Zum Lachen, zum Fürchten

Jörg Haider kehrt an die Spitze seines BZÖ zurück – als "Kanzlerkandidat" womöglich. Heute sorgt das vor allem für Belustigung. Aus diesem Anlass ein Text über den Typus des Exzentrikers in der Politik, den ich 2002 für die "Frankfurter Rundschau" geschrieben habe.

 Fast ein bißchen still war es um Jörg Haider geworden. Er hatte sich vom Chefposten seiner Freiheitlichen Partei zurückgezogen, ganz seinem Wirken als Landeshauptmann von Kärnten verschrieben, schon mußte er sich als „König vom Wörthersee“ verspotten lassen. So flog er nach Bagdad zu Saddam Hussein.

 
Da fragten auch seine ehemals treuesten Gefolgsleute leise, was das denn soll. „Ich bin schon weg“, richtete ihnen ihr tief gekränkter Pate via TV-Interview daraufhin aus, bekannte sich „endgültig entschieden“, alle Bundesfunktionen hinzuwerfen – nur um ein paar Tage später diesen Entschluß doch wieder irgendwie zu revidieren. Dazwischen lag mancher öffentliche Kotau seiner Zöglinge.
 
Prompt war sie wieder allerorts zu hören, die Frage, die die erstaunliche Karriere dieses Mannes immer begleitet hat: Wie, um Gottes Willen, tickt der Kerl denn? Was trieb ihn nach Bagdad? Und warum zündet er einen Sprengsatz an seiner Partei und an der Regierung, die er vor zwei Jahren inthronisierte? So wird er wieder einmal unternommen: der Versuch, Jörg Haider zu verstehen.
 
Dem Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung verdanken wir den Hinweis, daß, „wer nun über die Rationalität von Haiders Handlungsweisen grübelt, die falsche Frage im Kopf“ hat. Das Führerprinzip, so die These, erweise sich erst in der Unberechenbarkeit der Entscheidungen des Leittieres. „Je unergründlicher der einsame Ratschluß des Anführers erscheint, desto stärker seine Aura.“
 
Doch wird damit auch insinuiert, es wäre hier immerhin eine sekundäre Rationalität am Wirken. Zweifellos ist der Irrlauf Erfolgsrezept, dabei aber  keineswegs Taktik. Haider ist der Meister solchen  Irrlaufs, denn er ist eine verletzliche Diva, nachgerade gesegnet mit dem Hang zur „maßlosen Selbstüberschätzung“, bei gleichzeitig „extrem hoher Kränkbarkeit“, wie der Wiener Psychoanalytiker August Ruhs erklärt, der alle Jahre befragt wird, wenn die politischen Kommentatoren in Hinblick auf die Zentralfigur der österreichischen Innenpolitik wieder einmal mit ihrem Latein am Ende sind. Das ganze Geheimnis gründe in einer narzistischen Persönlichkeitsstörung.
 
Komme keiner mit dem Vorwurf, dies sei Vulgärpsychologie: Eher sind dies, mit Blick auf die kontinentale Szenerie, erste Bruchstücke, Materialien zur Diagnose einer europäischen Gestalt dieser Epoche – des Exzentrikers in der Politik. Eine wahrhaft zeitgemäße Physiognomie, wie sich dieser Tage erweist.  
 
Nehmen wir nur das freundliche, liberale, politisch korrekte Holland. Dort erleben wir gerade den atemberaubenden Aufstieg des Pim Fortuyn, der mit seiner „Leefbar“-Liste in Rotterdam auf Anhieb mit 35 Prozent der Stimmen stärkste Kraft wurde. Der 54jährige Ex-Marxist, Wirtschaftsprofessor, Unternehmer, Kolumnist und nunmehrige Populistenführer fasziniert nicht nur durch sein elegantes Äußeres und seine geschliffene Polemik, er ist egozentrisch, provoziert gerne, läßt sich in seinem blitzenden Daimler von einem Chauffeur kutschieren und daheim von einem Butler bedienen. Nur im äußersten Notfall läßt er es sich nehmen, zu öffentlichen Auftritten seine beiden Cocker-Spaniel mitzubringen. Die sind immer ordentlich gebürstet, im Unterschied zu ihrem Herrchen, der seine spiegelblanke Glatze auf eine Art trägt, wie ein Pfau sein Gefieder, und der sich gerne mit Zigarre photographieren läßt. Seine Homosexualität schadet ihm im toleranten Holland nicht, daß er die Moslems nach eigenen Bekunden nicht haßt, immerhin aber verachtet, kommt heutzutage auch ganz gut. Früher wollte er Priester werden. Heute ist er steinreich. Im Mai will er die Parlamentswahlen zu einem politischen Erdbeben machen. Seit er es schon bei den Kommunalwahlen gehörig wackeln ließ, verfolgen ihn die Journalisten auf Schritt und Tritt. Das gefällt ihm. Sogar als ihn Reporter jüngst fragten, ob er manisch-depressiv sei, blieb er freundlich. Und beschied die Frage selbstredend negativ. Der Chef der Bundes-"Leefbar"-Liste, mit dem er sich derweil überworfen hat, charakterisierte den Typus Fortuyn einmal mit schönen Worten: "Es ist mit Fortuyn wie mit großen Fußballern. Sie sorgen für Probleme, aber sie können den Kampf für dich gewinnen."
 
