Kontrollverlust

Wie ein Begriff zur Catchphrase und Diagnosevokabel wurde.

Gegenblende, September 2018
„I’m About to lose Control and I think I like it“, singen die Pointer Sisters in „I’m so excited“. Meist ist der Kontrollverlust freilich nichts, was euphorisch bejubelt wird. Ja, neuerdings taugt er sogar zur Verächtlichmachung. „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte vor einiger Zeit der sonderliche Modezar Karl Lagerfeld, dem seinerseits von manchen Leuten höhnisch vorgehalten wird, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben. Aber was heißt das eigentlich: Die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren?

Sich im Griff haben. Die Bälle, die man in der Luft hat, unter Kontrolle halten. Beim Drift durch die Existenz Spur halten und nicht aus der Bahn geworfen werden. Schläge wegstecken, ohne sich gehen zu lassen. Die Überforderung, die alle spüren, meistern, ohne einzuknicken. Fassade wahren vielleicht auch. Seine Existenz und sein Ich selbst zu modellieren, leben und nicht „gelebt werden“. Autor des eigenen Lebensskripts zu sein, oder zumindest Co-Autor. So Zeug halt.

Auch: Für sich selbst verantwortlich sein, und jeden Schlag einstecken – wie es der Zeitgeist einer hyperindividualisierten Wettbewerbsgesellschaft verlangt.
Zugleich geistert das Sprachbild vom Kontrollverlust durch viele Debatten. Im neoliberalen Kapitalismus, in dem stets alles auf Messers Schneide steht, in dem man nie langfristig auf etwas bauen kann, in dem Karrieren, Jobprofile, Arbeitsstellen, Mietverträge und Lebenspartnerschaften stets nur befristet und mit Ablaufdatum (aber oft eben keinem exakten) versehen sind, empfinden viele Menschen Kontrollverlust. Die Menschen wissen, „dass Morgen alles ganz anders sein kann“ (Hartmut Rosa).

Der Wahn, in jeder Situation unbedingt die Kontrolle über das eigene Leben zu bewahren und die allgemeine Diagnose des Kontrollverlustes – sie sind ganz offensichtlich zwei Seiten einer Medaille.

Überhaupt ist Kontrollverlust so eine Catchphrase geworden. In den Hochtagen des Flüchtlingssommers, als Tausende einfach so über Grenzen marschierten, haben viele Menschen, so wird jedenfalls behauptet, vor allem die Bilder vom „Kontrollverlust“ als verstörend erlebt.

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Und die Brexit-Befürworter in Großbritannien gewannen ihre Kampagne mit der Parole „Take Back Control“. Soll heißen: Statt Spielball supranationaler Kräfte und undurchschaubarer Institutionengeflechte soll wieder nationalstaatliche Kontrolle zurück gewonnen werden.

Eine zunehmend unkontrollierbare Lebenswelt? Viele Menschen erleben das offenbar so. Die Schwester des gefühlten Kontrollverlustes ist der Kontrollwahn. Kontrollwahn kann obsessiv und pathologisch sein, in jedem Fall ist es eine Form, mit Risiken umzugehen. Die ultrarechte Regierung in Wien setzt auf „Message Control“, was heißt, kein Bild, kein Satz, kein Wort soll in Umlauf geraten, das sie nicht selbst abgesegnet hat. Liberale Gesellschaften sind per definitionem Gesellschaften, in denen jeder macht, was er will, jedenfalls im Rahmen des Erlaubten, und die Antwort der Autoritären ist, alles unter ihre Kontrolle bringen zu wollen. Das ist die Antwort der „illiberalen Demokratie“ auf die Risiken. Risikomanagment ist eine andere, oder das avancierte Marketing, das weiß, dass man in dezentralen Gesellschaften die Dinge nicht einfach dem Zufall überlassen darf, sondern steuern muss, um sie unter Kontrolle zu behalten. PR als permanente Quasi-Krisen-PR, nämlich, um Krisen zu verhindern.

