Die alten und die neuen arbeitenden Klassen

Industriekultur und Strukturwandel in den vergangenen fünfzig Jahren.

Politik und Kultur, Zeitschrift des deutschen Kulturrates, Mai 2020

„Misiks Buch ist ein rhetorischer Schutzschild für die ‚unteren Klassen'“ – Franz Schuh in „Die Zeit“

Kultur ist das, worauf wir aus einer historischen Distanz zurück blicken. Die „Kultur“ der Gegenwart ist meist zu amorph, zu widersprüchlich, zu ungeklärt, um sie auf einen Begriff zu bringen. In diesem Sinne ist auch der Begriff der „Industriekultur“ einer, der den Verdacht nahe legt, diese wäre Vergangenheit. In der Hochphase des industriellen Zeitalters mit seinen Bezugspunkten – Großfabrik, industrielle Arbeitsbeziehungen, Industrieproletariat als scheinbar relativ homogene Bevölkerungsgruppe –, hätte wohl kaum jemand von „Industriekultur“ gesprochen.

Der Begriff der Industriekultur evoziert auch eine Reihe von Vorannahmen: dass mit einer Produktionsweise und den mit ihr verbundenen sozialen Beziehungen auch eine „Kultur“ einher geht. Eine Lebenskultur etwa, aber auch ein Set an Gerechtigkeitsnormen und Werten, und auch eine materielle Kultur, etwa die Ästhetik der Fabriken. Große Backsteinkomplexe in den Städten, die heute entweder abgerissen sind oder einer anderen Verwendungsweise zugeführt, die großen Fabrikschlote, die Hochöfen in den Stahlwerken außerhalb der großen Städte usw.

Industriekultur ist daher auch etwas, was heute ausgestellt wird: in den Arbeitsweltmuseen, im Rahmen der Industrierouten. Industriekultur, das ist heute bisweilen „Industrial Porn“, verfallene Industrieruinen, die als coole Fotolocations taugen, oder „Industrial Design“, Vintageästhetik.

Heute herrschen ein paar Grundannahmen vor, oft sind es auch nicht mehr als Schlagworte. Dass wir in der „postindustriellen Gesellschaft“ leben, eine, in der die alte „Arbeiterklasse“ untergegangen ist. Dass wir im Westen einen Prozess der „Deindustrialisierung“ hinter uns haben. Gerne ist auch von der „Dienstleistungsgesellschaft“ die Rede. Vor bald vierzig Jahren schrieb André Gorz, der französische Sozialphilosoph, vom „Abschied vom Proletariat“.

Seit den siebziger Jahren gingen in allen früheren Industriestaaten Millionen gewerbliche Arbeitsplätze verloren, deutlich weniger Arbeitnehmer arbeiten in Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten, die Zahl der Arbeiter in der Industrie schrumpfte in absoluten Zahlen, und sie schrumpfte noch rasanter in relativen Zahlen: immer mehr Beschäftigten stehen immer weniger industrielle Arbeiter gegenüber. Man darf aber deswegen auch nicht dem Irrtum erliegen, dass bei uns „überhaupt nichts mehr produziert wird“. Arbeitsplätze in der industriellen Fertigung sind nicht nur nach Südostasien oder Osteuropa abgewandert, sie sind auch durch Automatisierung ersetzt worden. Nicht selten haben wir es auch nur mit statistischen Effekten zu tun.

Der deutsche Wirtschaftshistoriker Lutz Raphael hat die vergangenen Jahrzehnte dieses Strukturwandels jüngst in seiner phänomenalen Studie „Jenseits von Kohle und Stahl“ beschrieben. Zunächst bedeutet Deinstrialisierung, auch dann, wenn sich Industrien behaupten können, den Verlust von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe. Und der ist „aufs Engste mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität verbunden“, so Raphael.

Für Deutschland heißt das: Manche Industrien gingen weitgehend unter – Stahl, Werften, Bergbau, Textilindustrie -, andere konnten sich behaupten, in Westeuropa etwa die Chemieindustrie, die Elektroindustrie, Maschinenbau, Automobilbau, Rüstung, Luftfahrt. Aber auch diese Industrien erlebten massive Rationalisierungswellen.

Die brutalen Strukturkrisen kennen wir alle aus den Nachrichten (oder zumindest die Älteren unter uns): die Krise der Stahlindustrie im Saarland, der Untergang des Bergbaus im Ruhrgebiet, die Werftenschließungen an der Küste. Und oft hört man, wenn man diese Regionen besucht, ein paar Jahre später Sätze wie: „Wir haben den Strukturwandel geschafft“. Doch immer noch steckt das Trauma ganzen Städten in den Knochen.

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Das betrifft die Industrieregionen in der Steiermark in Österreich genauso, wie etwa eine Stadt wie Steyr in Oberösterreich. Hier waren die Steyr-Daimler-Puch-Werke jahrzehntelang das Leitunternehmen, sie gehen zurück auf die Josef Werndls Waffenfabrik aus dem 19. Jahrhundert. Ab Ende der 1980er Jahre ging es mit dem Unternehmen bergab, bis es filettiert wurde. Die Panzerproduktion wurde eingestellt, Sturmgewehre werden jetzt von einem eigenen Unternehmen für den Weltmarkt produziert, MAN übernahm den Nutzfahrzeugsektor, BMW die Motorenproduktion. SKF produziert Kugellager. Aber über die gesamten vergangenen dreißig Jahre hörte der Strukturwandel nicht auf. Die Krise bestimmte sein ganzes Leben, erzählt Ernst Schönberger, ab den neunzigern Betriebsrat bei MAN. „Einige Jahre lang sind regelmäßig Hundertschaften an Beschäftigten entlassen worden“, erzählt er. Schönberger: „Die Angst ist nie mehr weg gegangen.“

