Wie die Männer friedlich wurden

Die Welt ist schlecht? Aber nein, sagt Steven Pinker in seiner großen Geschichte von Krieg, Mord und Totschlag: Sie wird immer besser. Falter, 16. 11. 2011


Man braucht nur den Nachbarn fragen oder die Oma im Supermarkt: die meisten Menschen sind wohl instinktiv der Meinung, die Welt sei schlecht und es werde alles immer übler. Rohheit und Gewalt allüberall. Und war nicht gerade das 20. Jahrhundert eine schiere Gewaltorgie, mit Erstem und Zweitem Weltkrieg, Holocaust, Stalin- und Maoterror? 
Alles nicht wahr, sagt jetzt Steven Pinker in seiner monumentalen Studie „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Pinkers Argument lässt sich knapp so zusammenfassen: Alles wird sukzessive besser. Kriege werden seltener und weniger mörderisch. Und auch innerhalb menschlicher Gesellschaften und im Alltag wird Gewalt mehr und mehr zur Seltenheit. 
Pinker, der eigentlich als Neurowissenschaftler Berühmtheit erlangte, der also, salopp gesagt, immer der Frage nachgegangen war, wie denn die menschlichen Gehirne ticken, geriet auf Umwegen zum Historiker der Gewalt. Zuerst stand für ihn die Frage im Raum: Sind die Gehirne der Menschen auf Gewalt programmiert? Erst dieses Interesse ließ ihn dann in Berge von Daten und Untersuchungen über die Gewalt in der Geschichte eintauchen. 
Die Datenlage ist heute ziemlich beeindruckend. Viele Dinge, über die man früher nur spekulieren konnte, sind heute mit Fakten abgesichert. So können Archäologen mit Hilfe forensischer Methoden oft sehr klar feststellen, ob jemand einen gewaltsamen Tod gefunden hat oder nicht. Später kamen dann Aufzeichnungen staatlicher Stellen hinzu. Mit Hilfe vieler Methoden kann man daher grobe Schätzungen über die Veränderung der „Mordquoten“ in menschlichen Gesellschaften anstellen. 
Kamen vor 1000 Jahren auch in entwickelteren Gegenden rund 100 von 100.000 Menschen durch Mord ums Leben, so reduzierte sich der Anteil über die Jahrhunderte auf rund 10, bis er im 19. Jahrhundert auf eins von hunderttausend fiel. 
Die Kurve der Mordquoten ist, wo immer man hinsieht, eine steil abfallende Grafik von links oben nach rechts unten. 
Dabei handelt es sich natürlich schon um die Entwicklung innerhalb staatlicher Gesellschaften. Noch drastischer ist das Bild, vergleicht man staatliche mit nichtstaatlichen menschlichen Gesellschaften: In nichtstaatlichen Gesellschaften, in denen Menschen nur in Clans, Stämmen oder Familien zusammenleben, ist die Mordquote immens höher. Im Durchschnitt liegt sie irgendwo bei 700 bis 800 Morden pro Hunderttausend Menschen. 
Wer das nicht für allzu überraschend halten mag, der sollte immerhin bedenken, dass damit ein alter Streit innerhalb der politischen Philosophie entschieden ist. Nämlich der Streit zwischen Hobbes und Rousseau. Das rousseausche Weltbild betrachtete den Menschen von Natur aus gut, und ging davon aus, dass er nur durch schlechte gesellschaftliche Organisation verroht würde. Das hobbeanische sah im Menschen ein gefährliches Wesen, das nur durch staatliche Organisation in Zaum gehalten würde. 
Dass die „guten Wilden“ fröhlich und friedlich zusammengelebt hätten und alles folgende gewissermaßen eine Verfallsgeschichte sei, das lässt sich jedenfalls nicht aufrecht erhalten. 
Pinker hat eine Menge an Daten ausgegraben, die allesamt seine Argumentation eindrucksvoll untermauern: So starben vor 600 Jahren noch 25 Prozent der männlichen Aristokraten durch Gewalt, unter den heutigen Oberschichten ist der Wert gleich null. Und auch was die Todesrate in Kriegen und anderen gewaltsamen Konflikten anlangt, so geht sie sogar in Europa in den vergangenen sechshundert Jahren kontinuierlich zurück. Erster und Zweiter Weltkrieg waren genauso Ausreißer in diesem Trend wie der 30jährige Krieg. 
Hat man diese Datenlage einmal akzeptiert, dann stellt sich die viel interessantere Frage: Warum ist das so? Pinker gibt natürlich keine monokausale Antwort: Zuerst wurden die Menschen unter das Regime staatlicher Autorität gezwungen. Sie lernten: Mord lohnt sich nicht. Man musste daher auch nicht dauernd auf der Hut sein und mögliche Angreifer präventiv ausschalten. Das reduzierte schon einmal das Gewaltpotential. Aber neben der Abschreckung durch das Gesetz haben die Menschen auch gelernt, dass sich Kooperation lohnt. Dann setzte das ein, was der Soziologe Norbert Elias den „Prozess der Zivilisation“ nannte. Zivilisierungsprozesse, deren Ergebnisse den Menschen zur zweiten Natur wurden. 
Weitgehend ist das keine Geschichte der Menschheit, sondern eine Geschichte der Männer. Pinker: „Krieg und Gewalt war immer der Zeitvertreib der Männer.“ Freilich ist die Sache nicht ganz so einfach: Als noch von allen Seiten Gefahr drohte, haben Frauen kriegerische Männer „belohnt“, je zivilisierter eine Gesellschaft, umso mehr werden friedliche Männer belohnt. Dann „lernen“ Männer, dass sie leichter eine Frau bekommen, wenn sie sich ordentlich verhalten. Insofern war die „bürgerliche Ehe“ auch eine Institution zu Befriedung von Männern. 
Einer der interessantesten Aspekte von Pinkers Studie ist, dass überall in der westlichen Welt die steil abfallenden Kurven in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein kleines Häckchen nach oben machen. Ob in den USA oder Westeuropa, die Gewalt nahm wieder zu. Nicht dramatisch, aber signifikant. Abnehmender Konformitätsdruck, der Boom von Drogen – Pinker macht eine Reihe von Sachverhalten dafür verantwortlich. Die gute Nachricht ist ohnehin: Mittlerweile hat die Kurve neuerlich einen Bogen gemacht und zeigt wieder zivilisiert nach unten. 
Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. S. Fischer-Verlag, Frankfurt, 2011, 1211 Seiten, 26,80.- Euro.

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