Der Politikertypus, der in Rede steht, hat eine Prise von Maradonna, einen guten Schuß Gascoigne und nichts von Berti Vogts. Der Erfolg seiner Protagonisten gründet immer auch in der Unentschiedenheit, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind. Was die politischen Ämter, für die sie kandidieren, an Aura verloren haben, hat das Programm „Ich“, das sie buchstäblich verkörpern, zu ersetzen. Es ist eine schöne Fügung, daß der Begriff „Exzentriker“, der nichts anderes beschreibt, als Menschen, die aus dem Mittelpunkt ausbrechen, um den unser aller Leben kreist, durch sie eine zusätzliche, starke Bedeutung erhält: sie sind der typologische wie der politische Kontrast zur „Neuen Mitte“. Was für andere Politiker tödlich wäre, ist für sie nicht einmal peinlich.
 
Blicken wir nach Rom. Dort regiert Silvio Berlusconi. Sicher, der Mann hat etwas von einem Dämon. Aber auch von einem Clown. Daß er in der „lächerlichen Eitelkeit, in der er posiert, unverkennbar Mussolini“ ähnelt, ist nicht nur dem österreichischen Schriftsteller Karl-Markus Gauß aufgefallen. Wenn er mitten unter seinen Bodygards mit den dunklen Sonnenbrillen steht, denen er kaum bis zur Brust reicht, sein Siegerlächeln auf dem braun gebrannten Gesicht, das unnatürlich wirkt und außerdem längst aus der Mode ist, dann ist das nicht ohne unfreiwillige Komik. Und er sagt Dinge, für die jeder andere ohne Zweifel im Handumdrehen für verrückt befunden würde. Daß er „der Beste von allen“ sei, hat er den Wählern vergangenes Jahr erklärt, daß ihm kein Leader das Wasser reichen könne – weltweit, wohlgemerkt. Auch zum „Herrn der Vorsehung“ hat er sich schon proklamiert, sich mal mit Napoleon, mal mit Moses verglichen. „Ich habe ganze Städte gebaut“, sagte Berlusconi unlängst in einem Interview.
 
„Das Erstaunliche ist, daß er fest zu glauben scheint, was er sagt“, hat ein Korrespondent, der Berlusconi im letzten Wahlkampf begleitete, verwundert nach Hause berichtet. Es ist auch dies ein Charakteristikum, das die Politiker dieses Typus verbindet. Während einem bei ihren Kollegen klassischen Zuschnitts nicht selten das Gefühl beschleicht, sie würden lügen, selbst wenn sie die Wahrheit sagen, so ist es bei den erfolgreichen Populisten genau umgekehrt: Wer Jörg Haider kennt, weiß, er kann heute dies und morgen das Gegenteil behaupten, doch nie wird der Adressat der Rede den Eindruck haben, daß er in diesem Moment nicht hundertprozentig glaubt, was er sagt. Diese Authentizität ist doppelt erstaunlich, einerseits, weil Jörg Haider ja oft lügt, daß sich die Balken biegen, andererseits weil diese, ja, fast ist man versucht zu sagen: „Eigentlichkeit“, in höchstem Maße artifiziell ist: gehen die Scheinwerfer aus, wird die Kamera abgedreht, scheint auch Haider oft wie abgeschaltet. Er ist ein Mensch, „der kleiner wirkt, je näher man ihm kommt“, hat eine Reporterin einmal beobachtet.
 
In Wirklichkeit ist das alles freilich nur scheinbar erstaunlich. Das Schauspielerhafte, das Showmanhafte, tut der Authentizität keinen Abbruch, weil es die Schaustellerei begnadeter Ich-Darsteller ist – Haider, Berlusconi, Fortyun, sie sind erst in der Pose ganz bei sich selbst.
 
