Die Betrogenen

Sebastian Kurz hatte Fans und glühende Anhänger, die einem Trugbild aufsaßen. Wie fühlen die sich jetzt eigentlich?

Aus dem privaten Leben ist das wahrscheinlich vielen von uns vertraut: Eine Person, die uns nahe steht, ist in einer Beziehung, die ihr nicht gut tut. Alle sehen, dass der Partnerin oder der Partner diese vertraute Person manipuliert, dass das eine toxische Beziehung ist. Aber genau die emotionalen Verstrickungen, die diese Beziehung zu einer toxischen machen, führen dazu, dass die uns vertraute Person an diesem Partner oder dieser Partnerin hängt, sie vergöttert, ein völlig irreales Bild aufbaut. Alle wissen: diese Person ist ein Blender. Nur unsere Freundin findet: diese Person ist ganz großartig. Sie überhöht ihn. Wenn sich dann dieses irreale Bild überhaupt nicht mehr aufrechterhalten lässt, merken wir aber, wie schwer es unserer Freundin oder unserem Freund fällt, sich von ihren Illusionen zu verabschieden. Es ist nicht so, dass es ihr wie Schuppen von den Augen fällt, sondern sie versucht diese Überhöhung noch aufrecht zu erhalten. Sie redet sich alles mögliche schön.

Das ist ja auch verständlich: Es fällt Menschen schwer, sich einzugestehen, völlig falsch gelegen zu haben, einem Trugbild aufgesessen zu sein, das alle anderen rundherum durchschaut hatten. Unser Selbstbild ist gefangen vom Trugbild: Wir wollen uns nicht damit abfinden, dieser Idiot gewesen zu sein, den man mit paar lächerlichen Worten und Gesten und leicht durchschaubaren Methoden derartig an der Nase herumführen konnte. Deswegen neigen wir dazu, das Trugbild noch zu verteidigen, obwohl es sich nicht mehr verteidigen lässt.

Als vertraute Person wissen wir daher, dass es nichts bringt, dieser Person zu sagen: „Du warst ein Trottel, ich habe es dir immer schon gesagt. Ich hab alles durchschaut, aber du warst blind und ein tölpelhaftes Opfer.“ Dann wird sich unsere Freundin oder unser Freund erst recht gegen diese Erkenntnis sperren, da sich niemand von uns gerne als Dummkopf sieht. Daher werden wir unserer Freundin oder unseren Freund einfühlsam Brücken bauen, die es ihr erlauben, das Trugbild langsam zu verabschieden und nach und nach mit der Realität klar zu kommen.

So ähnlich ist es auch in der Politik, wenn Menschen idealisiert, zu einem Idol aufgebaut werden, insbesondere dann, wenn diese Person als „Star“ inszeniert wird, als Messias.

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Menschen sind dann mehr als Wähler und Wählerinnen, sie sind Anhänger. Sie sind Fans. Deshalb denke ich, dass in unserem Land jetzt erst einmal sehr viele Menschen damit klarkommen müssen, von Sebastian Kurz und seiner Truppe nach Strich und Faden betrogen worden zu sein. Es ist völlig klar, dass alle längst sehen, was für einem Rosstäuscher sie da auf den Leim gegangen sind. Aber diese Erkenntnis ist nicht leicht. Die Menschen müssen sich gewissermaßen vor sich selbst verteidigen. Keiner gesteht sich gerne ein: Was war ich für ein Depp. Wie leicht war ich zu täuschen.

Es wird eine Alternative entstehen. Jetzt schon liegen SPÖ, Grüne und Neos mit 51 Prozent weit vor dem Rechtsblock aus ÖVP und FPÖ mit 43 Prozent. Ja, auch eine Regierungsalternative aus den Parteien der Mitte stünde gegenwärtig nicht so da, dass wir alle begeistert auf den Straßen tanzen würden. Wir mäkeln gerne an den gewiss vorhandenen, sichtbaren Schwächen von Pamela Rendi-Wagner oder Werner Kogler herum. Vielleicht sollte man sich ja von der Idealvorstellung vom Wunderwuzzi verabschieden und froh sein, wenn einigermaßen fähige und einigermaßen moralische Leute einigermaßen normal regieren…

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