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Putziger Austrodjihadismus oder: ein Brief aus dem Gefängnis als Pretiose des Österreichertums. Standard, 19. Februar / taz, 20. Februar 2008

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Putziger Austrodjihadismus oder: ein Brief aus dem Gefängnis als Pretiose des Österreichertums. 
 
 
Österreich, so sagt das Klischee, ist ja so gemütlich, dass selbst die Revolutionäre zu gemütlich sind, um Revolution zu machen. Ja, man kann sich eigentlich in Österreich gar nicht vorstellen, dass sich die Ümstürzler von der ortstypischen Gemütlichkeit nicht anstecken lassen. Gelegentlich kann man sich da täuschen, wie die schöne Anekdote illustriert, die man sich heute noch gerne an Wiener Kaffeehaustischen erzählt. Ein hoher kaiserlicher Minister habe demnach während des Ersten Weltkriegs, auf die Aussichten einer Revolution in Russland angesprochen, lachend geantwortet: „Wer soll die denn machen? Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Cafe Central?“ Der Herr Bronstein hat sie, wie alle Welt ein paar Jahre später wusste, unter seinem Tarnnamen „Trotzki“ dann tatsächlich gemacht. Er hat sich vom Geist des Kaffeehauses nicht infizieren lassen.
 
In aller Regel fährt man aber bestens, wenn man sich an das Klischee hält. Noch der radikalste Umstürzler wird hierzulande von mit ziemlicher Sicherheit vom Bequemlichkeitssinn  angesteckt. Deshalb brachte es auch der linke Siebzigerjahre-Terrorismus in Wien nur zu einer Klamauk-Guerilla, deren Heldentaten sich in der Entführung eines Strumpffabrikanten erschöpften. Und ganz offensichtlich sind auch die örtlichen Dschihad-Fans zu austrifiziert für einen ordentlichen Heiligen Krieg.
 
Dies legt ein Zeitdokument ersten Ranges nahe, das sich im dieswöchigen „profil“ findet. Zwei al-Qaida-Unterstützer, die im September von der Polizei mit viel Trara ausgehoben wurden, haben einen Brief an die Justizministerin geschrieben – es ist eine wahre Pretiose österreichischer Nationalkultur. In dem Brief von Mohamed Mahmoud, dem mutmaßlichen Chefagitator der „Global Islamic Media Front“, und seiner mitinhaftierten Ehefrau, heißt es: „Wir sind eine Jungfamilie und Österreichs Politik stand immer für Familienförderung. Sogar wenn wir Terroristen bzw. Verbrecher sind, so denken wird, dass man daran arbeiten sollte, uns in die Gesellschaft wieder zu integrieren und uns ein anderes Leben zu ermöglichen. Österreich war immer ein Vorbild in verschiedenen Bereich, wie z. B. ihr Sozialsystem, also lassen sie auch Österreich für die Behandlung von Terror Probleme bzw. Sicherheitsprobleme ein Vorbild sein (…) Sie sind unsere einzige Hoffnung.“
 
Man muss das nur mit den markigen Sprüchen vergleichen, mit denen die Djihadisten anderswo auftrumpfen: „Ihr liebt das Leben aber wir lieben den Tod.“ In Österreich lieben sogar die Vorstadt-Djihadisten das Leben. Und die Familienförderung. Und setzen ihre Hoffnung, statt auf den Wahl-Afghanen bin Laden auf die Oberösterreicherin Maria Berger. Es ist ein gutes Land.
 
Es schießt einem der Gedanke in den Kopf: Wenn Mohammed Atta sich nicht in Hamburg, sondern in Wien zum Technikstudium eingeschrieben hätte – der 11. September wäre der Welt womöglich erspart geblieben.

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