Kann man die Künstlerkritik renovieren?

Der Kapitalismus ist ins Gerede gekommen. Aber die Kritik fällt sich stetig selbst ins Wort. Weil sie die Sprache verloren hat. Kunstfehler, November 2007

 

 

 

 

Gibt es eine Renaissance der Kapitalismuskritik? Ja und nein. Gewiss, der Kapitalismus ist wieder ins Gerede gekommen. Die Zeit des neoliberalen Triumphgeheuls vom „Ende der Geschichte“, dass die einzige vernünftige, die einzig mögliche Ordnung gefunden ist – die liberale Marktgesellschaft nämlich – und Politik im strengen Sinne nicht mehr möglich ist, sondern nur mehr Verwaltung des Existierenden, diese Hochphase der ideologischen Totaldominanz ist auch schon wieder Vergangenheit. Eigentlich dauerte sie erstaunlich kurz: vom Ende der achtziger Jahre bis zum Ende der neunziger Jahre.

 

Man hört zwar auch heute noch: Der Kapitalismus hat gesiegt. Die Linke ist in der Krise. Aber bei genauerem Hinsehen darf man sich fragen, ob das so stimmt. Man muss sich ja nur umhören, am Stammtisch, bei den Kneipengesprächen, beim Grillabend, beim eleganten Abendessen. Überall gibt es ein Unbehagen am Kapitalismus. Dass Menschen nur Kostenfaktoren auf zwei Beinen sind, dass alles zur Ware wird, die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche – überall wird das auf mehr oder weniger explizite Weise beklagt. Es zieht sich wie ein dunkler Sound durch.

 

Schon vor zwei Jahren schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, linksradikaler Ansichten normalerweise unverdächtig: „Die Zeit ist reif für neue politische Ideen. Gerade im Moment der größten Ausdehnung und Wirksamkeit der neoliberalen Ideologie mehren sich die Zeichen, dass es den Leuten allmählich damit reicht.“

 

Damals hatte die Sozialdemokratie, nachdem sich ihr Kanzler gerade ein paar Jahre vorher noch zum „Genossen der Bosse“ ausgerufen hatte, die „Heuschreckendebatte“ losgetreten. Die Wahlen hatte die SPD zwar damit nicht mehr gewinnen können, aber die andere Seite hat sie auch nicht gewonnen, weil Rot-Grün in Richtung links verloren hat, nicht in Richtung rechts. Von einer „Gerechtigkeitsmehrheit“ sprach damals, nicht ohne Überraschung, der Chef des Meinungsforschungsinstituts Infratest.

 

Gibt es also eine Renaissance der Kapitalismuskritik? Ja.

 

Oder besser doch: Nein? Denn diese Kritik fällt sich stetig selbst ins Wort. Sie beklagt die „Auswüchse“ des Turbokapitalismus, aber eine Alternative zur warenproduzierenden Marktgesellschaft kann sie natürlich nicht formulieren. Die Kapitalismuskritik der „alten Linken“ war noch getragen von der Imagination einer „guten Ordnung“, die dem Kapitalismus, der „großen Unordnung“ (Bertolt Brecht) gegenüber gestellt war. Diese Idee, diese Zukunftsgewissheit verlieh ihr Emphase. Das heißt nicht, dass man den Kapitalismus ohne den „sicheren Boden“ der Utopie (der, wie wir heute wissen, ein schwankender Boden war), nicht zu kritisieren vermag, aber man kritisiert ihn doch von einer anderen Basis aus. Ja, es ist in den vergangenen Jahrzehnten regelrecht die Sprache verloren gegangen, mit der Kapitalismuskritik formuliert werden könnte.

