Ist die Arbeitslosigkeit statistisch geschönt?

Fünf Mythen zum Arbeitsmarkt in Österreich – Von Niki Kowall
Die Regierung rühmt sich mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit in der EU, viele entgegnen, dieselbe sei das Resultat statistischer Tricks. Arbeitslose würden in AMS-Kursen und in der Pension versteckt, die Teilzeit sei stark angestiegen und außerdem sei die relativ geringe Arbeitslosigkeit nur via Staatsschulden erkauft. Die FPÖ spricht überhaupt von Rekordarbeitslosigkeit. Diesen Argumenten gilt es auf den Zahn zu fühlen.
1. In Österreich herrscht Rekordarbeitslosigkeit 
Immer wenn in der Wirtschafts- und Sozialstatistik ausschließlich mit absoluten Zahlen argumentiert wird ist das ein sicherer Garant dafür, dass es unseriös wird. Das gilt für Milliardensummen von Staatsschulden, die in keine Relation zum Vermögen oder zur Wirtschaftsleistung gesetzt werden, wie für Arbeitslosenzahlen. Es natürlich pikant absolute Arbeitslosenzahlen als Quantitäten zu betrachten, weil dahinter hunderttausende Einzelschicksale stehen. Wenn man Politik aber messbar und vergleichbar machen möchte, muss man versuchen seriöse Indikatoren wie die relative Arbeitslosenquote zu bilden.  
Der Punkt ist, dass nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch die Beschäftigten zunehmen. Das liegt daran, dass erstens die erwerbsfähige Bevölkerung (15-64-jährige) durch Zuwanderung etc. wächst und zweitens, immer mehr Menschen (Frauen, Studierende etc.) auf den Arbeitsmarkt drängen, die das vorher noch nicht getan haben. Es ist also sinnlos die Anzahl der Arbeitslosen nicht in Relation zur (erwerbsfähigen) Bevölkerung zu setzen, weil bei Bevölkerungswachstum die absolute Zahl der Arbeitslosen automatisch steigt. Steigt die Zahl der Arbeitslosen aber langsamer als jene der erwerbsfähigen Bevölkerung, dann sinkt die Arbeitslosigkeit, obwohl es in absoluten Zahlen womöglich einen Rekord an Arbeitslosen gibt. 

Stichwort Rekord – Diesen hält bei der seriösen, statistischen Arbeitslosenquote nach nationaler Berechnung immer noch die Schüsselregierung mit 7,3 Prozent im Jahr 2005. Danach folgt das Krisenjahr 2009 mit 7,2 Prozent. Im August 2013 lag die Arbeitslosenquote bei 6,9 Prozent, das ist nicht erfreulich, aber definitiv kein Rekord. 
Arbeitslosigkeit ink. und exkl. Schulungen in Österreich 1994-2012
 
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Die aktive Arbeitsmarktpolitik ist ein wertvoller Baustein der österreichischen Beschäftigungspolitik, weil den Menschen anstelle von Untätigkeit eine Form der Qualifizierung ermöglicht. Es sind mit Sicherheit noch nicht alle AMS-Kurse qualitativ ausgereift, aber das Konzept ist richtig und Verbesserungsbemühungen finden statt. Aus der obigen Abbildung können wir herauslesen, dass die Arbeitslosigkeit ohne aktive Arbeitsmarktpolitik mit der Krise wesentlich stärker auf neun Prozent angestiegen wäre und bis und heute um fast zwei Prozent höher liegen würde. 
2. Der Europavergleich hinkt, Österreich versteckt seine Arbeitslosen in den AMS-Kursen 
Wie viele Arbeitslose in AMS-Kursen sitzen ist für unsere nationale Erhebungsmethode der Arbeitslosigkeit relevant, jedoch nicht für den europäischen Vergleich. Für diesen ruft die Statistikbehörde Eurostat Haushalte an und fragt, ob sie letzte Woche mindestens eine Stunde Erwerbsarbeit geleistet haben. Ist dies der Fall, gilt der Betroffene nicht als arbeitslos. Diese Erhebung mag unzufriedenstellend sein um das genaue Niveau der Arbeitslosigkeit zu beziffern – dafür eignet sich die nationale Statistik auch besser. Für den europäischen Vergleich ist die Methode jedoch ausreichend, weil ja alle Haushalte in der EU die gleiche Frage gestellt bekommen. Die Aussage „Österreich hat die niedrigste Arbeitslosigkeit in der EU“ ist also korrekt, weil die Erhebung überall gleich funktioniert. 
3. Österreich versteckt seine Arbeitslosen in der Pension 

Hat Österreich eine niedrigere Arbeitslosigkeit als andere, weil wir die Menschen in der Pension verstecken? Die Antwort lautet ebenfalls nein. Um das zu verdeutlichen ist die so genannte Beschäftigungsquote hilfreich, also der Anteil aller berufstätigen Menschen an der erwerbsfähigen Bevölkerung, das sind gemeinhin die 15-64-jährigen. Wenn diese Quote niedriger ist als in anderen Ländern deutet das darauf hin, dass viele unfreiwillig Arbeitslose in der Statistik nicht auffallen, weil sie entweder noch studieren, in Pension sind oder als Hausfrauen deklariert sind. Allerdings ist die Quote in Österreich nicht niedriger, sondern höher als im EU-Schnitt. Es sind 73 Prozent aller Erwerbsfähigen auch wirklich erwerbstätig, das ist Platz 5 bei den alten EU-15. Hinter uns liegen Staaten wir Finnland, Großbritannien oder Belgien.
 
