Geborene Verlierer? Nein!

Bei uns kann es jeder nach Oben schaffen? Theoretisch ja, praktisch naja. Die Lehrerin und Journalistin Melisa Erkurt hat jetzt ein Buch darüber geschrieben, wie Zuwandererkinder unten gehalten werden.

„Österreich“, 19. 8. 2020

Vielleicht kennen Sie das Gefühl, wenn man in Gruppen gerät, und spürt: Man gehört da nicht dazu. Und wenn man spürt, dass das mit Klassenzugehörigkeit zusammenhängt. Wer nicht mit goldenen Löffeln im Mund geboren wurde, der erlebt das gelegentlich – und wenn man richtig Pech hat, erlebt man es ständig. Dass man von Oben herab, etwas herablassend von den vermeintlich besseren Leuten behandelt wird. Arbeiter-, aber auch Bauernkinder haben diese Erfahrung seit Jahrzehnten immer wieder gemacht: dass sie doch nie gut genug sind, weil sie die Bücher nicht kennen, mit denen man in gehobenen Haushalten wie selbstverständlich aufwächst; dass ihre Motivation untergraben wird, weil sie Dialekt oder Straßenslang sprechen und man ihnen klarmacht, dass aus ihnen sowieso nicht viel wird. Es sind diese Nadelstiche, die dazu beitragen, dass sich an Klassenspaltungen nichts ändert. Wessen Selbstbewusstsein dauernd untergraben wird, der wird es erstens eher selten schaffen, sich durchzubeißen und – wenn doch –, dann in aller Regel nie die arrogante Aufgeblasenheit erlangen, die für die gehobenen Kreise so typisch ist.

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Und jetzt stellen wir uns vor, es kommt noch eine Verschärfung hinzu: Du bist ein Kind von Zuwanderern. Deutsch ist nicht deine Muttersprache, deine Eltern beherrschen die Sprache gar nicht oder nur schlecht, du kommst aus einem Arbeiterhaushalt. Du bekommst vom ersten Moment an zu verstehen: Du gehörst hier nicht dazu. Aus dir wird wohl nichts. Wie schwer ist das dann erst!

Die junge Journalistin Melisa Erkurt hat darüber jetzt ein Buch geschrieben. Sie hat selbst eine eigentlich unglaubliche Biografie. Als sie ein Jahr alt war, floh ihre Mutter mit ihr aus dem bosnischen Bürgerkrieg. Ihre Mutter konnte sie kaum unterstützen, ihr Vater, der später nachkam, schon gar nicht. Sie schaffte es dennoch mit viel Glück und Anpassung. Erkurt studierte sogar Germanistik und wurde selbst Lehrerin. Sie hatte einen Draht zu diesen Kindern, weil sie sie verstand – weil sie viel mehr mit ihnen gemein hatte als mit den Lehrerkollegen oder den Gymnasialdirektorinnen. Sie arbeitete in diesem Beruf noch, als sie schon als Journalistin einen Namen machte. Heute ist sie erst 29 Jahre alt und bereits eine der wichtigsten Stimmen unseres Landes. In ihrem Buch „Generation Haram“ beschreibt sie, wie das Selbstbewusstsein von Kindern von früh auf untergraben wird. Weil die Schulen, weil die Lehrer und Lehrerinnen selbst instinktiv diese Klassenspaltungen vertiefen. Wie viele tolle Kinder es in den sogenannten Brennpunktschulen dennoch schaffen, obwohl sie es verdammt schwer haben. Sie schreibt über Kinder, deren Schulleistungen „durchschnittlich“ sind, obwohl ihnen ihre Eltern nicht helfen können, obwohl sie mit drei Geschwistern in einem Zimmer leben und nie ungestört lernen können, obwohl sie selbst noch den kleinen Geschwistern helfen, obwohl sie für ihre Eltern übersetzen müssen. Obwohl sie dauernd miterleben müssen, dass ihre Eltern verächtlich gemacht werden, weil sie nur gebrochen Deutsch sprechen. Wie „überdurchschittlich“ wären diese Kinder, wenn sie es nur ein bisschen leichter hätten? Sie selbst, erzählt Erkurt, wollte nie, dass ihr Vater in die Schule kommt – weil sie nicht wollte, dass die Lehrerinnen sie als „bildungsfern“ abstempeln. Sie werde, schreibt sie nun, mit aller Kraft dafür kämpfen, dass es künftige Generationen einfacher haben.

Gut, dass wir solche Kämpferinnen haben.

Jeder Lehrer, jede Lehrerin sollte dieses Buch lesen.

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