Der Terror und wir

Solange man von „Fremden“ spricht, wenn es eigentlich um Kollegen oder Nachbarn geht, werden Hassprediger leichtes Spiel haben.

Deutschland erschüttert eine rechtsradikale Terrorwelle. Drei Anschläge mit mehr als einem Dutzend Tote gab es alleine im letzten Jahr. Und die meisten Menschen, auch bei uns, sind natürlich ehrlich erschüttert, wenn so ein Massaker passiert. Auch wenn es sogar dann ein paar verhetzte Narren gibt, die glauben, im Internet auch noch den Toten nachspucken zu müssen. Solche Leute gehören konsequent ausgegrenzt.

Aber auch wir, die scheinbar Vernünftigen, sollten einen Augenblick in uns gehen. Denn auf die verschiedenen Arten und Weisen tragen viele von uns zu einer Grundstimmung bei, dass irgendwelche Anderen, mögen sie Branko, Zeynep oder Ali heißen, doch „eigentlich“ nicht hier her gehören. Und nicht einmal aus Böswilligkeit oder Rassismus. Nehmen wir nur diese weit verbreitete, total verständliche und gut begründbare Ansicht, dass der Staat sich doch zuallererst „um die Unsrigen“ zu kümmern habe, und dass, wer neu dazu kommt, „sich erst einmal hinten anstellen“ muss. Viele Menschen würden das wohl so unterschreiben. Es ist eine normale menschliche Eigenschaft. Wenn fünf Freunde zusammen sitzen und ein Fremder kommt dazu, wird der erst beschnuppert, und es braucht eine Zeit, dass man ihn zum „Wir“ dazu zählt. Die Älteren von uns kennen das noch aus den alten Sechserabteilen im Zug: Wenn einer neu einstieg, war er für die fünf anderen ein Eindringling, selbst wenn die fünf anderen noch nie ein Wort miteinander gewechselt hatten.

Die spannende Frage ist: Wie lange braucht es eigentlich, bis der Migrant kein Migrant mehr ist, sondern zu den „Unsrigen“ dazu gezählt wird? Drei Jahre, fünf Jahre, zwanzig Jahre, vierzig Jahre? Ab einer gewissen Aufenthaltsdauer ist es ziemlich absurd, ihn nicht zum „Wir“ dazu zu zählen. Aber jetzt denken wir uns einmal in ein Migrantenkind hinein, das hier geboren ist, zwanzig Jahre hier aufwächst – und immer noch als „Anderer“ angesehen wird, der nicht ganz hier her gehört. Das ist doch absurd. Und für das Kid natürlich eine tägliche Verletzungserfahrung.

All das prägt auch ein gesellschaftliches Meinungsklima. Ein Klima, in dem dann ein Gestörter auf die Idee kommen kann, dass man die „Anderen“, die „nicht hier her gehören“ einfach abknallen kann.

„Insider“-Magazin, Februar 2020

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