„Ein abscheuliches System“

Menschen sind auf Wettbewerb gepolt, nur Konkurrenz führe zu Fortschritt, wird behauptet. Dabei bringt uns nicht der Kampf aller gegen alle voran, sondern die Kooperation.

Der Freitag, September 2018

Jeder versucht sich selbst zu optimieren, sein Ich zu verbessern, und dieses optimierte Selbst auch im besten Licht erscheinen zu lassen. Von Instagram bis Facebook werfen wir uns in Pose, wir vergleichen und werden verglichen. Kaum öffnen wir morgens die Augen, stehen wir schon in diesem Wettbewerb, zu dem das zeitgenössische Leben geworden ist.

Die Selbsttechniken der Ich-Optimierung sind das eine, aber sie sind auch nicht zu trennen von einer Ideologie, die die Konkurrenz zur eigentlichen Conditio Humana, des menschlichen Wesens erklärt und auch zum Motor von Fortschritt. Wirtschaftliche Prosperität sei nur durch Konkurrenz zu haben, also dadurch, dass Menschen gegeneinander und für das kleine fiese Eigeninteresse agieren, und auch der technologische Fortschritt komme deshalb in die Welt, weil Einzelne andere Einzelne übertrumpfen wollen.

Von da ist es dann nicht mehr weit zu einem neoliberalen, kaltherzigen Konservativismus, der mit sozialdarwinistischen Plattitüden ausgerechnet das Sozialagieren des Herden- und Gemeinschaftstieres Mensch zum Krieg jedes gegen jeden phantasiert; und der den Sieg des Stärkeren als das feiert, was den langfristigen Erfolg der Gattung garantiere. Schwächlichkeit oder Humanitätsgesäusel würden letztendlich das Gegenteil dessen bewirken, was seine Fürsprecher anstreben, nämlich die Verbesserung der Welt.

Glücklicherweise ist die Welt nicht so. Die Konkurrenzfanatiker meinen zwar, dass in streng sozialdarwinistischer Manier, wie im Tierreich auch unter Menschen der harte Kampf ums Überleben herrscht und nur der „Stärkste“ überlebt. Doch das trifft nicht einmal auf das Tierreich zu. Darwin sprach nie davon, dass der „Stärkste“ überlebe – sondern vom „Survival of the fittest“. Das heißt aber etwas ganz anderes: Der ist am besten gerüstet, der sich am besten an seine Umweltbedingungen anpasst. Dies schließt nicht nur Konkurrenz ein, sondern auch kluge Kooperation. Erst recht gilt das für ein soziales „Tier“ wie den Menschen – dessen „Umwelt“ im Wesentlichen aus anderen Menschen besteht. Fast könnte man also sagen: Nicht der „Stärkste“ überlebt, sondern der „Freundlichste“, also der, der am besten kooperiert und der am meisten zur Entstehung einer kooperativen Ordnung beiträgt. Evolutionsbiologen sprechen neuerdings vom „Survival of the kindest“. Darwin selbst hat sich darüber Gedanken gemacht, warum in menschlichen Gemeinschaften der Kooperationsgeist sukzessive zugenommen hat, und äußerte die Ansicht, dass möglicherweise die kooperativeren frühen Menschengruppen in der Konkurrenz mit unkooperativen evolutionsbiologisch überlegen waren. Wie auch immer, all das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht im zwischenmenschlichen Verkehr zu Gewalt, Mord, Totschlag und groben Gemeinheiten kommt – ohne Zweifel geschieht das. Es wäre lächerlich, das zu leugnen. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man davon ausgeht, dass die Menschen quasi sozio-biologisch auf Konkurrenz und Kampf programmiert sind, wie das die Konservativen tun, oder ob man annimmt, dass sie sehr wohl auch zur Kooperation fähig sind, dass sie vielleicht sogar primär auf Kooperation gestimmt sind, dass sie zu Altruismus und Generosität fähig sind und dass sie möglicherweise auch das Leiden ihrer Mitmenschen bekümmert.

