Die Gesellschaft der Verwundeten

Das letzte Tabu: Unsere Gesellschaft ist voll mit Menschen, denen fortgesetzt Verletzungen und Kränkungen zugefügt werden. Aber über dieses Leiden reden wir nicht. Kaum eine gesellschaftliche Pathologie, die nicht darin ihre Ursache hat.

Der Falter, 33/2019

Blickt man sich um, sieht man Verwundete, aber man nimmt sie nicht wahr. Unsere Welt ist eine Welt der Beschädigten, die mit der Verarbeitung ihres Leids beschäftigt sind. Natürlich betrifft das nicht alle in unserer Gesellschaft. Aber einen gehörigen Teil. Fünfzehn Prozent? Zwanzig Prozent? Man weiß das nicht genau. Statistisch kann man sich dem natürlich annähern, wenn man Einkommensdezile oder Armutsgefährdungsquoten hernimmt. Aber ob Menschen ihre Lage als ausweglos wahrnehmen und sich selbst als Geschundene, als Verlierer sehen, hängt ja von mehr ab als nur von der reinen, nackten ökonomischen Lage. Manche haben ökonomische Krisen, ihnen fehlt am Monatsende Geld am Konto, aber zugleich machen sie auch Abwertungserfahrungen. Manche leben in sterbenden Regionen, andere nicht.

Knappheit und Abwertungsgefühl: das eine ist mit dem anderen nicht immer identisch, beides geht nicht immer miteinander einher, oder oft mischt es sich in den verschiedenen Graustufen. Kränkungen produzieren Traumata. Verwundungserlebnisse addieren sich, sie türmen sich aufeinander. Die kleinsten Verwundungserfahrungen schieben sich übereinander, werden mächtig, ergreifen Besitz von den Befallenen. Zorn, Aggression, Abwehr. Die Welt ist von Gefühlen getrieben, und meist von miesen. Jeder hat seine Beweggründe, die meist niedere Beweggründe sind.

Da sind die Verletzungen durch Klasse. In Ulli Gladiks Film „Inland“ treten diese Geschundenen auf, mit all ihrem Zorn auf die Etablierten, die sich einmal für sie interessiert haben, „aber das hat sich aufgehört“, sagt Christian, und fügt, auf die SPÖ gemünzt hinzu: Irgendwann habe man „gemerkt die Partei zieht sich von diesen Schichten immer mehr zurück, wird immer abgehobener…“ Eine andere sagt: „Wer 10 Stunden angestellt war, hat für 20 Stunden gearbeitet, wo war da die Gewerkschaft…?“ Jetzt sei das halt mit dem 12-Stunden-Tag genauso. Beschissen sei es, aussortiert zu werden: „Wennst dein Leben gearbeitet hast, und dann wirst einfach entsorgt…“

Aussortiert werden. Den Stempel „unnütz“ am Hirn. Ersetzbar zu sein, heißt wertlos zu sein. Nur als Instrument, nicht als Mensch behandelt werden. Aber auch: Keinen Stellenwert zu haben. Keine Anerkennung. Abwertung, selbst in den eigenen Augen, sprich: Selbstabwertung. Wer ökonomisch und kulturell marginalisiert ist, wird als „hilflos“ wahrgenommen, als jemand, der hilfsbedürftig ist. Und dann vielleicht auch im Sozialporno betrachtet: Wie ein Stamm im einem Land, das weit entfernt ist. Als Problem besprochen, als Exot angestarrt: Irgendwie interessant, weil problematisch. Das sind die „verborgenen Verletzungen durch Klasse“, wie das Richard Sennett nannte. „Snobismus, Beschämung, Runterschauen, all das ist verletzend, zumal in einer Gesellschaft, in der die Menschen voraussetzen, sich wechselseitig als Gleiche zu behandeln“, das wusste Sennett schon vor 50 Jahren. Respektiert zu werden, ist nicht gleichbedeutend mit gut bezahlt werden. Aber die Höhe des Einkommens ist natürlich nicht irrelevant in einer Gesellschaft, in der Geld nicht nur darüber entscheidet, was man sich leisten kann, sondern in der der Kontostand auch den Spielstand misst, die Rangordnung in einer Gesellschaft. Über Status und Prestige entscheidet. Und, so Sennett, es kommen noch neue Verletzungen hinzu in Gesellschaften, die Individualität hochhalten und das Gewöhnliche geringschätzen. „Abwertungen in Gesellschaften, die die talentierten Wenigen hochhalten, wo Normal sein plötzlich kein Wert ist, sondern jeder Besonders sein will.“ Sennett zitiert Thorndike: „Es ist nichts falsch daran, Durchschnitt zu sein.“ Aber sag das heute einmal laut.

