Wo jeder jeden kennt hat es das Virus leicht.

Treiber der Pandemie sind ja immer nur die anderen. Ein fataler Irrglaube – der der eigentliche Treiber der Pandemie ist.

Der Seuchenstress schlägt sich nicht nur auf das Gemüt, sondern auch auf die Sprache. Mit Massentests können wir Infizierte aus der Bevölkerung „herausfischen“ und „isolieren“, wird salopp kommentiert, und manchmal wird gelobt, dass sich die Bevölkerung – oder auch nur Teile von ihr – „diszipliniert“ verhalten. Und auch wenn wir keine unverantwortlichen Falotten sein wollen, so wollen wir doch nirgends „herausgefischt“ werden und wir reagieren auch allergisch darauf, wenn wir „diszipliniert“ oder wie Kleinkinder behandelt werden. Ich persönlich sehe mich lieber als jemanden, der sich aus freien Stücken verantwortungsvoll und vorsichtig verhält, und weniger gerne als „diszipliniert“. Das Wort hat mindestens einen Beiklang der Freudlosigkeit. Eigentlich klingt es verdammt nach Untertan. „Diszipliniert“ das sind Soldaten beim Exerzieren, die im Gleichschritt marschieren.

Nennen wir es einfach „vernünftig sein“. Es ist vernünftig, während einer Pandemie vorsichtig zu sein, sich selbst zu schützen und damit auch die älteren Familienangehörigen. Freilich, mit der Sprache hören die Probleme nicht auf. Eine der Eigenarten von uns Menschen ist, dass wir das eigene Verhalten gerne als vernünftig ansehen, und dabei mit uns nicht allzu streng sind – während andere, zumal Unbekannte, da auf weniger Nachsicht rechnen können. Ich bin ja vernünftig, ich treffe ja nur Tante Erna, Oma Hildegard und meine fünf besten Freunde, und die sieben kenne ich ja genau. Bei denen weiß ich ja, die sind vorsichte Leute und waschen sich sogar drei Mal am Tag die Hände. Aber bei den Fremden, bei denen weiß man nicht so genau.

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Dass man die eigene Umgebung für sicherer hält als die der Anderen, diese Eigenart hat die „Süddeutsche Zeitung“ diese Woche herrlich beschrieben. Motto: „Treiber der Pandemie? Ich doch nicht.“ Dummerweise ist gerade dieses falsche Sicherheitsgefühl der Treiber der Pandemie. Mit Erstaunen stellen wir gerade fest, dass eine Millionenstadt wie Wien viel besser durch die Krise kommt als ländliche Gegenden. Wo jeder jeden kennt hat es das Virus leicht.

Ein Gedanke zu „Wo jeder jeden kennt hat es das Virus leicht.“

  1. Polizisten, die Leute anhalten und schikanieren, wie immer, statt weg von uns und auf Abstand zu bleiben: „Treiber der Pandemie? Ich doch nicht.“

    Politiker, die sich ständig treffen, um uns gegen unseren Willen zu beherrschen: „Treiber der Pandemie? Ich doch nicht.“

    Religiöse, die sich treffen, weil Gottesdienste in vielen Ländern von den Ausgangsbeschränkungen ausgenommen sind: „Treiber der Pandemie? Ich doch nicht.“

    „Dummerweise ist gerade dieses falsche Sicherheitsgefühl der Treiber der Pandemie“

    Ja, wenn man von Dummen beherrscht wird die einem alle Wege, das zu ändern, verschlossen haben.

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