Sollen weiße Männer die Klappe halten?

Häufig wird darauf bestanden, dass Betroffenheit ein Wissen ist, das durch andere Wissensarten nie aufgewogen werden kann und Nicht-Betroffene schweigen sollen. Aber die Argumente dafür stehen auf dünnen Beinen.

Falter, August 2018

Es gibt eine rhetorische Figur, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, etwa wenn es um Rassismus geht oder um sexuelle Übergriffe oder andere Diskriminierungen, die nicht „jede/r“ erfahren kann: dass jene, die nicht betroffen sind, die Klappe halten sollen. Diese rhetorische Figur ist nicht immer klar und sauber konturiert, sie verschwimmt gewissermaßen. Die meisten meinen damit: Wer nicht betroffen ist, soll den Opfern erst einmal zuhören, ihnen mit Empathie begegnen, nicht mit depperten Ratschlägen kommen. Aber diese Denkfigur geht gewissermaßen schleichend über in die rigidere Formel, dass Nicht-Betroffene überhaupt nicht mitreden sollen.

Auch diese These hat auf dem ersten Blick eine ganze Reihe guter Argumente für sich. Die Nicht-Betroffenen sind, nimmt man alles zusammen, die berühmten „weißen, alten, heterosexuellen Männer“. Die seien privilegiert und können die Lebenswelten der Betroffenen gar nicht verstehen, vor allem aber würden sie ohnehin auch auf der Ebene des Gehört-werdens privilegiert sein. Bist du weiß, bist du nicht von Rassismus betroffen. Bist du männlich, dann nicht von sexualisierter Gewalt. Allein, das Altersargument ist nicht völlig stichhaltig. Klar, Leute in Machtpositionen sind meist älter. Zugleich ist in einer Gesellschaft des Jugendkults Alter nicht mehr nur ein Privileg. Also, über die rhetorische Figur „alter“ kann man noch einmal gesondert diskutieren, aber man kann es auch bleiben lassen.

Die weißen Männer sind nicht nur privilegiert, weil sie von den vielfältigen Diskriminierungen nicht betroffen wären (auch wenn sie zB. als weiße männliche Kids aus unterprivilegierten Schichten von anderen Diskriminierungen betroffen sind), weiße Männer aus der oberen Mittelschicht oder Oberklasse sind vor allem noch in einer anderen Hinsicht privilegiert: in der medialen Öffentlichkeit (und anderen Öffentlichkeiten, von der politischen Öffentlichkeit bis den Öffentlichkeiten von Berufsverbänden, der Vereine etc.) sind es vor allem sie, denen das Privileg des Sprechenden und Sichtbaren zuteil wird.

Das Argument lautet daher auch: lasst einmal diejenigen, die nicht so privilegiert sind, sprechen. Gebt ihnen Platz. Macht die Unsichtbaren sichtbar. Räumt die Sprecherpositionen, damit endlich auch die anderen gehört werden.
Dafür gibt es nicht nur gute Argumente, diese guten Argumente sind überhaupt nicht bestreitbar. Dass die einen endlich mehr gehört werden sollen, und dass dafür die anderen mal bisschen mehr zuhören – wer bei Trost ist, wird dagegen kaum einen Einwand vorbringen können.

Vielleicht bin ich ja auch etwas zu verkopft, sodass ich versuche, Argumente immer in ihrer Radikalität durchzudenken, um zu überprüfen, ob sie überhaupt haltbar sind. Aber es liegt wohl nicht nur an dieser Charaktereigenschaft – man könnte die auch Macke nennen -, sondern auch daran, dass dieses Argument von einigen ja auch radikalisiert wird. Nämlich in die Richtung: Die, die nicht betroffen sind, sollen nicht nur nicht blöd daher reden, sie sollen überhaupt nicht mitreden.

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Dieses Postulat begegnet einem in den verschiedensten Milieus immer wieder. Ein Klassiker dieser Argumentation ist etwa die Forderung der Studierenden der Londoner School of Oriental and African Studies, die sich dafür stark machten, dass in ihrem Lehrfach nur mehr Philosophen unterrichtet werden, die „aus dem globalen Süden oder der Diaspora“ stammten. Sollte es gelegentlich unvermeidlich sein, dass auch „weiße Philosophen“ auf dem Lehrplan stünden, dann müsse ihr Werk „kritisch beleuchtet und der koloniale Kontext bedacht werden“. Nun wird es wahrscheinlich recht schwierig sein, Frantz Fanon, Stuart Hall, Gayatri Spivak ohne Hinweis auf Hegel, Marx, Gramsci oder Sartre zu unterrichten, sodass die Forderung etwas überspannt wirkt.

