vom Zaubereiministerium, Feiglinge, die den Kopf in den Sand stecken, die glauben, den Totalitarismus begegnete man am besten, indem man ihn ignoriert. Die Auseinandersetzung hat alles, was man so aus der wirklichen Wirklichkeit kennt: den Rassismus der Voldemort-Leute, die viel auf ihre „Reinblütigkeit“ – die generationenlange Abstammung von Zauberern – halten. Die Grau- und Farbtöne. Auch unter den Guten gibt es die Fiesen, und unter den Bösen die, die aus Schwäche mittun und wieder andere, in denen im Ernstfall dann doch die Moral erwacht. Die Figuren Rowlings haben nicht nur für ein Jugendbuch eine erstaunliche Fülle.

 

Wer Band sechs vor zwei Jahren zugeklappt hat, wartet deshalb gespannt auf ein paar Antworten – und zwar nicht nur auf die große Antwort, wie denn der finale Kampf zwischen Harry und Voldemort ausgeht. Da ist zum Beispiel Draco Malvoy, Harrys fieser Mitschüler, den Voldemort in der Hand hatte, und der es dann doch nicht über sich brachte, den weisen alten Internatsleiter Dumbledore zu ermorden. Oder der undurchsichtige Lehrer Severus Snape, von dem man lange nicht wusste, auf welcher Seite er steht, dessen Rolle aber geklärt scheint, seit er zum Mörder Dumbledores wurde. Aber ist wirklich alles klar, oder war dieser Mord nur eine besonders raffinierte Form der Tarnung – vielleicht auch notwendige Konsequenz einer Art Schwur, den er nicht brechen konnte? Wird der üble Draco doch noch ein Guter?

 

Bald werden wir es wissen und wir werden es sehr genau wissen. Rowlings „Empfinden für den Pulsschlag der Figuren“ (Der Spiegel), ihre grandiose Fähigkeit des Ausmalens von Schauplätzen, der Welt und Gegen-Welt, wird uns hineinziehen in das Labyrinth von Hogwarts. Man darf sich darauf gefasst machen: Band sieben wird noch düsterer als Band sechs, nichts ist mehr übrig von der Kulisse an heiler Welt, die schon in den ersten Bänden immer gefährdet schien, aber doch noch hielt. Rowling, die sich gut auskennt in den großen Mythen und dem kollektiven Gedächtnis der Menschheitsgeschichte, hat uns geschickt hingeführt auf den apokalyptischen Punkt, an dem jeder spürt: Das Ende ist nah.

 

Schade, dass es bald vorbei ist. 

Ein Gedanke zu „Das Ende ist nah“

  1. Ich tippe auf eine große Überraschung am Ende mit einem Cliffhanger. Das wäre der Dreh um alles zu beenden und doch offen zu halten.
    Natürlich wird gesiegt und Voldemort überwunden, aber dahinter bleibt noch eine Aufgabe. Meinetwegen Sirus aus seiner Endlosschleife zu befreien.

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