Arme Schlucker „abwehren“ – was ist das für eine Sprache?

Klar: Wir können nicht die ganze Welt retten. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir niemanden retten sollten.

Bei vielen Menschen lösen die Nachrichten, die uns gegenwärtig von der griechisch-türkischen Grenze erreichen, gemischte Gefühle aus, und vielleicht auch das Gefühl einer gewissen Hilflosigkeit, wie es so leicht hoch kommt, wenn es keine simplen Lösungen gibt.

Es gibt viele Menschen, die überhaupt keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen, während wir noch mit der Integration jener beschäftigt sind, die in den Jahren 2015 und 2016 aufgenommen worden sind. Sie finden, es reicht jetzt einmal.

So ziemlich alle Bürger haben wohl auch Angst vor Kontrollverlust und Chaos.
Sehr viele haben auch gemischte Gefühle, weil sie sich Sorgen um unsere Demokratie machen: Wenn noch mehr Flüchtlinge kommen, dann werden das gewissenlose Populisten und Extremisten kalt ausnützen und noch mehr Leute aufhetzen. Sie denken sich: Nicht schon wieder.

Zugleich sieht man die Bilder von der EU-Außengrenze, wie Menschen, die nur ein Leben in Sicherheit und mit einer Perspektive erhoffen, von Polizisten und Militärs mit Tränengas und Gummigeschoßen beschossen werden. Und man denkt sich: Was ist nur aus unserem Europa geworden? Da braucht echt keiner mehr die Nase über einen Herrn Erdogan rümpfen, wenn wir unsere Humanität schon wegen ein paar hundert armer Schlucker vergessen. In der Türkei betreuen sie seit Jahren 4 Millionen Flüchtlinge aus Syrien.

Dann denkt man sich: Was ist aus uns geworden? Wie konnten sich die Unbarmherzigkeit und Kaltherzigkeit nur so durchsetzen? Der Reflex ist dann:

Nein, so sind wir nicht. So wollen wir nicht sein.

Zugleich sieht man aber auch die Bilder von den griechischen Inseln, von den Flüchtlingscamps, in denen seit Jahren schon erbärmliche Zustände herrschen. Hier sitzen auch ein paar tausend Kinder. Kinder, die allein unterwegs sind, aber auch Kinder mit ihren Familien. Wir hätten zumindest die Kinder und ihre Väter und Mütter da längst raus holen können. Und das fordern ja mittlerweile auch ein paar hundert Bürgermeister und Bürgermeisterinnen in Österreich und Deutschland.

Niemand hätte weniger, wenn diese Leute ein sicheres Dach über den Kopf hätten. Und überhaupt: Wie muss man gestrickt sein, charakterlich, wenn man mit einem Schulterzucken Kinder und Familien verrotten lassen würde?
Da die meisten Menschen ja ein Herz haben wird kaum jemand dagegen sein können, diese Menschen zu retten.

Das Problem dabei: Wir wissen natürlich auch alle, dass das sowieso nur ein Tropfen auf dem heißen Stein wäre. In Syrien selbst sind allein in den vergangenen Monaten 1,3 Millionen Menschen vertrieben worden – zusätzlich zu den vielen Millionen Vertriebenen der letzten Jahre.

Wer aber sagt: Grenzen zu, Flüchtlinge abwehren, das geht uns alles nichts an – der spielt nur mit der Angst der Bürger und dem Gefühl, dass man nicht so richtig weiß, was man tun könnte. Einfache Lösung gibt es keine. Aber man kann helfen, auch mit Maß und Ziel und mit Vernunft. Man kann mal damit aufhören, Menschen in griechischen Lagern verrotten zu lassen. Und natürlich müssen wir die Türkei weiter unterstützen, wenn wir wollen, dass es in den Flüchtlingslagern dort menschenwürdige Zustände gibt. Präsident Erdogan mag ein schlimmer Finger sein, aber wer sagt, der Flüchtlingsdeal mit der Türkei wäre ein „schmutziger Deal“, der muss erst einmal einen besseren Plan vorlegen. Showkanzler und sonstige Maulhelden, die selbst nie etwas leisten, aber immer nur groß reden, helfen da nicht weiter.

Klar, wir können nicht die ganze Welt retten. Nur hat das auch nie jemand behauptet. Das kann aber eben auch kein Grund dafür sein, gleich gar niemanden mehr zu retten.

Ein Gedanke zu „Arme Schlucker „abwehren“ – was ist das für eine Sprache?“

  1. Ich frage mich fast täglich:
    Warum stellt man den Krieg in Syrien nicht ein?
    Wie kann man in dieser Situation weiterhin Kinder zeugen, wenn man selber keine Perspektive hat….?
    Wäre es nicht besser im eigenen Land für eine bessere Zukunft zu kämpfen?Ich meine nicht das Kriegsgebiet!
    Danke für Ihren Beitrag!

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