Die Zeit ist überreif

Vier-Tage-Woche – warum nicht? Arbeitszeitverkürzung ist sowieso längst überfällig.

Pamela Rendi-Wagner hat es mit ihrer Forderung nach einer Vier-Tage-Woche tatsächlich geschafft, ein Thema zu setzen. Die Diskussion über Arbeitszeitverkürzung nimmt aber auch in Deutschland Fahrt auf. Auch die IG-Metall, die größte und mächtigste Gewerkschaft der Welt, schlägt eine Vier-Tage-Woche vor.

Man könnte jetzt meinen, diese Forderungen kommen etwas zur Unzeit: viele der arbeitenden Leute, die davon profitieren würden, haben gegenwärtig andere Sorgen. Sie fragen sich, ob sie in drei Monaten überhaupt noch einen Job haben werden. Und Forderungen nach Arbeitszeitverkürzungen setzt man leichter in einem Boom durch als in einer Krise, in der viele Unternehmen ohnehin keine Finanzpolster mehr haben. Wenn die Wirtschaft brummt, haben die Firmen genug Geld, aber jetzt?

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Aber wir sollten auch eines nicht vergessen: Dass eine Arbeitszeitverkürzung unfinanzierbar sei, viel zu teuer für die Unternehmen, dass sie sie ihre internationale Konkurrenzfähigkeit untergraben würde – das hat man immer gehört in den vergangenen 150 Jahren. Das war schon das beliebte Argument, als der 11-Stunden-Tag reduziert wurde, es war zu hören, als vor 100 Jahren die 48-Stunden-Woche eingeführt wurde, oder vor 70 Jahren, als die 45-Stunden-Woche kam und auch vor 50 Jahren, als endlich die 40-Stunden-Woche als Obergrenze der Normalarbeitszeit eingeführt wurde.

Pleitewellen gab es dann trotzdem nie.

Und ja: Als 1918/19 der Acht-Stunden-Tag durchgesetzt wurde, da war auch nicht gerade Boom und Hochkonjunktur.

Selbstverständlich bedeutet eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn für die meisten Unternehmen eine Kostensteigerung. Ein Teil der Arbeit wird produktiver gestaltet, für den anderen Teil der Arbeit braucht man mehr Stellen. Aber das ist ja auch der Sinn der Sache. Aber: Noch nie wurde eine Arbeitszeitverkürzung über Nacht eingeführt, sondern in Schritten über einige Jahre verteilt. Das kostet sie auch nicht mehr als eine jährliche KV-Erhöhung von einem Prozent. Kein Unternehmen geht deswegen bankrott.

Zwischen 1870 bis 1970 wurde die Arbeitszeit von etwa 60 auf 40 Wochenstunden reduziert. Ist unser Land deswegen verarmt? Nein, im Gegenteil: Währenddessen wuchs der Wohlstand nicht nur, er wurde auch ein klein wenig gerechter verteilt. Im Grunde ist eine weitere Arbeitszeitverkürzung längst mehr als überfällig. Denn in den vergangenen fünfzig Jahren hat sich praktisch gar nichts mehr getan. Schlimmer: die Arbeitszeit blieb gleich, der Stress bei den meisten nahm noch zu.

Natürlich werden wir uns mit Arbeitszeitverkürzung allein nicht aus der tiefen Covid-19-Wirtschaftskrise retten können. Dafür wird es auf Jahre hinaus staatliche Investitionen und Konjunkturprogramme brauchen. Das macht aber nichts. Es gibt ohnehin sehr viel Sinnvolles, wo das Geld hinein investiert gehört.

Aber das Hauptargument für eine Vier-Tage-Woche ist sowieso ein anderes: mit Automation, Robotern, Digitalisierung werden immens viele Jobs wegfallen und unnötig werden. Das ist an sich ja großartig, dass uns die Maschinen die Arbeit abnehmen. Aber die Früchte des Fortschritts werden wir nur ernten, wenn das nicht zu Massenarbeitslosigkeit führt. Deshalb ist eine massive Arbeitszeitverkürzung absolut notwendig.

Österreich, August 2020

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