Doch wenigstens im Feld des Ökonomischen habe die Konkurrenz das Sagen und bürge für bessere Ergebnisse, wird dann gerne eingewandt. Aber selbst das ist sehr fragwürdig. Denn wesentliche Teile der kapitalistischen Ökonomie sind überhaupt nicht von Konkurrenz geprägt. Man kann beinahe sagen: Das Erfolgsgeheimnis der kapitalistischen Industriegesellschaft war von Beginn an viel mehr die Kooperation als die Konkurrenz. Immer größer wurden die Wirtschaftseinheiten, die Fabriken und Unternehmen, innerhalb derer viele tausende Menschen kooperieren. Und sehr bald wurde deutlich, dass die Vorteile dieser Kooperation nicht nur in der effizienten Kombination von Arbeitsschritten auf stetig höherer Stufenleiter liegen, sondern auch im eigensinnigen, wechselseitigen und kreativen Miteinander der Kooperierenden selbst, oder anders formuliert: im Teamgeist. Mit Karl Marx gesagt: „Abgesehen von der neuen Kraftpotenz, die aus der Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeiten der bloße gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigne Erregung der Lebensgeister (animal spirits), welche die individuelle Leistungsfähigkeit erhöhen.“

Diese „Erregung der Lebensgeister“ ist ja nicht der unwesentlichste Grund dafür, dass 10 Leute, die zusammen arbeiten, mehr weiter bringen werden als 10 Leute, die zeitgleich auf sich alleine gestellt arbeiten. Und zwar nicht nur, weil beispielsweise nur 10 Leute einen Felsen von einer Tonne Gewicht bewegen können, während das ein Einzelner niemals könnte, sondern weil diese 10 Leute vielleicht beim Austüfteln der besten Möglichkeiten, eine solche Aufgabe zu lösen, auf verschiedene Ideen kommen, die sie dann kombinieren, bis die beste Idee gefunden ist, die ein einzelner niemals finden hätte können. „Dies rührt daher“, so Marx, „dass der Mensch von Natur, wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politisches, jedenfalls ein gesellschaftliches Tier ist.“ Und weiter: „Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen.“ Indem er mit anderen gemeinsam tätig ist, erfährt er sich als Teil eines größeren und mächtigeren Ganzen – und gleichzeitig die Grenzen eines bloß individuellen Wirkens und Lebens.

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Jeder Reichtum im Kapitalismus ist gesellschaftlich produziert, alle arbeiten hier kooperativ miteinander, weder dem Unternehmer noch dem Kapitalgeber kommt hier grundsätzlich eine privilegierte Funktion zu. Die Kapitalisten tragen etwas bei, aber nichts außerordentlicheres als etwa die Schuldirektorin, die die Schule organisiert, und der Lehrer, der die Schüler unterrichtet, und der Vorarbeiter, der die Lehrmädchen einschult und der Arbeiter, der die Maschine bedient, oder die Buchhalterin, die die Bücher führt, und die Putzfrau, die die Büros wischt. Es ist dieser gesellschaftliche Charakter, dieses kooperative Zusammenwirken, das Reichtümer schafft, das in seiner Komplexität, wie Marx bewundernd schreibt, beeindruckender ist als das Zusammenwirken tausender Arbeiter beim Bau der Pyramiden im alten Ägypten (und der – unter Gerechtigkeitsaspekten – große Skandal dieser sozialen Ordnung besteht darin, dass der Unternehmer oder Kapitalbesitzer den größeren Teil der Reichtümer als seinen Privaten aneignet).

Es ist reine, nackte Ideologie – und eine dumme noch dazu –, angesichts dieser Wirklichkeit die Idee zu entwickeln, eine verallgemeinerte Ordnung der Konkurrenz wäre die Quelle menschlichen Fortschrittes.

