Hör auf zu schreien!

Die Menschen haben die Polarisierung satt und die Unversöhnlichkeit. Gesprächsfähigkeit über Meinungsunterschiede hinweg ist ein Grundwert der Demokratie.

Die Bürger und Bürgerinnen sind in einem Klima der Polarisierung über wenig einer Meinung – außer darüber, dass ihnen die Polarisierung auf die Nerven geht. Das ergab unlängst eine groß angelegte Studie der deutschen „Friedrich-Ebert-Stiftung“. Eigentlich wollten die Forscher*innen herausfinden, ob es nicht auch bei den polarisierenden Themen wenigstens ein paar Haltungen gibt, die Konsens sind und die daher Ausgangspunkt vernünftiger Gespräche sein können. Aber dann ist man draufgekommen, dass die beteiligten Bürger und Bürgerinnen nur über eines einen Konsens finden können: dass sie die Unversöhnlichkeit satt haben. Das ist das einzige was sie eint. Ansonsten sind sie „polarisiert“. Wobei: Wenn Menschen einmal ins Gespräch kommen, dann können sie den Argumenten der Gegenseite etwas abgewinnen, weil sie es müssen. Sie müssen den Argumenten zuhören, sie müssen sachlich antworten.

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Wir können davon ausgehen, dass die Ergebnisse einer solchen Studie in Österreich nicht sehr viel anders ausfallen würden. Es gibt nicht nur politische Meinungsverschiedenheiten, sondern zunehmend krasse Polarisierung zu zunehmend absurderen Themen. Das betrifft ja nicht nur dieses Langzeit-Emotionsthema Migration und die faktische Multikulturalität unserer Gesellschaft, sondern Themen wie Klimawandel, das Fahrradfahren, neuerdings das Maskentragen, ob man eine Pandemie für gefährlich hält oder nicht. Wenn man einmal kurz nachdenkt, kommt man drauf, wie absurd manche Emotions-Themen sind. Das Fahrrad beispielsweise: Es ist ein klasses Verkehrsmittel, man kommt schnell durch die Stadt, es ist auch als Sportgerät beliebt, und gesund ist es auch, wenn man sich bewegt; zugleich ist es natürlich manchmal unpraktisch, etwa für einen Großeinkauf im Baumarkt ist es eher ungeeignet und bei Schneelage auch. Wie absurd ist es, dass es zum Thema verrückter Ideologie-Kontroversen wird?

Die Menschen haben die Polarisierung einfach satt, weil sie das Leben erschwert: Familienfeste, das Geplauder im Sportverein, der Abend mit den ehemaligen Schulkollegen – all das wird mühsam, wenn sofort Streit anfängt. Viele Leute haben sich angewöhnt, mögliche Streitthemen gar nicht anzusprechen. Was die Forscher übrigens auch heraus gefunden haben: polarisiert ist „die Gesellschaft“, weil die Minderheiten an den Polen den Ton angeben. Die allermeisten Menschen sind aber in den Grauzonen zwischen den Polen. Die ziehen sich immer mehr schweigend zurück. Nur: Wenn die Irren laut sind, die Vernünftigen aber die Klappe halten – dann wird das Klima natürlich noch irrer.

All das ist nicht gut. Ein Land ist lebenswerter, wenn Menschen unterschiedlicher Meinungen auf vernünftige Weise Argumente austauschen können. Wenn man sich darauf einigt, dass man sich wenn möglich an Fakten und die Realität hält und sich nicht seine Fake-Wirklichkeit erfindet oder auf Basis von Wahnvorstellungen argumentiert. Dann kann man immer noch gegensätzlicher Meinung sein, wird aber auch sehr schnell feststellen, dass in einer komplexen Welt oft beide Seiten wichtige Gesichtspunkte vortragen. Denn die Welt ist nur selten Schwarz-Weiß. Es ist ein Grundwert in pluralistischen Demokratien, über Meinungsgrenzen hinweg gesprächsfähig zu sein.

(Österreich, 13. August 2020)

2 Gedanken zu „Hör auf zu schreien!“

  1. Eine sehr interessante Studie und eine sehr gute Interpretation von dieser! Man kann das Argument bzgl der Rolle von Meinungsverschiedenheiten in Demokratien mM sogar noch verstärken, da diese ja bis zu einem gewissen Grad geradezu der Grund für die Entstehung unserer demokratischen Strukturen sind. So gesehen muss Demokratie Meinungsverschiedenheiten nicht nur aushalten, sondern basiert regelrecht auf ihnen. Dass diese deshalb in extreme Polarisierung und Lagerbildung ausarten müssen, ist aber nicht unbedingt notwendig, das denke ich auch.
    Mir würde nur noch die Frage bleiben, wo man diese Studie finden kann? Meine Internetrecherche bzw. jene auf der FES Homepage war leider nicht erfolgreich… Über Hinweise wäre ich sehr dankbar! 🙂

  2. Eine sehr interessante Studie und eine sehr gute Interpretation von dieser. Man kann das Argument bzgl der Rolle von Meinungsverschiedenheiten in Demokratien mM sogar noch verstärken, da diese ja bis zu einem gewissen Grad geradezu der Grund für die Entstehung unserer demokratischen Strukturen sind. So gesehen muss Demokratie Meinungsverschiedenheiten nicht nur aushalten, sondern basiert regelrecht auf ihnen. Dass diese deshalb in extreme Polarisierung und Lagerbildung ausarten müssen, ist aber nicht unbedingt notwendig, das denke ich auch.

    Mir würde nur noch die Frage bleiben, wo man diese Studie finden kann? Meine Internetrecherche bzw. jene auf der FES Homepage war leider nicht erfolgreich… Über Hinweise wäre ich sehr dankbar! 🙂

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