Rassismus, Antirassismus und die verborgenen Beschämungen die damit auch einher gehen können

Eine Szene aus den späten sechziger Jahren.

In den vielen, oft nicht sehr fruchtbaren Debatten über die Frage, „wie denn die Linke die Arbeiterklasse“ verloren hat, kommt dann oft sehr schnell (neben den Diagnosen, dass sie sich der neoliberalen Wirtschaftspolitik angepasst hat) auch die Analyse, dass sich eine „Mittelschichts-Linke“ mit Antirassismus und Politischer Correktheit von den „normalen Leuten“ entfremdet habe, dass aufgeklärte urbane Mittelschichten auf die Arbeiterklasse herab schauen, weil die nicht modern genug, nicht aufgeklärt genug seien – wir kennen all diese Debatten über Identitätspolitik (etwa die Kritiken von Marc Lilla) oder auch die aus Frankreich jüngst zu uns gelangten Diskurse, etwa im Anschluss an Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“. Die Diskursfronten sind da oft viel zu grob und werden den komplexen Thematiken von Antirassismus, Achtsamkeit gegenüber Minderheiten, den Verletzungserfahrungen der Minoritäten und den Verletzungserfahrungen der Arbeiterklasse nicht gerecht.

Unlängst habe ich wieder einmal zu Richard Sennetts legendärem Buch „The Hidden Injuries of Class“ gegriffen, einem Buch, das immerhin schon beinahe 50 Jahre alt ist. Und dabei habe ich eine sehr sehr interessante Szene gefunden, die Sennett beschreibt. Der Hintergrund: Sennett hat Ende der sechziger Jahre Angehörige von Arbeiterklassen / untere Mittelschicht Milieus und Wohngebieten in „verstehender Soziologie“ interviewt.

Er berichtet von einem Gespräch mit sechs Frauen, deren Kinder alle den selben Kindergarten oder Vorschule besuchen. Dolly und Myra, zwei dieser sechs Frauen, kommen in eine Diskussion über „interracial Marriage“, an der sich die anderen da und dort beteiligen, die aber vor allem die beiden führen. Also, es beginnt mit der Frage: Was, wenn ihre Tochter einmal einen Schwarzen als Freund hat oder den heiratet?
Dolly: Vielleicht bin ich bigott.
„Ich fühle, ich mag die nicht. Ich mag das nicht..“
Myra: Ich wäre glücklich. Meine Kinder haben viele schwarze Freunde.
Ich würde meine Tochter nicht ermuntern. Ich würde es mir nicht einmal wünschen, weil ich nicht will, dass sie verletzt wird. Und sie würde verletzt von den Bigotten in unserer Gesellschaft.
Ich würde, wenn es so käme, ihn mit offenen Armen empfangen. Ich würde die wunderbare Person sehen wollen, nicht den Schwarzen.
Weißt du, erinnern wir uns, wenn ich einen Iren heim gebracht hätte, hätte mich meine Mutter durch das Fenster geschmissen.

Dolly: Aber du willst es nicht.
Myra: Weil die Gesellschaft bigott ist.
Vor ein paar Jahren noch, wenn du eine weiße und eine schwarze Person Hand in Hand gesehen hättest, hätten alle auf die beiden gestarrt, bis sie vor Scham ohnmächtig geworden wären.

Eine andere Frage taucht auf: Würde ich ein Haus an eine schwarze Person vermieten, will ich neben ihnen wohnen?
Myra: Es würde mich nicht kümmern, ich würde keine Minute zögern.
Dolly: Nein, ich würde das nicht wollen. Ich will das nicht.
Ich weiß schon, sie sind genauso wie alle, es gibt so viele tolle schwarze Menschen wie weiße Menschen….
Myra: Aber wenn deine Tochter einen Schwarzen heim bringt?
Dolly: Ich würde sterben.
Ich will solche Enkeln nicht.
Aber ein Italiener ist auch dunkler?
Ja, aber er wäre wenigstens weiß!
Da ziehst du die Grenze?
Ja, ich bin bigott.