„Die Arbeitsteilung ist das Korrektiv der Konkurrenz … sie schließt die gesellschaftliche Einheit in demselben Maße, in dem die Konkurrenz sie spaltet“, wusste auch schon Georg Simmel. Der große Soziologe der vorletzten Jahrhundertwende war dabei ein großer Anhänger der Konkurrenz. Was Simmel für die Konkurrenz ins Treffen zu führen hat ist brillant und intellektuell den simplen Wettbewerbsideologien haushoch überlegen. Eingebettet und gezähmt kann sie positive Wirkungen zeitigen, war Simmel überzeugt, ja mehr noch: dass sie sogar eine Form des Wettstreites sein kann, die mehr Bande knüpft als zerreißt. „Für das soziologische Wesen der Konkurrenz ist es zunächst bestimmend, dass der Kampf ein indirekter ist“, konnte Simmel vor mehr als 110 Jahren daher formulieren. In Konkurrenzkämpfen stehen sich Gegner nicht direkt gegenüber, wie etwa bei einem Box- oder Ringkampf, sondern sie konkurrieren um dritte: um die Kundschaft, die Gunst des Publikums, die Liebe einer Frau und so weiter. Anders als in vielen anderen Kampfarten ist im Konkurrenzkampf nicht die Besiegung des Gegners schon der Siegespreis. Die bloße Niederringung des Gegners ist sogar belanglos: Geht die Konkurrenz bankrott, ist damit noch nichts gewonnen, wenn die Kundschaft meine Ware nicht haben will. Simmel: „Man kämpft mit dem Gegner, ohne sich gegen ihn zu wenden, sozusagen ohne ihn zu berühren.“ Darin nun liege, so Simmel, der ungeheure Wert der Konkurrenz. Man wendet sich nicht auf negative Weise dem Konkurrenten zu, sondern auf positive Weise dem Dritten, um dessen Gunst man konkurriert. Er rückt dieses Wetteifern in die Nähe der Liebe. Die Konkurrenz festige daher Bande des Gesellschaftlichen, sie zerreißt sie nicht: „Man pflegt von der Konkurrenz ihre vergiftenden, zersprengenden, zerstörenden Wirkungen hervorzuheben… Daneben aber steht doch diese ungeheure, vergesellschaftende Wirkung: sie zwingt den Bewerber, der einen Mitbewerber neben sich hat und häufig erst hierdurch ein eigentlicher Bewerber wird, dem Umworbenen entgegen- und nahezukommen, sich ihm zu verbinden… Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist doch zugleich der Kampf aller um alle. Niemand wird die Tragik davon in Abrede stellen, dass die Elemente der Gesellschaft gegeneinander statt miteinander arbeiten, dass unzählige Kräfte in dem Kampf gegen den Konkurrenten verschwendet werden, die zu positiver Arbeit verwendbar wären, dass endlich auch die positive und wertvolle Leistung ungenützt und unbelohnt ins Nichts fällt, sobald eine wertvollere oder wenigstens anziehendere mit ihr konkurriert.

Aber alle diese Passiva der Konkurrenz in der sozialen Bilanz stehen doch nur neben der ungeheuren synthetischen Kraft… (dem) Verweben von tausenden soziologischen Fäden.“

Aber gilt das heute noch? Dass die tägliche (Status-)Konkurrenz Fäden des Sozialen stärke, wie das Simmel noch annehmen konnte, kann man heute freilich mit Recht in Frage stellen. Verallgemeinerte Konkurrenz ist ein verallgemeinertes Übel. Nicht, dass Menschen gelegentlich konkurrieren ist das Problem. Im Gegenteil: das trägt das seine dazu bei, dass gelegentlich Höchstleistungen erbracht werden. Die Konkurrenz konnte zu einem der größten Übel unserer Zeit werden, weil sie so allgemein als nützlich akzeptiert, ja gefeiert wird – und damit enthegt wurde, alle Lebenswelten kolonisiert hat, dass eine Ideologie der Konkurrenz verbreitet wurde, die den Wettbewerb als Basis der Conditio Humana feiert und die viel grundlegendere Kooperation unterschlägt. Wenn jeder das Gefühl hat, am Ende alleine zu stehen, dann wird der Boden unter den Füßen brüchig.

Schon der britische Frühsozialist Robert Owen ahnte: „Die Konkurrenz führt unweigerlich zu einem verdeckten Bürgerkrieg zwischen den Individuen … Sie erzeugt Übel aller Art.“ Und sein französischer Geistesverwandter Louis Blanc wetterte: „Unter der Konkurrenz gibt es keine Freiheit, denn sie hindert die Schwächsten, ihre Fähigkeiten zu entfalten, und liefert sie den Stärksten aus.“ Sie sei ein „abscheuliches System“, angetan dazu, „die Welt in Brand zu stecken.“

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