Aber es stellt sich, recht besehen, die Frage was das überhaupt sein soll: „Kontrolle“. Totale Kontrolle haben wir nie – haben wir nur relative, können wir uns schon glücklich schätzen. Selbst wer in scheinbar stabilem Wohlstand lebt, der hat das Wissen darüber (ein Wissen, das wir natürlich gerne verdrängen), dass das Unwägbare jederzeit in die Stabilität einbrechen kann. Trennung, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Feuersbrunst, ein Autounfall, irgendetwas, was uns aus der Bahn wirft. Aber der Verdacht, dass alles nur auf Messers Schneide steht, scheint dennoch mehr zu grassieren, sich in das Leben vieler hineinzufressen.

Die Geschichte der Menschen ist sowieso auch eine Geschichte des Versuchs, die Risiken zu kontrollieren. Ganze Wirtschaftszweige verdanken ihre Existenz dem Bedürfnis nach Sicherheit – allen voran die Versicherungswirtschaft. Die ideologischen Hohelieder auf Risiko, Beweglichkeit und Wagemut dürfen da nicht täuschen. Radikale Unsicherheit lähmt, erst relative Kontrolle erlaubt, kalkulierbare Wagnisse einzugehen.

Selbst auf angeblichen kapitalistischen Risikomärkten kann man das beobachten. Unternehmen suchen nicht das Risiko, im Gegenteil, sie versuchen, Unplanbarkeit und Unsicherheit auszuschalten. Etwa durch Monopolbildung, Marktbeherrschung, Absprachen mit der Konkurrenz, oder einfach, indem sie sich in ihre Nische festsetzen, da, wo sie mit ihrer Unique Selling Proposition wenigstens noch das kleine Segment dominieren können. Die Bedeutung des ‚freien Marktes‘ wird überschätzt, zeigt die US-Ökonomin Pietra Rivoli exemplarisch für die Textilindustrie. Das durchschnittliche T-Shirt lernt den „freien Markt“ faktisch nie kennen. Die Baumwollpflanzung in Texas – sie ist staatlich gestützt und geschützt. Die Verarbeitung in China – auf einem rigide regulierten Arbeitsmarkt. Die Einfuhr in die USA – durch absurde Bestimmungen bis ins Detail politisch geregelt. Dass Menschen gerade auf solchen „Märkten“ aktiv sind, zeigt, so Rivoli, dass viele deshalb als Unternehmer erfolgreich sind, weil sie wettbewerbsintensiven Märkten aus dem Weg gehen.

In der Politik war die Antwort Gouvernmentalität, also die Zerlegung des Politischen in eminenten Sinn in Verwaltung, in Beobachtung, in Statistik, in Berechnung, in Steuerung – bis hinein in die Steuerung der Subjekte durch Ideologie, Selbstzwang und Selbsttechnologien.

Aber das grassierende Gefühl des Kontrollverlustes ist vielleicht gar nicht so sehr Folge des allgemeinen Gespürs, dass eine Vielzahl von Vektoren und Kräften in einer globalisierten und pluralistischen Welt wirken, die unmöglich noch jemand unter wirklicher Kontrolle halten kann. Es ist nicht nur eine Chaosdiagnose, sondern eher das Gefühl, dass wir ein Monster geschaffen haben. Der dezentrale globalisierte Kapitalismus ist eben nicht nur Chaos, sondern auch eine Ordnung, eine Macht, der jeder gehorchen muss, eine Macht, die die Macht selbst über die Mächtigsten übernommen hat. Auch die Mächtigsten werden vom Monster gebeutelt, das sie selbst geschaffen haben. Diese Seite der Kontrollverlust-Empfindung lässt uns an Mary Shelleys »Frankenstein«-Geschichte denken, an das Monster, das, von Menschenhand geschaffen, sich gegen ihren Schöpfer wendet, eine Geschichte, die schon zu Karl Marxens Zeiten äußerst populär war und ihn zu mancher Metapher seiner Kapitalismusdiagnose inspirierte. Eine Weltmaschine, die den Einzelnen verschluckt und an sich anschließt wie ein kleines Zahnrad.

Kontrollverlust evoziert immer auch das Gefühl, kontrolliert zu werden, von unpersönlichen Kräften, einer Struktur, im Extremfall einer ohne lokalisierbare Machtknoten.

Vielleicht ist das der denkbar schlimmste Kontrollverlust: Dass man gegen die Macht, die einen kontrolliert, nicht einmal rebellieren kann.

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