Das Gespräch zieht sich: Dolly weiß, dass sie diese Gefühle hat. Sie weiß, dass diese Gefühle nicht okay sind. Sie ahnt, dass auch Myra diese Gefühle hat, jedenfalls nimmt sie ihr ihre zur Schau gestellte Aufgeschlossenheit nicht ab. Die meisten in der Runde sind stumm geblieben, aber haben ein Gefühl des Unwohlseins in der Situation.

Sennett macht einen Einschub in seinem Bericht:
„In diesem Gespräch hat eine unsichtbare, stumme Autorität eine magnetische Wirkung auf Myra – der Interviewer. Auf ihn hat sie sehr oft geschaut, wenn sie ostentativ gegen Dolly argumentiert hat, auf der Suche nach Anerkennung für ihre aufgeklärten Ansichten.“ Weniger ihre Ansichten waren durch den Interviewer geprägt, sondern die Art, wie sie sie vortrug, die Art, wie sie Dolly in die Situation brachte, ihre bigotten Ansichten zu „gestehen“. Alle hatten das Gefühl, sie drängt Dolly in eine Haltung, um sich von ihr abzusetzen, und zwar unter den Bedingungen der Beobachtung durch eine äußere Instanz, die in dem Fall für die „modernen, allgemein anerkannten fortschrittlichen Ansichten“ steht.

Myra wollte etwas beweisen, sie wollte auch sich etwas beweisen, aber dazu gehörte, sich von anderen abzusetzen („Distinktionsbedürfnis“).

Sie argumentierte für die „richtige Sache“, also die aufgeklärte, gebildete Haltung („antirassistisch“), aber indem sie sich über das Milieu erhebt, in dem sie selbst lebt, aus dem sie stammt.

Ihre Worte drückten eine Zuneigung zu humanistischen Werte, zur Liebe zu allen Menschen aus, aber der reale Ablauf der Szenerie und die Subtexte sprachen eine zugleich andere Sprache: Sie beschämte ihre Bekannten und wies sie zurück – als altmodisch, nicht modern, nicht fortschrittlich genug.
Sennett fasst die Gedanken der Beteiligten so zusammen: „Wenn sie wirklich so tolerant ist, warum benützt sie dann ihre Toleranz um uns zu verraten?“

Es kommt noch etwas hinzu, beobachtet Sennett: Wenn Myra sagt, dass sie das Verhalten von Dolly als „dumme, ungebildete Weise zu sprechen empfindet“, dann positioniert sie sich selbst als denkendes Individuum, Dolly dagegen als jemanden, der konventionelle, dumme Meinungen der Masse wieder gibt. Dolly wird als Person unsichtbar gemacht, sie empfindet, dass sie nicht das ausreichende Maß an moderner Individualität erreicht hat. Myra hat die „richtige Meinung“ vertreten – auch aus Angst, ihre Freunde – allesamt aus der Arbeiterklasse oder unteren Mittelschicht –, könnten sie nach unten ziehen.

Ich fand diese Szene sehr interessant, und genauso interessant, dass Sennett diese Situation damals so empfand und grosso modo in den Worten beschrieb und interpretierte, die ich hier wieder gebe. Immerhin ist das 50 Jahre her. Ich finde, das ist eine sehr interessante Szene, weil so viel durcheinander gerät. Simpel gesagt: Es wird die „gute Meinung“ vertreten, aber zugleich auf eine Weise, die als „nicht gut“ empfunden wird, es wird für die „Gleichheit aller Menschen“ argumentiert, aber zugleich einem Distinktionsbedürfnis nachgegeben, das wiederum anderen, vielleicht unsichtbareren Ungleichheiten Vorschub leistet.

Schwarze Menschen, wären sie anwesend, müssten sich durch Dollys Verhalten gemobbt fühlen, abgewertet, ausgegrenzt, beschädigt. Zugleich fühlt sich Dolly von Myra gemobbt, und auch das nicht völlig zu Unrecht.

Sehr interessante Szene jedenfalls.

Ein Gedanke zu „Rassismus, Antirassismus und die verborgenen Beschämungen die damit auch einher gehen können“

  1. Vielleicht sollten wir uns von der vorstellung lösen dass es ohne soziale kontrolle im soziologischen sinn soziales verhalten gibt das über die kleingruppe hinausgeht. Nicht die arbeiter sondern die leitplanken sind weg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.