Wie spricht jemand mit Dir, der wie selbstverständlich von seinem höheren Rang und Status überzeugt ist? Und welche Quellen für Selbstrespekt hast Du, mit denen Du darauf reagieren kannst? Diese Verletzungen durch Klasse produzieren ein Leiden, ja, ein Elend, das aber nicht immer wie Elend aussieht. Die Menschen leben nicht in Baracken, sie tragen keine zerfetzten Kleider, sie hungern auch nicht. Jedenfalls die allermeisten. Sie haben einen Job oder sogar zwei und kämpfen Tag für Tag, dass sich ein Einkommen rund um den Mindestlohn ausgeht. Deswegen übersieht man diese Verwundeten auch so leicht. Gerade wenn man sich an Vorstellungen von blankem Elend orientiert, sagte Pierre Bourdieu einmal, „versagt man sich, einen ganzen Teil der Leiden wahrzunehmen und zu verstehen, die für eine soziale Ordnung charakteristisch sind“.

Die verborgenen Verletzungen der Klasse sind wie ein Sonnenbrand, formuliert Joan C. Williams, die ein großes Buch über die „weiße Arbeiterklasse“ geschrieben hat: „Auch eine sanfte Berührung lässt einem vor Schmerz aufhüpfen.“ Die Verletzten und Geschundenen sind dann die, denen man sagt, sie seien irrational, leicht aufbrausend. Sie würden „überreagieren“ sagt man dann leicht, oder seien aggressiv. Was man dann als milieutypisch darstellt, und gleich dem Fundus der abwertenden Charakterisierungen zuschlägt.

In der Gesellschaft der Verwundeten kommt dann selbst der „Individualismus“, der heute ja unsere Welt prägt, bei einem signifikanten Segment der Bevölkerung nicht mit Stolz daher, sondern als eine Art resignativer Individualismus. In der Gesellschaft, die den Neoliberalismus aufgesaugt hat wie der Schwamm das dreckige Abwasser, in der sieht sich der Gewinner als Schmied seines Glücks und der Verlierer als einer, der sich allein durchkämpfen muss. Fragt man sich in diesen Milieus herum, hört man ganz schnell Sätze wie diesen: „Ich kümmere mich nur um mich selbst“ – diese Antwort drückt keine stolze Unabhängigkeit aus, sondern ein Gefühl der Resignation und der Enttäuschung und des Zerreißens von Fäden in der Gemeinschaft. Resignative Neoliberalisierung heißt: Man rudert mit den Armen um über dem Wasser zu bleiben, ohne Hilfe, Rettungsboot oder Rettungsring. Individualisierung oben heißt ein Kontinent neuer Möglichkeiten, Individualisierung unten heißt Kampf um die Krümel, jeder gegen jeden.

„Der Wandel“, das, was Oben als Chance erscheint, als Chance zu Veränderung und Selbstentwicklung, wird von den Verwundeten als Bedrohung erlebt. „Ich verbinde Wandel mit Verlust“, sagt ein Klassenmigrant, dessen Vater von Wohnung zu Wohnung delogiert oder gekündigt wurde. Mobilität ist anders für die Arbeiterklasse. Wandel heißt für sie, dass der Boden noch schwankender wird, die Brüstung abbricht. Dort bleiben, wo man aufgewachsen ist, nah den Familienverbänden, das ist so gesehen für Arbeiterklassenfamilien auch ein Schutz vor ihrer verletzlichen Marktposition. Und dann müssen sie sich ihrer Immobilität wegen auch noch beschimpfen lassen. „Die professionelle Elite schätzt Wandel, Veränderung und Selbstentwicklung; die Arbeiterklassenfamilien schätzen Stabilität und Gemeinschaft“ (Williams).