In einer Industriestadt wie Nürnberg in Bayern hört man ganz ähnliche Geschichten wie in Steyr. „Die Menschen waren über Jahre mit der Verarbeitung des Leids beschäftigt“, erzählt Olaf Klump-Leonhardt. Der große, drahtige Mann war fast zwei Jahrzehnte in verschiedenen Funktionen in der Verwaltung damit befasst, die Stadt aus der Krise zu führen. „Massenarbeitslosigkeit war plötzlich ein Phänomen“, erinnert Klump-Leonhardt sich an die achtziger Jahre. Es begann mit dem Untergang der Firma Triumph-Adler, ging weiter mit der Pleite von Grundig, dem Kollaps legendärer Leitfirmen wie Quelle und dem radikalen Stellenabbau bei AEG. „Es gab mehr stilles Leiden statt große Proteste.“

Hinter Statistiken und Schlagzeilen gehen oft die Geschichten der Menschen verloren. Und unsere Vorstellungen von Industriekultur sind oft von der materiellen Kultur geprägt. Wenn wir vor einer Dampfmaschine stehen erschlägt der Eindruck des Artefakts schnell jede Geschichte jener, die rund um die Maschine arbeiteten. Oft haben wir vielleicht Klischeevorstellungen vor Augen: von männlichen Arbeitern im Blaumann, die in den dreißiger, vierziger oder fünfziger Jahren in langen Kolonnen in die Fabrik gehen. Diese Vorstellungen prägen das retrospektive Bild von der historischen industriellen Arbeiterklasse.

Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts verwandelte sich die Arbeiterklasse „von den Armen zum Volk“, wie das die britische Forscherin Selina Todd nennt, die eine große Studie über die realen arbeitenden Klassen geschrieben hat. Justin Gest, ein amerikanische Forscher, der Feldstudien unter den arbeitenden Klassen im US-Mittelwesten und in London machte, spricht davon, dass diese Arbeiterklassen im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts in das „Zentrum des Bewußtseins“ ihrer Nationen rückten. Sie machten einen Aufstieg, hatten politische Repräsentation und konnten Respekt für ihre Werte einfordern, etwa, dass jedem für harte Arbeit ein Gegenleistung zusteht, dass die „einfachen Leute“ ein Stück vom Wohlstand abbekommen sollten und so weiter. Die Arbeitsbeziehungen in der Fabrik stifteten Solidarität und sie griff auch auf das sonstige soziale Leben über, etwa auf Freizeitaktivitäten. Man grillte mit den Kollegen am Wochenende, die Männer gingen zu den Spielen der lokalen Fußballvereine.

Zugleich waren diese „arbeitenden Klassen“ natürlich nie so homogen, wie sie im Rückblick scheinen. Deswegen meinen ja nicht wenige Historiker – auch auf die Arbeiterklasse der Vergangenheit gemünzt –, dass der Begriff der „arbeitenden Klassen“ (also im Plural!) viel zutreffender wäre.

Es ist auch eine moderne Mythologie, wenn man aufgrund des Strukturwandels weg von der gewerblichen Großfabrik vom einem Verschwinden der arbeitenden Klassen sprechen würde. Sie existieren immer noch und sie sind wie je heterogen, nicht homogen. Wer gehört heute dazu? Die Arbeiter bei Mercedes in Stuttgart oder bei MAN in Nürnberg. Die Köche in unserem Lieblingsrestaurant. Die Kindergärtnerin. Verkäufer im Supermarkt, die Frauen, die die Regale auffüllen. Das Pflegepersonal im Spital. Der Mann, der unsere Heizung wartet. Die Beschäftigten am Bau, vom Maurer bis zum Polier. Der Mechatroniker im mittelständischen Exportunternehmen. Die Leute von der Müllabfuhr und die Busfahrer. Der Lehrer in der Grundschule. Die junge Frau im Call-Center. Die Technikerin bei der Mobilfunkfirma. Die Burschen, die die elektrischen Tretroller einsammeln und aufladen. Die Programmierer und Designer, die stundenlang im Büro hinter dem Computer sitzen. Die prekäre Datenverarbeiterin. Der Azubi. Der Lkw-Fahrer. Die junge Teilzeitkraft im Fast-Food-Restaurant. Gabelstaplerfahrer. Dachdecker. Die Leute vom E-Werk, die die Leitungen legen, die Frauen und Männer von der Telekom, die das Breitband in den Häusern hochziehen. Die Paketschupferin bei Amazon. Die Zugbegleiterin bei der Deutschen Bahn. Der Monteur mit Eigenheim. Der Erntehelfer. Die Ganztagespflegerin aus Bulgarien. Der arbeitslose Fiftysomething, der in seiner dritten sinnlosen Umschulungsmaßnahme steckt. Der Prekäre, der sich durchkämpft.

Wenn wir auf die historischen Industriedenkmäler blicken, wie auf stählerne oder steinerne Zeugen einer vergangenen Kultur, sollten wir auf die Geschichten der Menschen achten, die hier arbeiteten – und auf die Geschichten jener Menschen, die heute die arbeitenden Klassen bilden. Diese Geschichten kommen in unseren öffentlichen Debatten praktisch nicht vor. Die Menschen sind unrepräsentiert, ihre Hoffnungen, ihre Lebenswelten und auch ihr Leid, sie sind in den heutigen politischen Diskursen oft nicht einmal artikuliert.

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