Die Dümmsten reüssieren

Elf Jahre nach Pierre Bourdieus Tod veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag ausgewählte Schriften zur Politik. Falter, Buchbeilage, März 2013

Als Pierre Bourdieu vor knapp elf Jahren starb, war er ein kämpferischer linker Intellektueller, der es in seinen letzten Lebensjahren verstand, Netze sozialer Protestgruppen zu etablieren, deren Fäden bis heute noch Bestand haben; darüber hinaus und vor allem war er aber der vielleicht einflussreichste Soziologe seiner Zeit. Begriffe und Konzepte, die Bourdieu in seiner jahrzehntelangen Arbeit entwickelte, sind beinahe zu geflügelten Worten geworden: Man denke nur an Konzepte wie „soziales Kapital“ oder „kulturelles Kapital“, „Distinktionsgewinn“ oder „Habitus“, alles Begriffe, die heute in Proseminaren oder in Feuilletons auch von Leuten benutzt werden, die von Bourdieu noch nie eine Zeile gelesen haben. 

Aber gerade diese Wirkmächtigkeit ließ Bourdieu auch schnell in Vergessenheit geraten. An einem, der zwischen den sechziger und den neunziger Jahren die Debatten seines Fachs und die linken Diskurse prägte, schien es ja nichts mehr zu entdecken zu geben. Bourdieu war schon zu Lebzeiten derart rezipiert, dass für posthume Entdeckungen schlicht nichts übrig geblieben schien. 

So ist es beinahe eine Flaschenpost aus versunkener Zeit, wenn der „Suhrkamp“-Verlag dieser Tage einen Band mit bisher auf deutsch nicht (oder nur in verstreuten Fachpublikationen) veröffentlichten Texten Bourdieus auflegt. Der schlichte Titel umreißt ziemlich exakt, worum es geht: „Politik“. Und es ist ein erstaunlich zeitgemäßes Buch. Bourdieu hat früh jene Fäden aufgenommen und analysiert, die zum heute so modernen „Wutbürger“ führen. Schon die ersten Sätze lassen es richtig krachen: „Wir werden von Politik überflutet. Wir schwimmen im unentwegten und wechselhaften Strom des täglichen Geschwätzes über die vergleichbaren Chancen und Verdienste von austauschbaren Kandidaten… Die Äußerungen zur Politik sind, wie das leere Gerede über gutes oder schlechtes Wetter, im Grunde flüchtig.“

Der nüchterne Forscher Bourdieu mit seinem kühlen Blick belässt es aber nicht bei der empörten Anklage des Wutbürgers. So beschreibt er mit viel Gespür für Details und die Logik von Prozessen, wie sich in modernen Gemeinwesen ein „politisches Feld“ mit seinen eigenen Spielregeln etabliert, mit seinen „Experten“ und „Professionellen“. Wie das System zur Selbstabkapselung tendiert, und Organisationen, die einstmals Träger von Ideen oder Interessen waren, allmählich eine spezifisches Interesse entwickeln: die Perpetuierung der Organisation selbst. Er beschreibt die innere Logik von Apparaten und deren Selbstreproduktion: „Die moralische Entrüstung vermag nicht nachzuvollziehen, wie gerade die im Apparat reüssieren können, die – entsprechend charismatischer Auffassung – die Dümmsten, Gewöhnlichsten sind, denen jeder eigene Wert fehlt. Tatsächlich reüssieren sie nicht, weil sie die Gewöhnlichsten sind, sondern weil sie nichts außerhalb des Apparats besitzen, nichts, das ihnen erlauben würde, sich ihm gegenüber Freiheiten herauszunehmen. … Die Apparate verwenden, küren sichere Leute.“ Wer würde da nicht sofort an unser politisches Personal denken? 

Die Akteure am politischen Feld, so sehr sie bei scheinbarer Parteilichkeit ein gemeinsames Interesse haben (nämlich Outsider rauszuhalten), sind aber, anders als Akteure anderer Felder (beispielsweise Mathematiker), „ständig auf (ihre) Klientel bezogen“. Die „Eingeweihten“ brauchen die „Laien“, und sei es nur, um gelegentlich von ihnen gewählt zu werden. Die Laien wiederum entwickeln einen wachsenden Argwohn, „der auf dem Gefühl beruht, dass eine Art grundsätzliche Komplizenschaft die Leute, die bei dem Spiel mitspielen, das man Politik nennt, miteinander verbindet, vor jeder Meinungsverschiedenheit“. 

Bourdieu reiht kluge Beobachtungen über die Charaktereigenschaften des Apparatschiks an Betrachtungen über die Rolle des politischen Journalismus bei der Etablierung einer Geschwätzigkeitskultur, und als Soziologe, dessen Forschung sich immer detailgenauer Beobachtung der Logiken und Spielregeln unterschiedlicher gesellschaftlicher „Felder“ widmete, ist er selbst in Texten, die 30 Jahre alt sind, eigentümlich aktuell – etwa wenn der die „Regeln des Spiels“ der Politik beschreibt, denen sich die Akteure glauben unterwerfen zu müssen. Er spricht hier von ständiger Gleichschaltung, die jenen aufgezwungen wird, die in das Feld eintreten. Anschläge auf die Spielregeln werden sanktioniert. 

Oft sind seine Analysen sogar dann erhellend, wenn sie veraltet sind. Heute erzielt,Distinktionsgewinne, wer die Spielregeln demonstrativ bricht – siehe Phänomene wie Stronach, Berlusconi, Fortuyn oder Haider. Oder anderes Beispiel: Bourdieu spricht in Anlehnung an Antonio Gramsci von dem gemeinsamen Projekt politischer und medialer Eliten, den „Konsens“ der Beherrschten mit den herrschenden Verhältnissen zu organisieren. Mit diesem Konsens ist es heute nicht mehr weit her. Die allgemeine Unzufriedenheit und das Misstrauen gegen den Eliten ist heute endemisch geworden, aber gerade dieses Misstrauen wiederum zersplittert sich in eine Kakophonie des Geschwätzes, in waberndes Dagegensein, aus dem nichts Produktives folgt. „In Mistrust wie Trust“, hat das jüngst der Philosoph Ivan Krastev genannt.  Die Verhältnisse bestehen ganz ohne Konsens. An manchen Stellen in Bourdieus versammelten Essays beschleicht einem das Gefühl, der Autor habe auch das schon geahnt. 

Pierre Bourdieu: Politik. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin 2013. 374 Seiten. 17,- Euro

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