Strukturwandel schafft Viertel, die absteigen. Er schafft Industrieregionen, die zu ökonomischen Brachlandschaften werden. Er schafft aber auch Städte und Stadtteile, in denen die industrielle Produktion automatisiert wird und immer weniger Stellen mit ordentlichen Einkommen und Status verfügbar sind. Er schafft Generationen, die aus dem Arbeitsleben fallen und nicht mehr hinein kommen, während die neuen Generationen im Dienstleistungssektor arbeiten. Er führt zu Stadtteilen, in denen ganze Leitunternehmen verloren gegangen sind, und die Beschäftigung heute viel dezentraler ist. In denen, wenn die Leitindustrien weg sind, vielleicht die Arbeitslosigkeit nach ein paar Jahren wieder niedrig ist, aber eine hohe Armutsgefährdungsquote bleibt. Gelegentlich verelenden ganze Landstriche. Aber auch dort, wo das nicht geschieht, wo, wie es so schön im Nachhinein heißt, „der Strukturwandel geschafft“ wurde, bleiben Verwundungen zurück. Ganze post-traumatisierte Städte und Communities. Strukturwandel produziert Traumata, die lange wirken und Menschen, die sich nie wieder erholen.

Es sei „gefährlich, aus Enttäuschungen zu lernen“, notierte schon Brecht in sein Notizbüchlein. Und wenn er von den „dunklen Vorräten an Vitalität“ schreibt, „die im Asozialen liegen“, dann hat er genau das vor Augen: den „Erfahrungsschatz“, der den dauerhaft Verletzten zurichtet. Der aus den Schlägen, die er einsteckt, nur „lernt“, wie sich Depression anfühlt, die chronisch wird.

Heute ist von der Wut dieser „weißen Arbeiterklasse“ viel die Rede – aber sie sind bei Gott nicht die einzigen Verwundeten. Migranten, die seit Jahrzehnten hier leben, und sich immer als Menschen zweiter Klasse behandeln lassen mussten, gehören genauso dazu. Die Gastarbeitergeneration hat sich mit diesem Zustand vielleicht sogar arrangiert – nicht aber deren Kinder. Sie werden Schritt für Schritt, fast vom Babyalter an, damit konfrontiert, dass sie hier „nicht dazu gehören“, dass sie „anders sind“. Und mit dieser Andersheit gehen Stereotypisierungen stets einher. „Gerade weil sie sich integriert fühlen, ertragen sie ihre objektive Nichtintegration nur schwer“, schrieb Patrick Champagne schon vor rund 20 Jahren mit Blick auf diese Generation in Frankreich.

Oft stehen die autochtonen „einfachen Leute“ und die Migranten in einem Konfliktverhältnis, dabei ist auffällig, wie ähnlich sie sich sind. Beide machen nicht nur kollektive, sondern höchst individuelle Abwertungserfahrungen (denn, was viele betrifft, betrifft letztendlich dennoch den Einzelnen), die wie Narben auf der Seele sind, beide haben nur selten die Gelegenheit, sich im öffentlichen Diskurs selbst zu artikulieren. Sie kommen nur als Karikaturen vor, als „Wütende“ respektive „Unintegrierbare“, als Problemgruppen. Sie werden stumm gehalten, dafür wird umso mehr über sie geredet.

Ich besuche immer wieder Schulen und spreche dort mit den Schülern und Schülerinnen – und in einer Klasse war ich mehrmals, sodass die Schüler durchaus schon ein Vertrauensverhältnis mit mir hatten. Als wir einmal über den Begriff „Heimat“ sprachen brach dann schnell vieles aus diesen fünfzehn- bis siebzehnjährigen Kids heraus, ob sie aus der Türkei, aus Tschetschenien, aus Serbien, aus China oder sonstwo her kamen: Wie sie schon im Kindergarten von den anderen Kindern hören mussten, sie kämen doch sicher nicht von hier, sie seien doch keine Österreicher („bringe doch morgen Deinen Pass mit“), wie sie in der Grundschule in Deutsch eine schlechtere Note bekamen als schlechtere österreichische Schüler („ich kann doch einer Ausländerin keine Eins geben“), die vielen kleinen Schläge die sie einstecken mussten, seien sie fies gemeint oder nicht einmal beabsichtigt gewesen. Und heute sowieso: Schlagen sie die Zeitung auf, lesen sie, dass sie ein Problem seien, das gelöst werden muss – am besten, indem man es aus dem Land schafft. „Ich werde nie hier dazu gehören. Ich werde immer eine Türkin bleiben. Dass das hier unser alle Heimat ist – lächerlich, vergiss es einfach“, sagte ein türkisches Mädchen zu mir.
Oder die Verletzungen der jungen Migranten, die mitansehen müssen, wie herablassend Österreicher ihre Eltern behandeln, nur weil die vielleicht nicht optimal deutsch sprechen (oder einfach nur „ausländisch“ aussehen), die mitanhören und miterfahren, wie ihre Eltern als dumme Leute behandelt werden und mitansehen, wie ihre Eltern das mit sich machen lassen (müssen).