 

Das gilt weniger für die „Sozialkritik“ am Kapitalismus als für die „Künstlerkritik“. Die französischen Sozialwissenschafter Luc Boltanski und Ève Chiapello haben in ihrer monumentalen Studie „Der neue Geist des Kapitalismus“ ja nicht nur sehr eindrucksvoll gezeigt, dass den Kapitalismus während seiner gesamten Entwicklung auch die antikapitalistische Kritik „wie ein Schatten“ begleitete, sondern dass es zwei Kritiken waren, die manchmal mehr, manchmal weniger miteinander verbunden vorgetragen wurden: die Sozialkritik und das, was sie die „Künstlerkritik“ nennen. Während Sozialkritik allen Ton auf die Ungerechtigkeit, die ungleiche Verteilung, die Not der Arbeitenden, die chronische Unsicherheit der Unterprivilegierten legte, hatte die Künstlerkritik ihren eigenen Sound. Sie verdammte den Kapitalismus „als Quelle der Entzauberung und der fehlenden Authentizität“ der Dinge, beklagte, dass das Fabriksystem, die Hierarchien und der Trott im Büro, aber recht eigentlich das gesamte institutionelle Gefüge der kapitalistischen Ordnung die Selbstverwirklichung der Menschen verhinderten, ihre Kreativität verkümmern ließen. Authentizität, Kreativität, Originalität, Freiheit auf der einen Seite, Entfremdung, Verdinglichung auf der anderen Seite waren die Schlüsselvokabel dieser Kritik.

 

Diese Kritik ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend delegitimiert worden, und zwar aus einer Reihe von Gründen. Erstens malte sie ein Bild des Kapitalismus, das in der fordistischen Ordnung eine gewisse Realitätstauglichkeit hatte, aber im Postfordismus zunehmend mit der Wirklichkeit in Spannung lag. Sie monierte den Konformismus, das Grau-in-Grau, die Unterordnung persönlicher Präferenzen unter die Imperative der Produktionsmaschine, obwohl der Kapitalismus selbst eine mächtige Kraft des Nonkonformismus wurde, der Aufspaltung in Lifestylemilieus, was die Welt auch bunter machte. Was früher Subkultur war, wurde nach und nach zu einem Marktsegment.

 

Zweitens wurde diese Künstlerkritik von der Managementideologie nach und nach gekapert. Die Künstlertugenden – die früher aus der Managementperspektive nichts als Untugenden waren – gelten seit einiger Zeit als wesentliche Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg. Geistige Ungebundenheit, Offenheit für Neues, Fantasie, Spiel, Improvisationsfähigkeit, atypisches Verhalten und sogar kreative Anarchie – sie sind das, was heute vom neuen, zeitgemäßen Arbeitnehmer erwartet wird und vom „neuen Selbständigen“ sowieso. Nun kann man einwenden, das neue Kreativitätsparadigma sei nur Ideologie und entspreche nur in wenigen Branchen den realen Arbeitsverhältnissen. Doch handelt es sich hierbei doch um die stetig wachsenden Leitbranchen und selbst wenn es nur Ideologie wäre, ist des doch ein Jargon, der die Menschen anherrscht. Die Forderung, dass man sich im Job verwirklichen, etwas Sinnvolles tun müsse, in dem man „sich wieder finden“ könne ist gerade dann eine Belastung für die Subjekte, wenn sie in ihrem wirklichen Leben nichts wieder finden können, was diesem Anspruch genügen kann. Und das geht weit über den Kreis der professionellen Sinnproduzenten, Symbolanalytiker und modernen Zeichenmächtigen hinaus.

 

Drittens hat die postmoderne Theorieproduktion überzeugend dargetan, dass das Entfremdungstheorem selbst auf recht wackeliger philosophischer Grundlage steht. Deswegen ist der Entfremdungsbegriff in den vergangenen Jahrzehnten auch schwer zerzaust worden. Er setzt doch die Annahme eines metaphysischen Wesens der Menschen voraus, von dem man sich entfremden könne; er unterstellt, Personen verfügten über ein wahres, inneres „Selbst“, einen Kern, den sie in ihrem Leben verfehlen können; er insinuiert auch, Menschen könnten von ihren „richtigen“ Wünschen entfremdet sein, auch wenn sie von diesen gar nichts wissen. Mit solch pausbäckigen Essentialismus hat die (post-)strukturalistische Subjektkritik aufgeräumt. Und sie hat auch ihren Frieden mit der Kommerzkultur gemacht. Die Kritik aus den fünfziger Jahren, die das Subjekt als geknechtetes, manipuliertes Dümmerchen entwarf, dem die Werbung alles aufschwatzte, dem die Reklame ins Gehirn eindrang, dem man einredete, er brauche ein Gebrauchsgut, während man ihm mit dem Image der Dinge übertölpelte, klang auch zunehmend peinlich. Was, wenn der Konsument die Werbung durchschaut, aber gerade die Suggestion, den Lifestyleaspekt nachfragt, nicht den Gebrauchsgut des Dings? Schließlich setzte der pragmatische Liberalism der Entfremdungskritik zu. Die hatte ja einen impliziten paternalistischen Zug: Die Leute wissen nicht, was gut für sie ist, die Kritiker wissen das besser als die Subjekte selbst.  