Aber wie kommt man überhaupt auf solche Ideen? Diese Haltungen gehen von Voraussetzungen aus und haben, wenn man sie ernst nimmt, fragwürdige Resultate – sogar dann, wenn man ihnen grundsätzlich sympathisierend gegenüber steht.

Erstens: Empathie nützt letztlich nichts.

Sie unterstellen, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, sich wirklich in die Anderen hinein zu denken. Bin ich nicht von täglicher rassistischer Diskriminierung betroffen, dann kann ich mir das praktisch nicht vorstellen. Bin ich nicht von stetiger Sexualisierung betroffen, werde ich nicht regelmäßig als Objekt behandelt und oft sogar Opfer massiver Übergriffe, dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Nun ist freilich genau das die Voraussetzung für sinnvolle Diskurse in pluralen Gesellschaften: Dass ich mich als Mann in die Frau, als Mitglied der privilegierten ethnischen Mehrheitsgesellschaft in jene, denen man täglich zu verstehen gibt, dass sie nicht dazu gehören, dass ich mich als 50something in die Teenagerin und dass ich mich als Angehöriger gut situierter Mittelstandsmilieus in die Gemeindebaubewohner in der Vorstadt hineinversetzen kann, denen man zu verstehen gibt, sie seien kulturell von vorgestern und so weiter. Und übrigens vice versa und kreuz und quer. Natürlich steht und fällt diese Fähigkeit zur Empathie damit, erst einmal zuzuhören. Aber auch damit, Einwände zu formulieren, nachzufragen, und noch einmal zuzuhören. Und außerdem: Die Erfahrung zeigt natürlich, dass das sehr wohl geht. Klar: Genügend Leute sind empathiebefreit. Genügend sind es aber auch nicht.

Zweitens: Sinnliche Erfahrung ist der wichtigste Schlüssel zum Wissen.

Letztendlich steht hinter dieser Haltung ein unausgesprochenes Postulat: dass sinnliche Erfahrung ein derart wesentlicher Aspekt von „Wissen“ ist, dass sie praktisch nicht ersetzt werden kann. Jemand kann zuhören, sich Videodokumentationen und Radiofeatures anhören, Bücher lesen und Interviews, sich über die Verletzungen informieren, die in all jenen Milieus grassieren, denen er oder sie nicht angehört – es wird den Mangel an Erfahrungswissen nie völlig ausgleichen, nein, nicht einmal signifikant aufwiegen. Das ist eine Konzeption von Wissen, die das Fühlen über das kognitive Wissen stellt. Denn niemals würde aus einer solchen Position formuliert werden, dass jemand, der Diskriminierung nur fühlt, aber ansonsten von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, nicht sprechen soll. Er kann ja dann immer noch darüber palavern, wie er seine Diskriminierung empfindet und was ihm spontan so dazu einfällt. Das ist eine der Spielarten von Antiintellektualität, auch nicht viel anders, als von den FPÖ-lern in den Dorfwirtshäusern, die finden, die Gscheiterln aus dem Bobo-Cafés in der Stadt hätten keine Ahnung vom Leben. Es gibt diese Spielarten von Antiintellektualität eben auch in den Milieus, die sich kritisch vorkommen. Etwa in Künstlermilieus, die meinen, Kreativität käme primär vom „Fühlen“, vom „Spüren“, und allzu viel Nachdenken und Theoriewälzen sei eine Unart von verkopften Hirnwichsern, die nie der Wahrheit des „künstlerischen Empfindens“ begegnen werden. Meine Gegenthese wäre: Unwissenheit hat noch nie jemanden genützt.

Drittens: Nicht-Betroffene haben daher praktisch nichts Sinnvolles beizutragen

Diese ganzen rhetorischen Figuren leben von der impliziten Voraussetzung, dass die Nicht-Betroffenen praktisch nichts Sinnvolles beitragen können. Sie haben von nichts eine Ahnung, geben aber im Extremfall den Betroffenen noch blöde Ratschläge. Nun können Ratschläge blöder oder gescheiter sein, aber lasst uns einmal die These überprüfen, ob Nicht-Betroffene tatsächlich als Ratschlag-Geber unbrauchbar sind. Nun ist die gesamte Geschichte der Selbstermächtigung von Machtlosen auch durchzogen von den relativ Privilegierten, die sich auf die Seite der Schwachen gestellt haben: von Karl Marx bis Victor Adler bis zu Frantz Fanon oder Simone de Beauvoir. Natürlich kann man der Meinung sein, dass all das ein Problem aller bisherigen Emanzipationsbewegungen gewesen sei, aber ich würde diese Meinung nicht unbedingt teilen. Wollen wir nur einmal praktisch nachdenken: Dass jemand wegen seiner sexuellen Identität Diskriminierung erfährt, führt noch lange nicht dazu, dass er* oder sie* oder * sehr viel Ahnung davon hat, wie man solche Diskriminierung wirksam bekämpft. Jemand, der die Geschichte der deutschen Frauenbewegung oder der amerikanischen Black-Panthers kennt und auch noch eine juristische Ausbildung hat, aber Unterdrückung wegen sexueller Identität nicht persönlich erfährt, kann dazu vielleicht ein paar wertvolle Gedanken beisteuern. Also, auch dieses Argument hält einer Überprüfung nicht stand, die über das No-Na-Argument hinaus geht, dass man sich depperte Ratschläge eher spart, klügere vielleicht besser nicht. Was klüger und was depperter ist, lässt sich allerdings am besten diskursiv ergründen, steht also nicht vor dem Sprechakt schon fest.