Diese Geschichten der Beschämungen, die heute Wutreservoirs sind, die ganz schnell überlaufen, wenn man nur einfach einmal nachfragt. Ihre Resultate lassen sich in jeder Fundi-Moschee bestaunen.

Mit bisschen Empathie versteht man all diese Verletzungen auf beiden Seiten – aber Empathie gedeiht nicht in der Unsicherheit.

Stereotypisiert, werden diese Kinder auch in Schulen schon früh aussortiert, wie übrigens auch die Kinder der einheimischen Arbeiterklasse und sind doppelt marginalisiert, wenn sich ethnische Fremdheit mit sozialer Marginalisierung paart, was ja eher in der Regel der Fall ist.

Wir wissen alle, Lehrer und Lehrerinnen behandeln beinahe instinktiv Kinder aus autochtonen bildungsbürgerlichen Schichten auf eine Weise, die zeigt, dass sie von ihnen einfach bestimmte Dinge erwarten: gutes Benehmen, Lernerfolg, Wissensgier. Instinktiv heißt: beiläufig, in kleinen, alltäglichen Gesten, ohne großes Geschrei. Das heißt aber auch: Sie erwarten, dass diese Kinder unproblematisch sind. Sie haben aber genauso an die Kinder anderer Milieus Erwartungen – etwa, dass es mit denen problematischer wird. Dass sie sich nicht so gut konzentrieren können, dass sie nicht einen solchen Hintergrund haben. Es ist aber zugleich völlig klar, dass diese Kinder diese Erwartungshaltungen spüren und entsprechend reagieren. Auch das hat Sennett schon vor 50 Jahren beschrieben. „Lehrer agieren entlang von Erwartungen, die diese Erwartungen wirklich werden lassen… Nicht, dass diese Lehrer absichtlich böswillig wären, aber unwillkürlich setzen sie in der Klasse einen Kreislauf in Gang, der genau die Art von Verhalten produziert, die sie erwarten.“ Von diesen Kindern und Jugendlichen wird ein Scheitern erwartet und sie reagieren auf die Erwartungen und bestätigen dann auch noch die Prämissen, wie das Pierre Bourdieu einmal am Beispiel eines Schülers beschrieb. „Da er sich selbst aus dem Üben und Lernen ausklinkt, versinkt er immer tiefer im Scheitern und im Kreislauf der Ablehnung, der das Scheitern noch verstärkt.“

Ganz zu schweigen von Zuständen chronischer Unsicherheit, in der Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus gefangen sind. Unsicherheit ist chronischer Stress und chronischer Stress färbt die Welt ein, verdüstert sie. Das reicht allein schon, und wenn man sich dann noch mit Drogen oder ähnlichem sediert, dann macht dich das auf Dauer zum Gefühlszombie.

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Dem Verwundeten wird Asozialität quasi anerzogen, die Zuschreibung, asozial zu sein, begründet dann in einer nächsten Schleife weitere Verwundung. Aber Elend, Angst und Ausgesetzsein sind eben keine Schule der Empathie und Freundlichkeit. In der Regel. Dass im Elend die Güte gedeiht mag vorkommen, aber meist nur eher in Charles-Dickens-Romanen.

Das beschädigte Leben hat einen hellen Sensor für Gefahren, ist im Abwehrmodus unterwegs. Es reagiert auf die Kampfesstimmung, die sich überall reinfrisst, und reproduziert sie zugleich. Vor die Wahl gestellt, Arschloch oder Opfer zu sein, entscheidet es sich natürlich gelegentlich dafür, Arschloch zu sein. Auch das hat die Empathie zu verstehen. Reinste Ichbezogenheit aufgrund der Not der Umstände. Wie in diesem Reigen der Verwundeten und Aussätzigen, von denen Sibylle Berg in ihrem Roman „GRM Brainfuck“ erzählt, die Jugendlichen, die „ihr einziges Gesetz verabschiedet“ hatten, das lautet: „Keiner wird uns mehr verletzen.“

Ein Gedanke zu „Die Gesellschaft der Verwundeten“

  1. Direkt aus der Tiefe, aus der tiefsten Tiefe meiner Seele gesprochen!! Du hast „meine Sätze“ geäußert, die ich so nie hätte schreiben können!! Danke für das Licht in diese dunklen Schatten!!

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