 

Die „Künstlerkritik“ kam also aus der Mode, weil mit ihr, wie man sagen könnte „etwas nicht stimmte“. Fröhliche Affirmation war angesagt. Aber es stellte sich im realen Leben heraus, dass auch mit der Affirmation „etwas nicht stimmt“. Die Menschen haben das Gefühl in Situationen „entfremdet zu sein“. Sie finden, dass etwas schief läuft, wenn alles zur Ware wird. Sie empfinden einen Verlust, wenn öffentliche Räume nur mehr Konsum- und Kommerzzonen sind. Sie empfinden „Sinnverlust“, wenn es nur mehr kaufbare Erlebnisse gibt und persönliche Aktivität nicht mehr gefragt ist. Kurzum: Es gibt Defizitgefühle, die wir empfinden, die wir aber nicht angemessen beschreiben können, wenn wir auf Begriffe wie „Entfremdung“ verzichten.

 

Die Frankfurter Philosophin Rahel Jaeggi hat sich die Aufgabe gestellt, den Entfremdungsbegriff zu renovieren. Entfremdungskritik unter heutigen Bedingungen muss „nicht in einem starken Sinn ‚essentialistisch’ oder ‚metaphysisch’ begründet sein“, schreibt sie. Die Frage ist, ob es einem gelingt, „sich zu sich und den Verhältnissen, in denen man lebt und von denen man bestimmt ist in Beziehung zu setzen, sie sich aneignen zu können“. Salopp gesagt: Ob man wenigsten Co-Autor seines Lebensscripts ist.

 

Der moderne Lifestyle-Kapitalismus hat eine innere Tendenz, die Menschen zu entmachten, gewissermaßen zu entmündigen. Sie müssen nichts mehr selber tun, alles wird ihnen angeboten. Der öffentliche Raum wird privatwirtschaftlich angeeignet. Die Sinne werden mit Sinnesreizen bombardiert. Der Einfluss auf die Lebensumwelt schwindet. Der kommerzielle Kapitalismus ist ein Raumverdränger.

 

Wir müssen, das ist die Pointe des Gesagten, wieder eine Sprache für diese Spielart der Kapitalismuskritik finden.

 

2 Gedanken zu „Kann man die Künstlerkritik renovieren?“

  1. Die Matrosen von Catarro waren sich am Ende auch uneins-das ist heute bei den diversen Interpretationsportalen genauso.
    Den gravierenden Einfluß -weil sie Menschen und Ansichten spalten-haben meiner Meinung nach diese unendlichen Gender-Mainstream-Debatten.

  2. Sie sagen, ein „Selbst“ sei heute nicht mehr haltbar? Sie sagen Frau Jaeggi überschreitet einen Entfremdungsbegriff, der auf ein „Selbst“ baute? Frau Jaeggi erkenne „…sich zu sich … in Beziehung zu setzen“, sei eine neue Perspektive? Genau so wurde das „Selbst“ ja von z.B. C.G. Jung, Erich Fromm oder Viktor Frankl charakterisiert – falls sie diese meinen, mit „Essentialismus“. Das eine „Ich“ sieht das andere „Ich“,wobei offenbar ersteres mehr sieht als das zweite. Ein „Ich“ ist demnach bewußter als das andere. Dieses „Selbst“ ist nach wie vor haltbar, es wurde nur bisher kaum begriffen. Und es muss in einer neuen Sprache zum Bewußtsein gebracht werden. Das macht Frau Jaeggi offenbar nicht schlecht, ich werde mir das Buch besorgen. Servus

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