Identität, nein danke

Der große karibisch-britische Kulturtheoretiker Stuart Hall in posthumen Schriften und seiner atemberaubenden Autobiografie.

Eine der seltsamen Eigenschaften unserer Zeit ist, dass umso mehr von „kultureller Identität“ die Rede ist, je weniger es davon gibt. Die radikalen Rechten wollen explizit die „Kulturen“ auseinanderhalten, linke Identitätspolitik hält eine Äußerung für unangreifbar, sobald sie etwa vom Standpunkt einer diskriminierten Identität aus geäußert wird. Beide tappen in die Falle eines Identitätsbegriffes, „der dazu neigt, die Verbundenheiten mit den Ursprüngen besonders zu betonen und Kontinuität, Beständigkeit und unveränderliche Verwurzelung unterstellt“. So formuliert das Stuart Hall, der große jamaikanisch-britische Kulturtheoretiker in seinen Lebenserinnerungen. „Vertrauter Fremder – Ein Leben zwischen zwei Inseln“. 82jährig ist Hall vor sechs Jahren verstorben, die Autobiografie ist posthum im Frühjahr erschienen, ebenso wie der Essayband „Das verhängnisvolle Dreieck“, im Vorjahr bei Suhrkamp aufgelegt.

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Hall war zeitlebens der womöglich global prägendste Denker „postkolonialer Theorie“ und luzider Analytiker von Mosaik-Identitäten. In dieser atemberaubenden Autobiografie wird klar, wie sehr ihm das von Kindestagen an in die Wiege gelegt war. Zunächst waren die westindischen, karibischen Inseln seit Jahrhunderten Orte ethnischer Mischung. Der britische Kolonialismus etablierte ein Klassensystem, in dem es zwischen den weißen, kolonialen Oberschichten und den ehemals versklavten, schwarzen Unterschichten koloniale Funktionseliten schwarzer Jamaikaner gab, die zu so etwas wie einer Mittelschicht aufgestiegen waren. Das Erziehungssystem war britisch, sodass die kulturellen Codes des britischen Schulsystems einfach den jamaikanischen Verhältnissen übergestülpt wurden – mit durchaus auch allen skurrilen Seiten (warme Schuluniformen in karibischer Hitze).

Britishness ist kulturelle Fortschrittlichkeit, mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs Hall auf. Seine Eltern wollten nichts mehr als ein konservatives britisches Leben führen. Als der junge Stuart Hall dann die westliche kulturelle Moderne entdeckte, war er fasziniert von der radikalen Avantgarde, rebellierte gegen die „koloniale Ordnung“, war aber zugleich mit der Arroganz der „Idee der Moderne“ konfrontiert, die Aufklärung, philosophische und literarische Errungenschaften des Westens als Gipfel des Fortschritts ansah, alle nichtwestlichen Kulturen dagegen als „unzivilisiert“.

Er lebte in einer Welt des Dazwischen. Erst recht, nachdem er mit einem Stipendium nach England ging. Stets begleitete ihn das Bewußtsein der Differenz: „Oft war ich die einzige Schwarze Person im Raum“, schreibt er über seine Zeit in Oxford. Lässig tat er, wenn er mit seinen weißen Freunden in den Pub ging, „indessen war mein Körper immer angespannt, als wollte er sich gegen die heimlichen Blicke wappnen, auch wenn sie nicht bewusst feindselig waren.“ Als dann kurz nach seiner Ankunft in einer ersten großen Migrationswelle karibische Arbeitsmigranten nach England kamen, begegnete er einer Unterschicht von „Landsleuten“, mit denen er daheim nichts zu tun hatte. Schnell kam ein ganz neuer Rassismus auf, der nicht nur mit „Race“ und Fremdheit zu tun hatte, sondern mindestens so viel mit Klasse, also Armut.

Retrospektiv sieht sich Hall, der ab den sechziger Jahren zu einer Zentralfigur der Neuen Linken wurde, als „Historiker der Gegenwart“, der alle Begriffe auseinandernimmt, die nicht mehr stimmen. Rasse, Ethnie, Nation. Alles hohl gewordene Phrasen. Schwarze Haut ist ein mächtiger Marker von Differenz, auch wenn wir hundertmal intellektuell erklären, dass es Menschenrassen nicht gibt. Das Wort Ethnizität ist schnell gebraucht, aber hat ein Austrotürke, der in Ottakring aufwächst, mit türkischem Fernsehen, amerikanischen Rap, wienerischer Sprache, saudischem Islam und Turnschuhen aus Asien eine „Ethnizität“, und wenn ja, welche? Vielleicht hat er ja eine subjektive Identität, aber dann eine, die eigentlich das Gegenteil von Identität ist – denn sie kann übermorgen schon wieder anders geformt sein.

Stuart Hall: Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse Ethnie Nation. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp-Verlag, 2019. 211 Seiten. 28,80.- Euro

Stuart Hall: Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln. Deutsch von Ronald Gutberlet. Argument-Verlag, 2020. 303 Seiten. 37,10 Euro

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