Viertens: „Opfer“ haben nicht die Aufgabe, den „Privilegierten“ oder gar „Tätern“ etwas beizubringen.

Nun ist das gewiss wahr. Dass jemand, der gerade Opfer eines homophoben Übergriffs geworden ist, auch noch irgendeinem Trottel, mag der auch noch so gutwillig sein, lang und breit das ABC dessen erklärt, was stetige Diskriminierungserfahrungen mit dir machen, ist gewiss nicht die reine Freude – ganz zu schweigen von bockigen Trolls, die gar nicht gutmeinend sind, sondern sich auch noch nach Kräften bemühen, nichts zu begreifen. Gleichzeitig wissen wir auch, dass gesellschaftliche Fortschritte nicht allein dadurch erzielt werden, dass man eh nur mit jenen kommuniziert, die schon für die gemeinsame Sache gewonnen sind und über alles bestens Bescheid wissen.

Fünftens: Wie stellen wir uns Kommunikation in einer pluralen Gesellschaft überhaupt vor?

Das Postulat, dass Betroffenheit besonders zum Sprechen qualifiziert, steht also auf äußerst dünnen Beinen, wird aber durch einen Umstand gänzlich unhaltbar: denkt man es radikal zu Ende, würden wir in völlig segmentierten Sprech-Gesellschaften leben. Zu jeden x-beliebigen Thema dürften nur – einmal größere, einmal kleinere – Betroffenencommunities sprechen, die sich im schlimmsten Fall dann auch noch aussuchen, wer mitreden darf (nämlich, wer dem gerade vorherrschenden Common-Sense des betreffenden Submilieus am besten nach dem Mund redet). Am Ende stünde dann kein gesellschaftliches Gespräch, sondern wie am Jahrmarkt der Meinungen eine Community neben der anderen, die irgend etwas herausposaunt – und sich diskursive Einmischung in ihr je eigenes Feld verbitten würde. Der Verdacht liegt nahe, dass das die Luft nicht besser machen würde.

Nun kann man natürlich der Meinung sein, dass ein Argument, hart zu Ende gedacht, falsch sein kann, aber auf weiche Weise dennoch richtig. Sozusagen auf halbem Weg richtig, und erst in einem Unendlichen falsch, das ohnehin nie erreicht wird. Ich fürchte nur, dann ist es eben als Argument nicht nur angreifbar, sondern auch falsch. Es kann zwar positive Effekte zeitigen, nämlich beispielsweise bisher kaum gehörte Betroffene hörbar zu machen, aber es wird möglicherweise schon auf halbem Weg unerfreuliche Nebeneffekte haben, etwa, dass sich Nicht-Betroffene aus dem gesellschaftlichen Gespräch zurück ziehen, sich denken, diese Thematik sollen sich die in ihrer Nische ausmachen, ich habe damit nichts zu tun. Von der Art: „Bevor ich mich in die Nesseln setze, lasse ich die auf ihrer Spielwiese alleine.“

Realitätstauglicher dürfte auch auf halbe Sicht folgende Haltung sein: ein Machtgefälle, das den einen privilegierte Sprecherpositionen einräumt, gehört bekämpft – indem den Ungehörten zugehört wird. Indem sie sich nicht nur Plattformen erkämpfen, sondern man sie dabei auch unterstützt. Aber in einem gesellschaftlichen Diskurs darf jeder und jede mitreden. Sogar Unsinn ist erlaubt. Es gibt kein Wissen, das andere Wissensarten aussticht. Empfindungen haben keine größere „Wahrheit“ als Resultate intellektuellen Bemühens. Empathie ist keine Unmöglichkeit, sondern muss gerade als Voraussetzung eines sinnvollen gesellschaftlichen Gesprächs eingefordert werden. Eine Gesellschaft, die in Communitys zerfällt, ist eher Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Ein Gedanke zu „Sollen weiße Männer die Klappe halten?“

  1. Es sollten vielleicht alle Männer die Klappe halten, die weissen und die farbigen.
    Was für eine ungewöhnliche gemütliche leben hätten wir da.
    (Achtung Ironie)

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