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4. Österreich hat sich die geringe Arbeitslosigkeit mit hohen Schulden erkauft 
Hat Österreich eine niedrigere Arbeitslosigkeit als andere, weil wir signifikant mehr Schulden als die anderen haben, wie man zurückgehend auf Kreiskys berühmte Präferenz zwischen Staatsschulden und Arbeitslosen vermuten könnte? Die Antwortet lautet nein, bei den alten EU-15 liegt Österreich 2013 mit seiner Verschuldung am BIP von 74% auf Platz 5, vor den Niederlanden, Deutschland oder Großbritannien. 
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5. Die Arbeit wird immer weniger
Es stimmt, dass Teilzeitbeschäftigung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Österreich zunehmen, nichtsdestotrotz wächst auch das gesamte Arbeitsvolumen. Im Jahr 1995 wurden in Österreich 6,3 Milliarden Arbeitsstunden geleistet, 2005 waren es knapp 6,8 Milliarden und 2013 sind es fast sieben Milliarden Stunden. Natürlich genügt es nicht wenn das Arbeitsvolumen wächst, weil die erwerbsfähige Bevölkerung der 15-64-jährigen könnte rascher wachsen, womit es wieder weniger Arbeit für alle gäbe. Nun, das war aber nicht der Fall, die Arbeitsstunden sind trotz des Kriseneinbruchs rascher angestiegen als die erwerbstätige Bevölkerung. Die erwerbsfähige Bevölkerung ist seit 1995 um 7,9 Prozent gewachsen, die geleisteten Arbeitsstunden aber um 9,6 Prozent. Die Arbeit pro Erwerbsfähigem wird in Österreich also nicht weniger, sondern mehr. Es ist allerdings noch eine Spur komplexer: Die Beschäftigung ist stärker gewachsen als die erwerbsfähige Bevölkerung, was bedeutet dass z.B. mehr Frauen oder Studierende auf den Arbeitsmarkt drängen, die das vorher nicht getan hatten. Die Beschäftigung ist mit plus 12,7 Prozent sogar stärker gestiegen als die Entwicklung der Arbeitsstunden, das heißt pro Beschäftigtem gibt es weniger Arbeit, pro Erwerbsfähigem aber mehr. 
Es gibt also immer mehr Arbeit in Österreich, nur steigt die Zahl der Menschen die auf den Arbeitsmarkt drängen noch stärker an, womit für die einzelnen Beschäftigen weniger Arbeit pro Kopf überbleibt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Leiharbeit, und zunehmende Teilzeitbeschäftigung sind keine Folge eines Mangels an Arbeit, sondern Abbild einer Aushebelung von Arbeitnehmerrechten. Bei vernünftiger Entlohnung, umfassender sozialer Absicherung und einer gerechten Verteilung der Teilzeit zwischen den Geschlechtern, wäre eine Verteilung der Arbeit auf mehrere Schultern kein Schaden für die Gesellschaft.    
Entwicklung der geleisteten Arbeitsstunden, der erwerbsfähigen Bevölkerung und der Beschäftigten in Österreich (1995 = 100)
  
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Wie man es auch dreht und wendet, die gute österreichische Beschäftigungssituation ist nicht erlogen und nicht erkauft, sondern ein Faktum unserer wirtschaftlichen Realität. Wenn Österreich also im Wahlkampf als „abgesandelt“ bezeichnet wird, dann sagt das mehr über den UrheberInnen dieser Aussage, als über die wirtschaftliche und soziale Situation in der Republik. Diese ist nämlich – vor allem in Anbetracht der gesamteuropäischen Lage – relativ gut. Es ist unbestritten, dass die europäische Wirtschaftspolitik vor allem im Hinblick auf die südeuropäischen Staaten einen radikalen Kurswechsel vollziehen muss um der Massenarbeitslosigkeit entgegenzusteuern. Das würde auch positive Effekte auf die Beschäftigungssituation in Österreich haben, und uns dem Ziel der Vollbeschäftigung näher bringen. Auch wenn wir von diesem Ziel noch weit entfernt sind ist es erfreulich, dass die österreichische Politik nationale Spielräume nützen konnte und eine Massenarbeitslosigkeit wie in anderen europäischen Staaten verhindert werden konnte.      
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