Sie verfügen über einem Authentizitätsbonus, der durch ihre Ich-Fixiertheit, ihre narzistische Eigenliebe getragen wird. Ihre Macken, ihre Sucht nach Aufmerksamkeit, ihre Respektlosigkeit, ihr Vorwitz, ihre Ignoranz gegenüber Gepflogenheiten und Realitäten, mit einem Wort, all jene Charaktereigenschaften, in denen sich ihre Exzentrik erweist, heben sie vom Typus des politischen Funktionärs ab, der im schlimmsten Fall nicht mehr ist, als das Amt, das er bekleidet. Was politische Kommentatoren vorschnell „personales Charisma“ nennen, ist eine Subjektivität, die diesen politischen Exzentrikern auch erlaubt, obzwar sie meist an der Spitze von Parteien stehen, diese hinter sich verschwinden zu lassen – und so das antipolitische Ressentiment zu lukrieren.
 
Daß nicht wenige von ihnen Millionäre sind, ist doppelt von Vorteil: Einerseits verleiht der Erfolg ihnen die Aura des „Self-Made-Mannes“, der der schmutzigen Politik zum Aufstieg im Grunde gar nicht bedarf, andererseits gibt ihnen ihr Reichtum jene Unabhängigkeit, ohne die sie ihre Extravaganzen schwer pflegen könnten. Denn wer arm ist und dennoch seine Exzentrik leben will, muß schon sehr tapfer und mutig sein. Und drittens sind Raffgier und Narzismus verwandte Eigenschaften, die beide eine seltsame Faszination auf das Publikum ausüben.
 
Die Zeit ist jedenfalls vorbei, in der wir uns noch in der irreführenden Sicherheit wiegen konnten, es bedürfe eines besonderen lokalen Humus, um den Aufstieg solcher Figuren zu ermöglichen. Mit Haider, Berlusconi, Fortuyn, Umberto Bossi, Pia Kjaersgard, Christoph Blocher, Ronald Schill ist die Reihe der erfolgreichen politischen Sonderlinge und Rappelköpfe vergleichbaren Schlages alleine in Westeuropa ziemlich lang geworden.
 
Richard Sennett hatte vor inzwischen 15 Jahren mit der These Aufsehen erregt, daß auf ähnliche Weise, wie in der Geburtsepoche der Psychoanalyse das klinische Symptom der Hysterie primär ein gesellschaftliches Syndrom gewesen war, heute narzistische Störungen gesellschaftlich "gefördert" seien – dies ist der Fluchtpunkt dessen, was Sennett den "Verfall des öffentlichen Lebens" nennt.
 
Dies könnte der Schlüssel zur Beurteilung von Rationalität und Irrationalität im Handeln unseres analysierten Politikertypus sein. Wie sie ihre politische "Star"-Position ihrer Maßlosigkeit verdanken, so steht, derselben Maßlosigkeit wegen, dieser Erfolg auch immer auf des Messers Schneide. Es verbindet sie die Neigung, durch irre Aktionen all das zu gefährden, was sie sich aufgebaut haben. Von Jörg Haider ist bekannt, daß er bisweilen in tiefe Depressionen verfällt, und sich dann meist selbst reaktiviert, indem er Feuer an die eigene Partei legt. Den Zwang zur "Selbstdynamisierung" hat das ein enger Berater Haiders einmal genannt.
 
Freilich gibt es auch Elemente höchster Rationalität in ihrem Tun. Silvio Berlusconi handelt in gewissem Sinn sogar auf unfaßbar plumpe Weise rational: Weil sein Gönner, der damals Ministerpräsident war, im Tangentopoli-Studel unterging, mußte er eben selbst Ministerpräsident werden. Wenn er der Bilanzfälschung angeklagt wird, ändert er eben das Gesetz, das Bilanzfälschung verbietet. Weil er ein Imperium hat, das er irgendwann vererben wird, schafft er die Erbschaftssteuer ab. Und Jörg Haider hat mit gehörigem strategischen Geschick seine Truppe aus dem Cordon Sanitaire geführt, den die etablierte Politik um diese gelegt hatte.
 
Wären die erfolgreichen Populisten simple Narren, dann hätten ihre politischen Gegner wohl leichtes Spiel mit ihnen. Doch sie sind Borderliner, und diese haben die Eigenschaft, sich beider Zugriffe zu entziehen: Sie sind nicht Politiker, denen mit den Instrumenten der Politik beizukommen ist, doch eben auch nicht bloß Verrückte, die man einfach mit einer klinischen Diagnose abtun könnte.
 
Darum sind sie so schwer zu fassen. Und deshalb schlägt, was immer man ihnen vorhalten mag, meist zu ihren Gunsten aus. Gehen sie zu weit, das heißt, weiter, als selbst ihr engeres Publikum goutiert, so sind sie immer noch – ja gerade dann! – Typen, die sich etwas trauen. Und hält ihnen ein langweiliger Altpolitiker gar vor, sie hätten keine Konzepte, so kostet sie das nur ein müdes Lächeln: denn was braucht Konzepte, wer – Charakter hat?

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